Schleuser
Polen: Das schmutzige Geschäft mit den Flüchtlingen
An der Ampel steht ein dunkelgrauer Transporter. An seiner Seitenwand glänzt die grüne Schrift einer Autovermietung im Sonnenlicht. Drei Männer sitzen vorne. Dunkle Haare, Dreitagebart. „Fahrer und Beifahrer passen ins polizeiliche Raster“, sagt Polizeioberkommissar Andreas Klemm (
„Den Schleusern ist es egal, was mit den Menschen hinten im Wagen passiert“, sagt Hauptkommissar Michael Engler, 53, Sprecher der Bundespolizeiinspektion Ludwigsdorf. Das Einsatzgebiet der Inspektion umfasst 97 Kilometer Grenzlinie entlang der Neiße und elf Grenzübergänge nach Polen. „Es ist nur eine Frage der Zeit, bis es auch bei uns zur Katastrophe kommt“, so Engler. Leblose Personen auf der Ladefläche oder Tote durch Fluchtfahrten sind Horrorszenarien für jeden Polizisten. Erst im Juli ist in der Nähe der sächsischen Stadt Pirna ein Kleintransporter auf der Flucht vor der dortigen Bundespolizei verunglückt. Eine junge Frau starb. „Die Schleuser kennen keine Gnade, quetschen bis zu 40 Personen in einen Transporter rein, machen keine Pausen, reichen kein Wasser“, sagt Engler.
„Es gibt keinen Tag mehr ohne Migranten“
Die Anzahl der unerlaubten Einreisen über die sächsisch-polnische Grenze ist in den vergangenen Monaten rasant angestiegen. Über 10.000 Geflüchtete bis einschließlich August waren es, die ohne nötige Ausweispapiere, Aufenthaltstitel oder Visa eingereist sind – mehr als das Dreifache des Vorjahreswerts. Tendenz weiter steigend. „Es gibt keinen Tag mehr ohne Migranten.“ Das war vor zwei Jahren noch anders. Michael Engler nennt es „die Stunde Null“.
Alles begann an einem Wochenende Anfang August 2021, als plötzlich 21 Iraker in einer kleinen Ortschaft im Landkreis Görlitz auftauchten. Anwohner alarmierten die Polizei. „Zu diesem Zeitpunkt hat niemand gedacht, dass das der Startschuss zu dieser Migrationslage sein würde.“ In den Tagen darauf tauchten weitere Migrantengruppen in der Region auf. Schnell gab es auf dem Einsatzgebiet der Bundespolizei Ludwigsdorf kaum noch weiße Flecken. „Viele der illegal Eingereisten kamen über die Belarus-Polen-Route nach Deutschland“, sagt der Polizeisprecher.
Polen ist Drehkreuz für Asylmigration geworden
Unabhängig von den Ereignissen an der Grenze nahm im Sommer 2021 bei der Bundespolizei in Ludwigsdorf eine sechsköpfige zivile Fahndungseinheit den Dienst auf. Sie sollte die Einsatzkräfte vor Ort bei Verstößen gegen das Aufenthaltsgesetz oder der Fahndung nach gestohlenen Fahrzeugen unterstützen. Menschenschmuggel spielte damals noch eine untergeordnete Rolle. Heute ist die verdeckte Einheit mit der Fahndung nach Schleusern voll ausgelastet.
„Die Ereignisse überschlagen sich“, sagt Michael Engler, „wenn die Lage brennt, wird jeder gebraucht.“ Und sie brennt. Polen ist zum Drehkreuz für die Asylmigration geworden. In Ludwigsdorf kommen zwar kaum noch Geflüchtete über die Belarus-Polen-Route an, dafür steigen die Zahlen der irregulären Migranten, die über die Balkanroute nach Polen und dann weiter nach Deutschland flüchten, sprunghaft an. Nicht nur die polnisch-deutsche Grenze, auch die Grenzregionen zu Tschechien, Österreich und der Schweiz sind betroffen.
Die organisierte Kriminalität mischt mit
Schleusungen sind zu einem Milliardengeschäft geworden, in dem die organisierte Kriminalität mitmischt. Zu lukrativ ist das Geschäft mit der Not. Die Geflüchteten zahlen bis zu fünfstellige Beträge an die Schleuser, für die viel auf dem Spiel steht. Nicht zuletzt ihre Freiheit. Der Druck ist groß, die Brutalität steigt – auch gegenüber der Polizei. „Im vergangenen Herbst wurde ein Beamter von einem Schleuser bis zur Bewusstlosigkeit gewürgt“, sagt Andreas Klemm.
Auch Polizeihauptmeisterin Jasmin Boll ist Teil der zivilen Fahndungseinheit. Auf ihrem Handy zeigt sie Bilder der „Abladeorte“. Jacken, Schlafsäcke, Wasserflaschen liegen im hohen Gras verstreut. Das nächste Bild zeigt ein Kampfmesser in der Ablage eines Schleuserfahrzeugs. „Die Angst, dass einer durchdreht, begleitet uns.“
Geflüchtete kommen in „Bunkerwohnungen“
Das verdeckte Ermittlerteam biegt einige Autos hinter dem grauen Transporter mit der grünen Aufschrift auf die B 115 ab. Über das Funkgerät ruft es ein zweites Team hinzu. „Wir hängen uns dran.“ Kurzfristige Observationen lässt das Bundespolizeigesetz zu. Sie gehören zum Alltag des Teams. Oft warten sie Stunden bis etwas passiert, mal als Angler getarnt am Fluss, mal als flanierendes Touristenpaar. Sie müssen unentdeckt bleiben, tragen Alltagsklamotten. Wer auffliegt und mit Bild in die Chatkanäle der Schleuser gerät, kann den Job nicht mehr machen.
Jasmin Boll blickt auf den grauen Transporter, der eine Runde im Kreisel dreht und die gleiche Strecke zurückfährt. „Das könnten Abholer sein“, sagt sie und nimmt die Verfolgung auf. Viele Schleuser gehen nach dem gleichen Muster vor. Ein Fahrzeug bringt die Geflüchteten über die Grenze, während ein zweites Team die illegal Eingereisten am verabredeten Treffpunkt abholt. Die Fahnder könnten die drei Männer in dem Kastenwagen problemlos stoppen. Doch sie wollen mehr erfahren über die Bewegungen der Schleuser, über „Bunkerwohnungen“, in denen Geflüchtete „zwischengelagert“ werden und mögliche Hintermänner.
„Heute ist Totenstille, ist irgendwie unheimlich“
Das Polizeiduo fädelt sich in den Verkehr ein, lässt mehrere Autos zwischen sich und dem verdächtigen Fahrzeug. Doch heute ist das Glück nicht mit den Beamten. Der graue Transporter biegt an einer Ampel ab, kurz bevor sie auf Rot springt. Zwei Minuten später ist das „Zielfahrzeug“ nicht mehr auffindbar. Sie suchen noch weitere zehn Minuten, fahren die bei Schleusern beliebten Stellen in der Gegend an. Feldwege, Nischen in Wäldern, abgelegene Parkplätze. Erfolglos. „Abbruch“, sagt Andreas Klemm ins Funkgerät.
„Heute ist Totenstille, das ist irgendwie unheimlich“, sagt Jasmin Boll. Das vierköpfige Einsatzteam, das heute in zwei Fahrzeugen unterwegs ist, trifft sich an einer Fußgängerbrücke über die Neiße, die gemächlich unter der Brücke hindurchfließt. Ringsherum grüne Wiesen, ein kleines Wäldchen. Ein Parkplatz für Ausflügler, die einfach mal rauswollen in die Natur. Zwei unauffällige Fahrzeuge der gehobenen Mittelklasse in gedeckten Farben fallen hier nicht weiter auf. Das Blaulicht liegt im Fußraum. Dann plötzlich ein Funkspruch. Eine Streife der Bundespolizei hat ein voll besetztes Schlepperfahrzeug gestoppt. Klemm und Boll rennen zu ihrem Auto.
„Strapazen stecken den Menschen in den Knochen“
Fünf Minuten später sind die Fahnder vor Ort. Ein schwarzer Renault Scenic mit polnischem Kennzeichen steht am Rand einer Wiese, eingekesselt von zwei Einsatzfahrzeugen der Bundespolizei. Ein Zufallstreffer. Der Kleinwagen ist in eine Seitenstraße eingebogen, in der eine Polizeistreife stand. Die schnitt dem Pkw den Weg ab. Insgesamt zehn Menschen waren in dem Fahrzeug. Darunter ein 27-jähriger Georgier, der den Wagen fuhr. Ihm werden Handfesseln angelegt. Der Tatvorwurf: Einschleusung von Ausländern unter lebensbedrohlichen Umständen. Noch am gleichen Tag hat er einen Termin beim Ermittlungsrichter im Amtsgericht Görlitz.
Die Geflüchteten werden zur „Bearbeitungsstraße“ der Bundespolizei gebracht, einer alten Lkw-Abfertigungshalle auf dem Gelände des einstigen Grenzübergangs Ludwigsdorf. Die aufgegriffenen Menschen werden hier in Gewahrsam genommen, registriert, durchsucht und erstversorgt, bevor sie ein Zugticket für eine der drei sächsischen Erstaufnahmeeinrichtungen in Leipzig, Dresden und Chemnitz bekommen. Jede ankommende Gruppe bekommt ein Armbändchen. „Sonst verlieren wir bei der Masse an Menschen den Überblick“, sagt ein Beamter. Ein Dolmetscher zeigt auf grüne Metallstühle vor einer blauen Plastikplane im Eingangsbereich der Halle. Zu den Geflüchteten in dem Renault gehörte auch eine kurdische Familie aus dem Süden der Türkei. Das kleinste Kind ist erst acht Monate alt. Seine 25-jährige Mutter Sükran reicht ihm einen Pappbecher mit Wasser. Das Baby trinkt gierig. Zehn Stunden war die Familie in dem Kleinwagen eingepfercht. Dem weißen Wollpullover und den Sneakers der 25-Jährigen sieht man die Strapazen der letzten Tage an. Dreckige Streifen erzählen von langen Fußmärschen und regenreichen Nächten in den Wäldern des serbisch-ungarischen Grenzgebiets. „Die Strapazen stecken den Menschen in den Knochen. Die sind völlig fertig von der Fahrt“, sagt Hauptkommissar Engler. Erfrierungen, Hautkrankheiten, verstauchte Gliedmaßen und offene Wunden sehen die Polizisten häufig. Zu Handgreiflichkeiten ist es noch nie gekommen. „Die Menschen sind einfach nur froh, dass sie es überstanden haben.“
2200 Euro bar auf die Hand
Im Verhör berichtet der Fahrer des Schleuserfahrzeugs, dass er seit eineinhalb Jahren in Polen lebt und dort als Taxifahrer gearbeitet hat. Einen Führerschein hat er nicht. Den Drahtzieher der Schleuserbande habe er während seiner Arbeit kennengelernt. Er fragte ihn, ob er mit dem Transport von Menschen Geld verdienen möchte. Der Lohn: 2200 Euro bar auf die Hand.
Für Sükran und ihre Familie geht es am nächsten Morgen mit dem Zug in Richtung Westen. Ihr Ziel: die Erstaufnahmeeinrichtung in Leipzig. Für ihren Schleuser hat der Amtsrichter Untersuchungshaft angeordnet. Auch seine drei mutmaßlichen Komplizen werden sich vor Gericht verantworten müssen.
Klemm und Boll sind längst wieder auf der Straße unterwegs. „Hinter jedem Fahrer, den wir wegnehmen“, sagt der Ermittler, „warten zwei andere, die den Job übernehmen.“
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Dieser Artikel stammt aus der RHEINPFALZ am SONNTAG, der Wochenzeitung der RHEINPFALZ. Digital lesen Sie die vollständige Ausgabe bereits samstags im E-Paper in der RHEINPFALZ-App (Android, iOS). Sonntags ab 5 Uhr erhalten Sie dort eine aktualisierte Version mit den Nachrichten vom Samstag aus der Pfalz, Deutschland und der Welt sowie besonders ausführlich vom Sport.