Pirmasens auf der Spur
Pirmasenser Straße in München: Polizei beschattete von hier berühmten Verbrecher
München: Das ist nicht nur der Trubel rund um den Marienplatz oder das beeindruckende Stadion, in dem der FC Bayern spielt, sondern das sind auch die deutlich ruhigeren Bezirke der Großstadt. Dazu gehört die Pirmasenser Straße. Sie befindet sich am Rand des Stadtteils Pasing. Bis zum Münchner Rathaus sind es von hier mehr als zehn Kilometer, bis zum Pirmasenser Verwaltungssitz 360 Kilometer.
Wer in Pasing geboren wurde, würde sich wahrscheinlich nicht als Münchner bezeichnen. Die Stadt wurde erst 1938 eingemeindet und zeichnet sich immer noch durch ein eigenes Selbstbewusstsein aus.
Die Pirmasenser Straße liegt gegenüber einer großen unbebauten Fläche, die landwirtschaftlich genutzt wird. Kaum vorzustellen, was der Landwirt verdienen würde, wenn er auf dem Areal Wohnraum schaffen würde. Der ist in München Mangelware. Die Bodenrichtwerte erreichen in der bayerischen Hauptstadt schwindelerregende Höhen. Im Umfeld der Pirmasenser Straße sind sie noch vergleichsweise niedrig. Eine Wohnung wird hier für 895 Euro angeboten: 57 Quadratmeter auf zwei Zimmern im Dachgeschoss, inklusive Balkon, Einbauküche und Tiefgaragenstellplatz. Rund 15 Euro pro Quadratmeter – davon können viele Vermieter in der Südwestpfalz nur träumen.
Die beschauliche Pirmasenser Straße, die gerade einmal 120 Meter lang und 8,5 Meter breit ist und in die Göllheimer Straße mündet, hätte vor einigen Jahren beinahe einen ganz anderen Namen bekommen. Das geht zumindest aus Akten des Münchner Stadtarchivs hervor, die die RHEINPFALZ gesichtet hat.
Andere Namen geplant
Als die Straße zu Beginn der 1970er Jahren angelegt wurde, trug sie zunächst den Behördennamen „U 261“. Die deutsche Sprache kennt beeindruckende Worte. Eines davon ist „Straßenbenennungsverfahren“ – ein solches wurde 1972 eingeleitet. Zunächst kursierte der Vorschlag die U261 künftig als „Hambacher Straße“ zu bezeichnen. Weil es in München jedoch schon eine „Ambacher Straße“ gibt, wurde das verworfen. Dann kam die Idee auf, den Bereich als „Pfälzer Straße“ auszuweisen. Bis 1964 gab es eine Straße dieses Namens an einer anderen Stelle in München. Am 10. Mai 1973 entschied der Stadtrat sich letztlich jedoch für „Pirmasenser Straße“.
Wer heute durch das Sträßchen spaziert, kommt vorbei an Ein- und Zweifamilienhäuser, die teils noch von ihren Erbauern bewohnt werden. Die Vorgärten sind gepflegt. Mittelklassewagen stehen vor den Haustüren. Nichts erinnert daran, dass hier die Polizei einst einen spektakulären Einsatz hatte.
Über Tage und Wochen parkten Beamte rund um den Jahreswechsel 1978/1979 in der Pirmasenser Straße, um ein angrenzendes Haus in der Blumenauer Straße zu überwachen. Dort wohnte einer der damals bekanntesten Verbrecher Deutschlands: der Entführer von Richard Oetker.
Perfider Mechanismus
Zur Erinnerung: Der Sohn reicher Industrieller ist damals Student. Sein Entführer zwingt den fast zwei Meter großen 25-Jährigen am 14. Dezember 1976 in den Laderaum eines Kastenwagens und dort in eine enge, gerade einmal 1,45 Meter lange Holzkiste. Die Kiste ist mit einem perfiden Mechanismus ausgestattet. Der soll dafür sorgen, dass Oetker Stromschläge erhält, wenn er versucht, zu fliehen. Mit dem Wagen fährt der Entführer in seine Werkstatt, die sich zwischen der Pirmasenser Straße und seinem Wohnhaus befindet. Dann passiert ein folgenschweres Unglück. Der Entführer berührt beim Öffnen der Garagentür versehentlich das Dach des Kastenwagens und löst so selbst den Mechanismus aus. Oetker bricht sich Brustwirbel und die Hüfte. Die Schmerzen müssen unerträglich sein. Lebensgefahr besteht damals jedoch vor allem wegen der Schädigung seiner Lungen durch das extrem beengte Liegen. Bis heute leidet der mittlerweile 72-Jährige unter den Folgen dieser Misshandlung.
21 Millionen Mark soll die Familie als Lösegeld für Oetker zahlen. Sein Bruder übergibt die Summe wenige Tage nach der Entführung im Untergeschoss des Münchner Stachus. Der Täter entwischt. Am Abend setzt er sein schwer verletztes Opfer in einem Waldstück aus.
Ermittler tappen im Dunkeln
Zunächst tappen die Ermittler im Dunkeln. Als der Entführer Ende 1978 jedoch drei 1000-Mark-Scheine bei der Deutschen Bank auf sein eigenes Konto einzahlen will, fällt er auf. Die Kassiererin vergleicht routinemäßig die Seriennummern mit denen einer Liste. Die Bank informiert die Polizei. Der Entführer darf die Polizei aber wieder verlassen, nachdem er angibt, das Geld von einer anderen Bank zu haben. Von diesem Zeitpunkt an beschattet ihn die Polizei. Beamte stehen Tag und Nacht in der Pirmasenser Straße, und lassen weder ihn noch sein Umfeld aus dem Auge. Am 30. Januar 1979 wird er schließlich verhaftet. Der Großeinsatz nähert sich dem Ende.
Nach einem Indizienprozess wird der Täter zu 15 Jahren Haft verurteilt. 1994 wird der Entführer wieder freigelassen, zwei Jahre später gibt er die Tat zu. Das Lösegeld bleibt zunächst verschwunden. Der Täter zieht wieder in sein Anwesen in unmittelbarer Nähe der Pirmasenser Straße. 1997 gerät er erneut ins Visier der Ermittler. In London fällt er auf, als er 10,7 Millionen Mark umtauschen will. Er wird wegen versuchter Geldwäsche und Betrugs zu weiteren zwei Jahren Haft verurteilt.
Vom Entführer zur Imbissbude
Das unauffällige Reihenhaus, in dem der Oetker-Entführer wohnte und in dem, die Polizei ihn schnappte, steht bis heute in der an die Pirmasenser Straße angrenzenden Blumenauer Straße. Am Klingelschild findet sich allerdings längst ein anderer Name. Die Spur des Entführers hat sich zumindest an dieser Stelle aufgelöst. Zuletzt sorgte er nach der Jahrtausendwende für Schlagzeilen. Damals betrieb er eine Imbissbude im Münchner Norden.
Irgendwie musste er ja seine Schulden bezahlen: Nach der Verurteilung war er infolge der gerichtlich angeordneten Verpflichtung zur Rückzahlung des Lösegelds nebst Zinsen mit rund 40 Millionen Mark verschuldet.
Video
Hier können Sie sich ein RHEINPFALZ-Video der „Pirmasenser Straße“ in München anschauen.