Grünstadt und Leiningerland
Woran der Klimaschutz vor Ort scheitert
Niemand in Grünstadt braucht ein Auto, der Linienbus hält im Minutentakt vor der Haustür. Die Trinkwasserversorgung ist gesichert, für Starkregenereignisse ist das Leiningerland optimal gewappnet. Jedem Bürger werden eine Photovoltaikanlage und ein E-Auto geschenkt. Die Traumwelt von Elke Vetter, Fraktionsvorsitzende von Bündnis 90/Die Grünen im Stadtrat, Daniel Krauß (SPD), Ortsbürgermeister von Kleinkarlbach, und Mimmo Scarmato, Vorsitzender des CDU-Ortsverbandes Grünstadt-Asselheim-Sausenheim, scheitert an vielen Hürden – vor allem auch an den Finanzmitteln. Der Wille, etwas für den Klimaschutz zu tun, ist gegeben, wie die Teilnehmer einer Podiumsdiskussion zu diesem Thema versichern.
Auch die anderen vier Gesprächspartner sagen das: der Landtagsabgeordnete Christoph Spies (SPD), der Kirchheimer Ortschef Kay Kronemayer (FWG), der VG-Bürgermeister Frank Rüttger (CDU) und der Politik-Neuling Daniel Engel (FDP). Einer der rund 50 Besucher der Veranstaltung in der Alten Lateinschule, zu der der Klimastammtisch Grünstadt-Leiningerland geladen hat, will wissen, wie authentisch diese Beteuerungen sind: „Was unternehmen Sie im privaten Umfeld, um das Klima zu schützen?“ Spies erzählt: „Ich bin gerade in ein neues Haus gezogen und habe erst einmal Wärmedämmung angebracht. Nun folgt ein Schritt nach dem anderen.“ Scarmato hat einen Steingarten entfernt und sich eine PVA mit Speicher sowie eine Gas-Hybridheizung mit Wasserwärmepumpe angeschafft. Vetter erläutert, dass sie weniger Strom verbrauche, als ihre Solarmodule auf dem Dach produzierten.
Auf dem Land ist Autoverzicht schwierig
„Toll wäre es, wenn ich aufs Auto verzichten könnte, aber dann käme ich nicht mehr zur Arbeit“, spricht sie ein Problem an, das vor allem die Landbevölkerung hat. Wer nach den Gründen sucht, ist schnell wieder beim Geld. In Grünstadt komme hinzu, dass die Stadt als Mittelzentrum eine Menge Infrastruktur bereithalten müsse und deshalb weniger Finanzmittel für anderes übrig seien. Kronemayer sagt ganz allgemein zu Klimaschutzmaßnahmen: „Die Kommunen sind monetär nicht ausreichend ausgestattet. Wir würden gern, aber wir können nicht.“ Spies gibt zu bedenken, dass auch in die Abmilderung der Folgeschäden des Klimawandels zu investieren sei: etwa in Katastrophen- und Hochwasserschutz. Krauß blickt auf den Wald, den es unbedingt zu erhalten gelte, auch wenn er „ein klassisches Zuschussgeschäft“ sei, wie er meint.
Mitunter fehlt auch ganz simpel die Fläche, um wirklich einen effektiven Beitrag zur Energiewende leisten zu können. Moderator Guido Dahm berichtet, dass die Verbandsgemeinde schon zu etwa 63 Prozent energieautark ist (allerdings beim aktuellen Verbrauch, der aber in Zukunft steigen wird), Grünstadt dagegen erst zu circa 20 Prozent. Der Mitorganisator des Klimastammtisches fühlt den Kommunalpolitikern angesichts der Zahlen auf den Zahn: „Wollen Sie die 100 Prozent erreichen?“
4000 Gebäudedächer in der Stadt
Die Stadt habe deutlich weniger Platz als die VG, macht Vetter daraufhin klar. Rund 4000 Gebäudedächer stünden etwa 11.000 gegenüber, es gebe kaum Areale für PV-Freiflächenanlagen und für Windräder schon mal gar nicht. Zur Option, welche auf den Grünstadter Berg zu stellen, meint sie mit Blick auf das wertvolle Biotop mit Kalkmagerrasen: „Wir sollten den Artenschutz nicht gegen den Klimaschutz ausspielen.“
Ein Zuhörer verweist auf das ehemalige amerikanische Militärgebiet auf dem Grünstadter Berg, wo der Boden teilweise asphaltiert sei. Der Bereich gehöre dem Bund, macht Scarmato deutlich, dass die Einflussmöglichkeiten auf der kommunalen Ebene begrenzt seien. Auf dem US-Gelände lägen jede Menge Altlasten, informiert Vetter, „sobald man da einen Spaten ansetzt, wird das sehr teuer wegen der aufwendigen Entsorgung“. Auch habe sich die Natur das Areal zurückerobert und das sei gut so. Generell gebe es bei diesem Themenkomplex keine Insellösung, betont die Grünen-Politikerin, die Kooperationen müssten intensiviert werden: „Wir liefern der VG schon lange von unserem Wasser. Wie wär’s, wenn wir Strom aus dem Leiningerland beziehen würden?“
Kommunen haben Vorbildfunktion
Rüttger betont: „Klimaschutz ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe und er muss bei jedem Vorhaben mitgedacht werden.“ Dabei habe die VG auch eine Vorbildfunktion zu erfüllen. Klassisch gebe es drei Stellschrauben: Vermeidung von Energie, effiziente Nutzung von Energie und Kompensation von Versiegelungen oder Umweltzerstörungen. Zusammen mit Heßheim betreibe sie stromautark eine Kläranlage. Auf dem Verwaltungsgebäude in der Industriestraße werde die Energie erzeugt, die drinnen benötigt werde. Die Dienstfahrzeugflotte bestehe aus E-Mobilen. In den nächsten Jahren kämen zu den zwölf Windrädern der VG noch welche hinzu: Möglich wäre das in den Bereichen Obrigheim und Bockenheim sowie Obersülzen und Dirmstein. Mit einigen der modernen 267 Meter hohen Sieben-Megawatt-Anlagen sei die VG dann zu 100 Prozent energieautonom. Der Bürgermeister verweist aber auf ein grundsätzliches Hemmnis: die Kapazität der Stromnetze. Die hätten längst bundesweit ertüchtigt werden müssen. „Es ist beschämend, dass wir das in Deutschland nicht hinbekommen“, so Rüttger. „So lange die Leitungen nicht ausgebaut sind, treten wir auf der Stelle.“ Nicht zuletzt bremse man sich hierzulande mit Bürokratie und Vorschriften aus. Krauß unterstreicht: „Wir müssen dringend schneller werden.“
