Landau
Missbrauchtes Kind: Polizisten schildern Verfolgungsjagd
Tag zwei des Prozesses am Landgericht Landau gegen den 62-Jährigen, der – wie er zum Prozessauftakt selbst eingeräumt hat – am 11. September 2023 ein zehnjähriges Mädchen in Edenkoben entführt und es später in einer ehemaligen Papierfabrik in Lindenberg sexuell missbraucht hat. An seiner Haltung hat sich im Vergleich zum ersten Termin nichts geändert. In Handschellen wird er zu seinem Platz neben seiner Verteidigerin Gabriele Haas aus Ludwigshafen geführt, dort wird er auch an diesem Montag stundenlang vollkommen apathisch sitzen. Es macht ganz den Eindruck, als würde er die Hauptverhandlung einfach nur über sich ergehen lassen.
Ob er den Worten der Vorsitzenden Richterin Claudia Kurtze folgt, ob er ihnen überhaupt folgen möchte, ist fraglich. Sie verkündet zu Beginn des Tages die Entscheidung, dass einige Verfahren, die dem mehrfach wegen Sexualdelikten Vorbestraften in der Anklageschrift zur Last gelegt werden, vorläufig eingestellt werden. Konkret geht es unter anderem um mehrere Beleidigungen, den Diebstahl von Autofelgen, das Fahren ohne Führerschein und um die Weigerung, sich elektronische Fußfesseln anlegen zu lassen. Im Vergleich zu den Anklagepunkten, die übrig bleiben – allen voran Entführung und sexueller Missbrauch des Mädchens –, fielen diese Tatvorwürfe nicht ins Gewicht, begründet Kurtze.
Vater des Opfers sitzt im Gerichtssaal
Dann kann es losgehen mit der Befragung der Zeugen. Am Ende werden es insgesamt zehn sein. Noch bevor sie ausführlich ihre Erlebnisse von der Flucht des Angeklagten am 11. September schildern, treten die Eltern des Opfers in den Zeugenstand – unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Das hatte Matthias Bär, Anwalt der Nebenkläger, als die die Eltern auftreten, so beantragt. Und dem wurde auch ohne Widerspruch und unter Verweis auf den Jugendschutz zugestimmt.
Im Gegensatz zum Prozessauftakt sitzt dieses Mal auch der Vater des Opfers nach seiner eigenen Aussage im Gerichtssaal. Aufmerksam verfolgt er die Zeugenberichte, auf den ersten Blick wirkt er sehr ruhig und gefasst. Erst bei genauerem Hinschauen wird seine Anspannung ersichtlich. So wippt sein Bein pausenlos in hoher Frequenz unter dem Tisch. „Vielen Dank, dass Sie meine Tochter da rausgeholt haben“, gibt er jedem einzelnen Zeugen nach dessen Aussage mit auf den Weg.
Mit Vollgas durch die Ortschaften
Von der abenteuerlichen Flucht von der ehemaligen Papierfabrik in Lindenberg über Kirrweiler, Venningen, Großfischlingen und die A65 bis zum Ort der Festnahme auf der Bienwald-B9 am Langenberg berichten mehrere Polizeibeamte, die dem Angeklagten mit vier Autos auf den Fersen waren. Ihre Aussagen decken sich. Er sei „mit Vollgas, mit allem, was ging“ über die Landstraße und auch durch die Ortschaften gerast. In Kirrweiler habe er sogar einen Streifenwagen mit hoher Geschwindigkeit umfahren, der als Sperre quer auf der Fahrbahn gestanden habe. Mit riskanten Fahrmanövern habe er immer wieder versucht, die Verfolger abzuschütteln. Erst an der A65-Abfahrt Kandel-Süd, an der er auf die B9 in Richtung französischer Grenze wechselte, wurde der Flüchtige von einem Motorschaden jäh ausgebremst. Es sei Rauch aus der Motorhaube aufgestiegen, berichten die Polizisten im Zeugenstand. Daraufhin habe der Gejagte per Handzeichen aus der Fahrerscheibe heraus signalisiert, dass er wohl bald anhalten würde. „Ich habe das interpretiert als ,Ich komme nicht mehr weiter, ihr habt mich““, sagte einer der Zeugen. Dass ein zehnjähriges Mädchen mit im Fluchtwagen war, wussten die Verfolger zu diesem Zeitpunkt nicht mit Sicherheit.
Die gab es erst, als es tatsächlich zur Festnahme kam. Auch dazu gleichen sich die Aussagen der Beamten. Der Angeklagte sei nicht freiwillig aus dem Auto ausgestiegen, weshalb er herausgezerrt werden musste. „Ich wollte sie nur heimfahren“, sagte der 62-Jährige laut den Zeugen. An die Worte „zum Glück habe ich nichts gemacht, Sie können sie auch fragen, ich habe nichts gemacht“ erinnert sich einer der Beamten. Bei seiner Festnahme habe der Angeklagte „emotionslos und kühl“ gewirkt, beschreibt ein anderer Polizist. „Wie ein leerer Mensch.“
Welche Auswirkungen hat die Erkrankung des Angeklagten?
Genau so wirkt er auch gegen Ende des Prozesstages, als er auf Nachfrage von Richterin Kurtze Neuigkeiten zu seiner Krebserkrankung preisgibt. Und die haben es in sich. Befallen seien nicht nur Prostata und Blase, sondern auch die Lunge, erzählt der Angeklagte. Am nächsten Montag werde er in Trier operiert und bekomme dann auch direkt Chemotherapie. „Ich werde nicht nur einmal operiert“, schiebt er nach. Und dann betont er wieder das, was er schon zum Verhandlungsauftakt verkündete: „Ich denke mal, dass ich dieses Jahr sterbe.“ Der Arzt habe ihm zwar Hoffnung gemacht, daran glaube er aber nicht. Seine Ex-Frau habe auch Blasenkrebs gehabt und sei trotz Chemo neun Monate nach der Diagnose gestorben.
Ob die Aussagen zu seinem Gesundheitszustand wahr sind, ist noch unklar. Der OP-Termin am 18. März scheint jedoch fix zu sein. Das hat Auswirkungen auf den weiteren Prozessverlauf. Die Verhandlungstage am 19. und 20. März sind bereits gestrichen, hinter dem am 22. März steht ein Fragezeichen. Ob der Prozess sogar ganz platzen könnte, ist noch nicht absehbar. Möglich sei eine Unterbrechung von bis zu drei Wochen, wie Oberstaatsanwältin Anne Herrmann erklärt. In dieser Woche geht es wie geplant am Mittwoch, 13. März, 9 Uhr, weiter.