Unternehmen RHEINPFALZ Plus Artikel BASF: So hart trifft der Krieg in der Ukraine den Chemiekonzern

Ende März 2022 befürchtete die BASF einen Stillstand des Stammwerks in Ludwigshafen für den Fall, dass Putin den Gashahn abdreht
Ende März 2022 befürchtete die BASF einen Stillstand des Stammwerks in Ludwigshafen für den Fall, dass Putin den Gashahn abdreht.

Der russische Angriff auf die Ukraine vor fast einem Jahr kommt den Chemiekonzern teuer zu stehen. Zeitweise wurde sogar ein Stillstand des Stammwerks befürchtet. Die Ludwigshafener müssen Milliarden in den Wind schreiben, rutschen in die roten Zahlen, und es kommt zum Personalabbau.

Erste russische Militäreinheiten stehen bereits vor Kiew, als die BASF am 25. Februar 2022 die Zahlen eines starken Geschäftsjahres 2021 vorlegt. Am Tag zuvor haben russische Truppen begonnen, die Ukraine anzugreifen. Konzernchef Martin Brudermüller sagt: „Wir sind entsetzt über diesen Angriff und sehen die weitere Entwicklung mit großer Sorge.“ Gefragt nach den Folgen des Krieges für den Chemiekonzern sagt der BASF-Chef, es sei vermessen, jetzt schon Auswirkungen abschätzen zu wollen.

Bald schon ist jedoch klar, dass es für den Chemiekonzern knüppeldick kommen würde. Knapp einen Monat später lässt der Vorstandsvorsitzende öffentlich die Alarmglocken schrillen. Russland droht bereits damit, Deutschland den Gashahn abzudrehen. Eine stark verminderte Gasversorgung in Deutschland hätte für den BASF-Standort Ludwigshafen dramatische Konsequenzen. Dann müsste das Stammwerk mit seinen etwa 34.400 Mitarbeitern komplett heruntergefahren werden. Der riesige Standort stünde zum ersten Mal still in seiner bald 158-jährigen Geschichte. Für die BASF ist Gas unverzichtbar, sowohl als Energiequelle wie auch als Rohstoff für die Produktion. Brudermüller warnt sogar, ein Stopp der Gaslieferungen könnte die gesamte deutsche Volkswirtschaft „in ihre schwerste Krise seit Ende des Zweiten Weltkrieges“ stürzen.

Russland beginnt im Juni tatsächlich, seine Gaslieferungen über die Pipeline Nord Stream 1 massiv zu reduzieren. Ende Juli klingt Brudermüller dennoch zuversichtlicher als wenige Monate zuvor. Sollte die Bundesregierung die Notfallstufe Gas ausrufen, rechne der Chemiekonzern damit, dass die BASF ausreichend Erdgas erhalten werde, um den Betrieb am Standort Ludwigshafen mit reduzierter Last aufrechtzuerhalten, sagt der Vorstandsvorsitzende. Er gehe davon aus, dass es die BASF-Mannschaft schaffe, auch im Extremfall eines Lieferstopps aus Russland den Stillstand des Stammwerks zu verhindern. Ende August stellt Russland die Lieferungen über Nord Stream 1 ganz ein. Am 26. September wird die Pipeline durch eine Sprengung unbrauchbar gemacht – ein Sabotageakt.

Kosten senken

Die Folgen des Krieges treiben die Gaspreise in Deutschland in nie gekannt Höhen. Für die BASF ein weiterer harter Schlag. Der Konzern muss Teile der Produktion herunterfahren, weil sich bestimmte Produkte unter diesen Bedingungen nicht mehr zu wettbewerbsfähigen Preisen herstellen lassen. Mitte Oktober kündigt Brudermüller an: Die herausfordernden Rahmenbedingungen in Europa gefährden die internationale Wettbewerbsfähigkeit europäischer Produzenten. „Dies macht es absolut notwendig, dass wir unsere Kostenstrukturen so schnell wie möglich und auch dauerhaft anpassen“, so der BASF-Vorstandsvorsitzende. Der deutliche Anstieg der Erdgas- und Strompreise im Laufe des Jahres setze die Chemieindustrie unter Druck. In den ersten neun Monaten 2022 beliefen sich der BASF zufolge die Mehrkosten für Erdgas an ihren europäischen Standorten auf rund 2,2 Milliarden Euro im Vergleich zum gleichen Zeitraum 2021.

Die BASF kündigt ein Kostensenkungsprogramm an, das vor allem den Standort Ludwigshafen trifft, wo es auch zu einem Stellenabbau kommen soll. Betroffen davon sind Einheiten außerhalb der Produktion in Unternehmens-, Service-, Forschungs- und Entwicklungsbereichen sowie in der Konzernzentrale.

Die Maßnahmen sollen bis Ende 2024 umgesetzt werden und jährliche Kosteneinsparungen von 500 Millionen Euro bringen. Mehr als die Hälfte dieses Betrags soll auf den Standort Ludwigshafen entfallen. Wie hoch der Stellenabbau ausfallen soll, ist bislang noch nicht bekannt. Eine Standortvereinbarung für das Stammwerk schließt allerdings betriebsbedingte Kündigungen bis Ende 2025 aus. Der Chemiekonzern ging zuletzt davon aus, dass die Gaspreise mittel- und langfristig auf einem hohen Niveau bleiben werden. Nach Angaben der Bundesnetzagentur liegen die Gaspreise im Großhandel derzeit allerdings wieder auf oder sogar unter dem Niveau vor dem Krieg in der Ukraine.

Ende 2022 folgt ein weiterer Schlag. Es trifft die BASF über ihre mehrheitliche Beteiligung an dem Öl- und Gaskonzern Wintershall Dea. Er ging 2019 aus dem Zusammenschluss der damaligen BASF-Tochter Wintershall mit dem Hamburger Öl- und Gaskonzern Dea hervor. Die Ludwigshafener halten 72,7 Prozent. Der Rest entfällt auf die Beteiligungsgesellschaft Letter One des russischen Oligarchen Michail Fridman.

Wintershall Dea hatte bereits im März 2022 den Angriff Russlands auf die Ukraine scharf verurteilt und entschieden, in Russland keine zusätzlichen Projekte zur Förderung von Gas und Öl mehr voranzutreiben und alle Planungen für neue Projekte zu stoppen. Zahlungen nach Russland wurden eingestellt. In den bestehenden Erdgas-Förderprojekten in Russland, – Juschno-Russkoje und Achimov in Sibirien – blieb Wintershall Dea jedoch weiter engagiert.

„De facto enteignet“

In den Monaten Ende 2022, so Wintershall Dea, habe die russische Regierung die Tätigkeit westlicher Unternehmen im Land eingeschränkt. Es sei zu „externen Eingriffen“ bei Gemeinschaftsunternehmen mit dem Erdgasförderkonzern Gazprom gekommen, der sich mehrheitlich in russischem Staatsbesitz befindet. Diese Gemeinschaftsunternehmen seien „de facto wirtschaftlich enteignet“ worden. „Eine Fortführung unseres Geschäfts in Russland ist nicht haltbar“, schrieb Mitte Januar 2023 Wintershall-Dea-Chef Mario Mehren. Deshalb ziehe sich der Konzern nun vollständig aus Russland zurück.

Die Folge sind rote Zahlen für die BASF. Wegen der „wirtschaftlichen Enteignung“ in Russland bei Wintershall Dea muss die BASF nicht zahlungswirksame Wertberichtigungen auf die Beteiligung in Höhe von 7,3 Milliarden Euro vornehmen. Das treibt das Ergebnis nach Steuern und nicht beherrschenden Anteilen der BASF für das Geschäftsjahr 2022 mit minus 1,376 Milliarden Euro tief in die roten Zahlen.

Der nun beschlossene Abzug von Wintershall Dea aus Russland ist für die BASF auch historisch eine Zäsur. Es ist das teure Ende jahrzehntelanger, lukrativer Geschäfte mit russischem Gas. Bereits Ende 1990, kurz vor der Wiedervereinigung, hatten die Ludwigshafener über ihr damaliges Tochterunternehmen Wintershall eine langfristige, gaswirtschaftliche Zusammenarbeit mit dem staatlichen russischen Konzern Gazprom vereinbart.

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