Blickpunkt
Die Hoffnung stirbt nach der Kiefer: Wie sich der Klimawandel im Wald zeigt
Klimawandel. Irgendwie ist das ein Wort, das nervt. Und das für viel herhalten muss. Der Klimawandel ist schuld. An diesem und jenem. Klimawandel bleibt oft unkonkret. Genauso wie seine Folgen. Im Wald zeigt er sich aber. Deutlicher als einem vielleicht lieb ist. Die Katastrophenreviere liegen im Bereich des Forstamts Pfälzer Rheinauen. In der Rheinebene, in der es ohnehin warm und trocken ist. Sehr schlimm sieht es im Gemeindewald Westheim aus. Revier Lustadt. „Es steht symbolhaft für den Zustand des Waldes in unserem Forstamt“, sagt Förster Volker Westermann. Er ist für die Öffentlichkeitsarbeit zuständig und hat die Waldreise im Zeichen des Klimawandels organisiert. Um zu sehen, wie Klimawandel Wald wandelt, soll es heute außerdem noch nach Maxdorf, ins Herz des Pfälzerwalds und an den Donnersberg gehen. Schlimmer geht immer? Mal sehen, was uns erwartet.
In der Todeszone
Mit den Kiefern machen auch Laubbäume schlapp. Buchen sowieso, aber selbst die starke Eiche schwächelt. 2019 hat Florian Korff nicht gelacht. „Das war mein schwärzestes Jahr“, sagt er. Zwischenzeitlich habe er überlegt, sein Haus zu verkaufen, seine Familie zu schnappen und irgendwo hinzuziehen, wo man klimaungewandelt noch ein paar gute Jahre hat. „Ich habe dann auf den Boden geguckt und mir angeschaut, was nachwächst, das hat mir geholfen, mich aus dem Sumpf zu ziehen.“ Von den heimischen Baumarten schaffen es hier jedoch nicht viele über das kritische Kindesalter hinaus. Was sich verbreitet, ist die Robinie. Sie kommt aus Nordamerika und wird von Förstern wegen ihrer invasiven Art eher kritisch gesehen. „Besser ein Robinienwald als gar kein Wald“, sagt Korff.
Sein Kollege Westermann wehrt sich etwas gegen diese Vorstellung. „Nur Robinien? Dann haben heimische Arten gar keine Chance mehr.“ Korff argumentiert dagegen. Er hat im Fernsehen eine Dokumentation über Rumänien gesehen, da habe man die Robinien wachsen lassen, und unter ihrem Schirm seien neue Baumarten gepflanzt worden. Das habe funktioniert. „Aber unsere heimischen Baumarten schaffen es vielleicht noch, sich auf den Klimawandel einzustellen“, meint Westermann. „Nicht schnell genug“, sagt Korff. Die Neophyten seien schneller und auf dem Vormarsch. Und beim Kompetenzzentrum für Klimawandelfolgen in Trippstadt sei man ratlos: „Es gibt von den Experten dort keine Baumartenempfehlung mehr für hier. Ich frage mich, auf was wir uns zubewegen? Und es bereitet mir Sorgen.“ Korffs Empfehlung an Kollegen in Orten, wo Wald noch in Ordnung ist: „So viele Bäume unterschiedlichster Arten pflanzen, wie es geht, um den Wald auf das vorzubereiten, was kommt.“
Oh je: Braune Spitzen bei Maxdorf
Richtig erholsam wird’s im Herzen des Pfälzerwald
Zum Waldbild gehört in seinem Forstamt vor allem auch die Buche. Eichen gibt es. Lärchen. „Wir haben ein sehr naturnahes Waldbild“, sagt er. Bei der Buche sehe man hin und wieder Trockenschäden. Bislang nur vereinzelt. Extreme Wetterjahre sind ein Grund für Buchenschäden, meint Tappmeyer, das Alter der Buchenbestände sei ein zweiter. „So alte Buchen hatten wir noch nie, seit der Mensch in den Wald eingegriffen hat. In der Vergangenheit wurden sie früher gefällt, um ihr Holz zu nutzen.“ Apropos fällen: Tappmeyer und seine Kolleginnen beobachten, dass der Zuwachs abnimmt. Die Jahresringe werden enger. „Die Bäume verlegen sich aufs Überleben“, sagt er.
Fichten, Buchen, Eichen – und zur Unterstützung noch ein paar nicht heimische Arten, die sich gut einfügen und ins Ökosystem passen. „Wichtig ist es, Artenvielfalt im Wald zu haben, damit es keine großflächigen Ausfälle geben kann“, sagt Simone Kiefer, die das Haus der Nachhaltigkeit kommissarisch leitet. In Zeiten des Klimawandels sollten Forstleute besonders auf eine möglichst hohe Durchmischung setzen, auf unterschiedliche Baumarten, die unterschiedlich spezialisiert sind. „Und ein stufiger Waldaufbau ist wichtig. Jung und alt gemischt“, ergänzt Tappmeyer. Am runden Tisch im Haus der Nachhaltigkeit wird das Thema Klimawandel eher theoretisch besprochen. Draußen ist schließlich kaum Handlungsbedarf. „Es bleibt eben Spekulation, was in 20 Jahren ist“, sagt der Forstamtsleiter. Aber auch ohne Klimawandel, Trockenheit und Hitze, könne eine Baumart ausfallen. „Ein Pilz kann sie überraschen, nehmen Sie nur mal das Eschentriebsterben. Auf einmal war es da.“
Neben dem aktuell gesunden Waldbestand in guter Lage setzen die drei hier im Herzen des Pfälzerwalds auf noch etwas anderes ihre Hoffnung: dass sich heimische Baumarten über genetische Veränderung anpassen werden. „Das ist nachgewiesen“, sagt Tappmeyer. „Und wir haben es selbst schon beobachtet, als kleine Eichen verpflanzt wurden. Wir haben noch nie zuvor Eichenwildlinge mit solch tief gehenden Wurzeln gesehen“, berichtet Kiefer. Die Natur habe es angelegt, dass die jungen Pflanzen an Wasser kommen. „Wir brauchen hier keine Sorge zu haben, dass wir keinen Wald mehr haben. Die Frage ist, wie er aussieht“, meint sie.
Am Donnersberg: Baumsterben im Wildensteiner Tal
Doch warum streiken die Bäume im Wildensteiner Tal? Es ist lange nicht so heiß wie in der Rheinebene. „Aber es ist trocken, der Boden ist quasi Schotter“, sagt Teuber. Hier ganz in der Nähe des Donnersbergs liegt Rhyolith, ein Vulkangestein, welches chemisch dem Granit ähnlich ist. Wasser wird nicht gespeichert. „Wald hatte es hier schon immer schwer, aber bislang hat er sich gehalten.“ Bislang. Außerhalb des Naturreservats ist Teuber deshalb am Testen, wie Wald mit nur einer dünnen Humusschicht über kargem Gestein in trockenen Sommern überleben könnte. Er hat Samen von trockentoleranten Bäumen ausgeworfen – Elsbeere oder Speierling. Gut funktioniert hat das nicht. Naturverjüngung, sprich: Dass Samen der „erwachsenen“ Bäume aufgehen, klappt ebenfalls nicht richtig. „Wir müssen versuchen, was geht und was nicht geht“, sagt Teuber. Wichtig sei, dass Wald irgendwie bleibt. Denn sei der Boden in diesen Hanglagen ungeschützt, reiße ihn ein Regenguss fort. „Dann haben wir den blanken Fels.“ Anders als seine Kollegen am Haus der Nachhaltigkeit glaubt Teuber nicht so recht, dass sich Bäume rechtzeitig an den Klimawandel anpassen. „Der geht zu schnell voran.“ Aber auf Vielfalt setzt auch er. „Mein alter Chef hat gesagt, Wald muss wie ein Tante-Emma-Laden sein, mit dem Angebot liegt man nie ganz falsch.“ Und wenn es Schwarzdorn, Brombeere und Speierling seien, die sich halten, Hauptsache Wald. „Zum Glück sieht es nicht überall in meinem Revier so aus“, meint Teuber noch, bevor wir weiterfahren. „Sonst hätte ich mich schon aufgehängt.“
145.000 kleine Weißtannen könnten eine Antwort sein
„Mit vielen Baumarten auf der Fläche geben wir der Natur eine Chance, mit der Baumart zu arbeiten, die dem Klimawandel widersteht“, sagt Seither. Er mag seinen Beruf, und für seinen Wald würde er alles tun. Und das habe er mit all den Kollegen, die wir getroffen haben, gemein, so unterschiedlich ihre Situation auch sei. „2200 Quadratkilometer Wald auf 5450 Quadratkilometern Pfalz. Überall sieht es anders aus. Überall muss man anders auf den Klimawandel reagieren. Aber reagieren müssen wir. Zumindest achtgeben. Es gibt nicht das eine Rezept. Das ist das, was ich heute mitgenommen habe“, sagt Volker Westermann ein paar Minuten später. Die Autobahn liegt vor uns und führt uns zurück in die Rheinebene, wo unsere Reise begonnen hat.
