Bahnverkehr RHEINPFALZ Plus Artikel Wenn Zugverspätungen fast zur Regel werden

Im November war nur gut die Hälfte der DB-Fernzüge halbwegs pünktlich.
Im November war nur gut die Hälfte der DB-Fernzüge halbwegs pünktlich.

Der schlingernde Staatskonzern Deutsche Bahn verprellt Reisende mit seiner unpünktlichen ICE- und Intercity-Flotte, mit Info-Chaos und Verpflegungsnot.

In weniger als sechs Stunden ohne Umsteigen von Berlin nach Amsterdam – die Fernzugverbindung der Deutschen Bahn AG (DB) zwischen der deutschen Hauptstadt und der niederländischen Metropole ist attraktiv. Zumindest auf dem Papier. Im Alltag erleben Bahnreisende auch auf dieser Strecke nicht selten einigen Ärger. Zum Beispiel an einem Samstag vor einigen Wochen in Amsterdam.

Um 13 Uhr soll der Intercity von Amsterdam aus zurück an die Spree starten. Doch 45 Minuten vor Abfahrt kommt über den DB Navigator die Information aufs Handy, die Abfahrt verzögere sich um fast eine Stunde. Einige Wartende verlassen den Bahnsteig, um noch einen Kaffee zu trinken – und kommen bald wieder eilig und kopfschüttelnd zurück. Denn 15 Minuten später meldet die DB-App, der Zug fahre doch pünktlich.

An der Grenze schließt das Bordbistro

Kurze Zeit später die dritte Korrektur: Nun soll die Abfahrt um 13.35 Uhr sein. Aber nicht mehr an Bahnsteig 10b, sondern an 8b. Was bedeutet, dass alle Reisende ihr Gepäck wieder über Treppen schleppen müssen.

Im Zug folgt der nächste Ärger. Die Reservierungen werden nicht korrekt angezeigt. Fahrgäste ohne Sitzreservierung bleiben im Unklaren, ob sie ihren mühsam gefundenen Platz im fast vollbesetzten IC später freimachen müssen. Rund 90 Minuten nach Abfahrt kommt dann die Borddurchsage, dass das Bordbistro nach der Grenze geschlossen werde und auf deutscher Seite bis zum Ende der Fahrt keine Verpflegung mehr erhältlich sei. Mehr als fünf Stunden müssen die Reisenden ohne Verpflegung auskommen – bis der IC am Abend schließlich mit 60 Minuten Verspätung sein Ziel erreicht.

Verspätung durch „Zugfolgekonflikte“

Was sagt die Deutsche Bahn zu dem Chaos? „Es tut uns sehr leid, dass auf Ihrer Fahrt einiges nicht so geklappt hat, wie es eigentlich sollte“, erklärt ein DB-Sprecher. Für die Bereitstellung der Lok in Amsterdam und die dortigen Infos sei die Partnerbahn Nederlandse Spoorwegen (NS) verantwortlich, die Verspätung habe sich zudem im Laufe der Fahrt vergrößert „durch Zugfolgekonflikte auf dem niederländischen Netz und wegen einer Streckensperrung in Wunstorf“. Die Linie Amsterdam–Berlin verzeichne aber „keine besondere Verspätungsanfälligkeit im Vergleich zu den restlichen Linien im Fernverkehr“, so der lapidare Hinweis.

Tatsächlich erleben Kunden der Deutschen Bahn solche Ärgernisse häufig. In diesem Jahr wird die DB-Fernzugflotte in Sachen Pünktlichkeit voraussichtlich einen weiteren Tiefpunkt erreichen. Bis Ende November lag die Pünktlichkeitsquote bei nur noch 64,4 Prozent, mehr als ein Drittel der Fernzüge fuhr mit mehr als sechs Minuten Verspätung. Im November selbst waren gar nur noch 52 Prozent der Züge halbwegs pünktlich.

40 Hauptstrecken werden monatelang gesperrt

Ab 2024 könnte sich über viele Jahre die Unzuverlässigkeit noch verschlimmern. Denn für Sanierungen im lange vernachlässigten deutschen Schienennetz sollen insgesamt 40 Hauptstrecken monatelang komplett gesperrt werden. Gleich im Januar drohen zudem lange Streiks der Lokführer-Gewerkschaft, die bessere Bezahlung und eine verkürzte Wochenarbeitszeit für Schichtbedienstete durchsetzen will.

Schon 2022 schaffte die DB mit ihrer ICE-Flotte nur noch 65 Prozent Pünktlichkeit und lag damit weit unter dem Ziel von Vorstandschef Richard Lutz. Trotz ihrer miserablen Ergebnisse aber bekam die DB-Führungsriege gerade erst fünf Millionen Euro Boni vom Aufsichtsrat spendiert.

Großer Rückstand in Sachen Pünktlichkeit

Dabei liegt die DB auch weit hinter Nachbarländern zurück. Die ÖBB in Österreich fährt mehr als 80 Prozent ihrer Fernzüge pünktlich, die Schweizer SBB mehr als 90 Prozent – ein Klassenunterschied. Zumal die Schweizer schon Verspätungen ab drei Minuten einrechnen und nicht erst ab sechs Minuten wie die DB, die überdies komplette Zugausfälle unberücksichtigt lässt, sonst sähe ihre Statistik noch desaströser aus.

Die prozentualen Durchschnittswerte, die der Konzern veröffentlicht, täuschen zudem darüber hinweg, wie massiv die Zugverspätungen tatsächlich sind. Wer als DB-Kunde Pech hat, erwischt einen jener ICE, die drei oder gar vier Stunden dem Fahrplan hinterherfahren. Das frei zugängliche Onlineportal Zugfinder.de erfasst und dokumentiert täglich akribisch solche krassen Verspätungen der DB-Zugflotte. Auch auf der Verbindung Berlin-Amsterdam und umgekehrt.

Verspätung von 251 Minuten

Von jeweils rund 1500 Fahrten bis Oktober waren demnach bei der Ankunft in Berlin 458 Züge mehr als fünf Minuten verspätet. Im Schnitt lag die Verspätung bei gut 33 Minuten, im schlimmsten Fall waren es am 22. Juni sogar 251 Minuten, also mehr als vier Stunden. In Gegenrichtung kamen 589 Züge in Amsterdam deutlich verspätet an, im Schnitt um 28 Minuten und im Extremfall um 143 Minuten.

Für den Datenexperten Johannes Schubert von Zugfinder.de sind solche Werte angesichts der alltäglichen Verspätungsquoten der DB-Flotte nicht außergewöhnlich. Auffällig sei aber, wie oft die Züge auf dieser langen internationalen Verbindung schon verspätet starten.

Einsatz von ICE L soll für Besserung sorgen

Die DB verspricht wieder mal Besserung. Die Fahrtzeit zwischen Berlin und Amsterdam hat sich seit dem Fahrplanwechsel am 10. Dezember um rund 30 Minuten verkürzt, weil nun Mehrsystemloks eingesetzt werden, wodurch der zeitraubende Lokwechsel an der Grenze entfällt. Zudem gebe es ein neues Haltekonzept auf dieser Linie.

Ab Ende 2024 soll dann zwischen Berlin und Amsterdam statt der betagten Intercity-Wagen der neue hochmoderne ICE L schrittweise bis 2026 zum Einsatz kommen. Die Reisezüge, die der Hersteller Talgo in Spanien fertigt, bieten erstmals stufenfreien Einstieg und haben ein kleines Restaurant mit zwölf Sitzplätzen.

Bis dahin allerdings müssen Bahnkunden in der gesamten Intercity-1-Flotte ohne Bistro auskommen, denn die letzten 20 störanfälligen Wagen hat der Konzern Anfang Dezember ausrangiert. Der gastronomische Service beschränkt sich nun auf einige Kalt- und Heißgetränke sowie Snacks, die ein Mitarbeiter mit Schiebewagen in den Abteilen verkauft.

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