Contwig
Helfer bedroht: Tierrettung stellt ihre Arbeit ein
Auf die Eskalation vorm Büro der Contwiger Tierrettung am Mittwoch, wegen derer die Tierrettung letztlich ihre Arbeit einstellte, war bereits seit mehreren Tagen zugesteuert worden. Die Tierrettung wurde am Mittwoch zu einem Einsatz in einem Haus in Contwig gerufen. Die Polizei habe die Helfer beauftragt, dort einen Hund abzuholen, da alle Bewohner in medizinische Behandlung mussten und der Vierbeiner keinen menschlichen Aufpasser mehr hatte. „Der Hund wurde umgehend in Obhut des städtischen Tierheimes gebracht“, schreibt die Tierrettung auf ihrer Facebook-Seite. Die Tierrettung selbst nimmt bei sich in Contwig keine Tiere auf.
Vor Ort wollten die Eigentümer die Inobhutnahme ihres Hundes im Tierheim aber nicht hinnehmen. Wie es hieß, randalierten sie vor dem Büro der Contwiger Tierretter. „Sie traten und klopften über längere Zeit penetrant an die Tür der Verwaltung und machten Klingelterror“, schildern die Tierretter. Die Hundebesitzer waren laut Tierrettung bereits in der Vergangenheit negativ aufgefallen. Bei einem ähnlichen Vorfall hätten sie sogar ein Messer dabeigehabt. Für die Tierretter, so deren Aussage, wurde die Sache zu gefährlich. Deshalb wurde die Polizei verständigt.
Geschockt auch nach Vorfall im Saarland
Nicolai Zöller, Leiter der Polizeiinspektion Zweibrücken, bestätigt auf RHEINPFALZ-Nachfrage den Vorfall vor dem Büro der Tierrettung. Er sagt, dass dort eine Frau lautstark ihren Hund zurückverlangt habe. „Das kann man natürlich als bedrohlich empfinden“, sagt Zöller. Als die Beamten an der Einsatzstelle eintrafen, sei die Frau nicht mehr vor Ort gewesen. Sie konnte jedoch in ihrer Wohnung angetroffen werden, wo sie von den Polizisten ermahnt wurde.
Als Konsequenz aus dem Vorfall vor ihrer Bürotür zieht die Tierrettung nun die Reißleine, stellt ihre Arbeit bis auf Weiteres ein. „Die Vorstandschaft der Tierrettung sieht ihre Kolleginnen und Kollegen, aber auch Familien in Gefahr, die dies 24 Stunden an 365 Tagen im Jahr leisten“, schreiben die Helfer. Sie verweisen zudem auf einen Vorfall am vergangenen Wochenende im Saarland, bei dem ein Mitarbeiter des Rettungsdienstes schwer verletzt wurde. Ein Patient aus Wadern (Landkreis Merzig-Wadern) hatte dabei dem Fahrer eines Rettungswagens beim Transport ins Krankenhaus gegen den Kopf getreten. Der Sanitäter erlitt ein Schädel-Hirn-Trauma sowie schwere Prellungen am Brustkorb.
2021 bei SWR-„Ehrensache“ ausgezeichnet
Seit 2020 sind die Contwiger Tierretter in der Region unterwegs. Die Idee dazu hatte Chef Kai Harstick während seiner Zeit beim Roten Kreuz. „Auf mich sind immer wieder Leute zugekommen mit der Frage, was wir mit den Haustieren machen sollen, wenn wir irgendwo im Einsatz sind“, sagte Harstick im Sommer 2021 zur RHEINPFALZ. Über die Jahre waren die unterschiedlichsten Tierarten bei den Einsätzen vertreten: von Igeln und Mäusen bis hin zu Hunden, Katzen, Vögeln und Wildtieren. Eine ganz besondere Tierrettung war die des Pirmasenser Ziegenbocks Bert zu Weihnachten 2020. Der Bock, der dem Pirmasenser Kinderheim gehört, sprang über einen Zaun und schlitzte sich dabei an einer Halteöse den Bauchraum so schlimm auf, dass laut Harstick die inneren Organe aus der Wunde klafften. Per Notoperation konnte der Ziegenbock gerettet werden. „Der Einsatz hat uns über Nacht berühmt gemacht“, erinnerte sich Harstick. Auch im Ahrtal waren die Tierretter im Einsatz, außerdem sind sie mehrmals in die Ukraine zum Helfen gefahren. 2021 wurde Harstick bei der Aktion „Ehrensache“ des Südwestrundfunks (SWR) mit dem ersten Preis ausgezeichnet – stellvertretend für die Tierrettung.
Diese rückte bis zuletzt jeden Tag zu bis zu 30 Einsätzen aus. „Täglich rollen die Fahrzeuge für Tiere in Not, aber auch für ihre Besitzer“, schreiben die Tierretter. Auf den Materialkosten für Benzin, Behandlungskosten beim Tierarzt und Einsatzmaterial seien die Aktivisten der Tierrettung meist sitzen geblieben. Bei künftigen Notfällen will die Tierrettung nun auf die zuständigen Tierheime verweisen.
Kai Harstick war bislang nicht für ein persönliches Gespräch zum Aus der Tierrettung zu erreichen.
Polizeichef wünscht, dass Tierretter weitermachen
Der Zweibrücker Polizeichef Zöller sagt, dass der Wegfall der Arbeit der Tierretter einen herben Einschnitt auch für seine Beamten darstelle. „Die Zusammenarbeit war immer sehr eng und einfach“, findet er. Zudem hätten die Polizisten viel Zeit sparen können, wenn sie zum Beispiel beim Einfangen eines herrenlosen Hundes auf die Arbeit der Tierretter zählen konnten. „Ich würde mir sehr wünschen, dass die Tierretter weitermachen“, sagt Nicolai Zöller.