Ludwigshafen RHEINPFALZ Plus Artikel Bluttat Oggersheim: Opferfamilie von Anteilnahme überwältigt

Stilles Gedenken am Tatort in der Oggersheimer Philipp-Scheidemann-Straße.
Stilles Gedenken am Tatort in der Oggersheimer Philipp-Scheidemann-Straße.

Die Bluttat von Oggersheim hat das Leben der Familie Sprengart brutal verändert. Sohn Jonas (20) ist Mitte Oktober auf offener Straße von einem Mann ohne erkennbaren Grund erstochen worden. Auch das zweite Opfer Sascha (35) gehörte zum Familienkreis. Wie kommt man mit so einer Tat klar? Wir haben mit den Angehörigen gesprochen.

Sascha, das zweite Todesopfer der Bluttat von Oggersheim, war weit mehr als ein Kollege. Er war gewissermaßen Jonas’ älterer Bruder, ein Freund der gesamten Familie. Maja und Kurt Sprengart haben binnen Minuten zwei Familienmitglieder durch ein sinnloses Verbrechen verloren, müssen nun sogar um ihre Existenzgrundlage bangen.

Sascha war früher Babysitter für die beiden Jungs der Sprengarts, ermöglichte den Eltern manche Auszeit. Sascha war der Wunschnachfolger, den Kurt Sprengart aufbauen wollte, um ihm in gut zehn Jahren den Maler- und Raumgestaltungsbetrieb zu übertragen. Mit dem hat sich der Ruchheimer in den vergangenen zehn Jahren selbstständig gemacht. Der Betrieb hatte fünf Mitarbeiter – nach der Bluttat sind es nur noch drei. Nun stehen Existenzen auf dem Spiel.

All dies erzählt Kurt Sprengart im Gespräch mit der RHEINPFALZ mit gefasster Stimme. Erzählen ist seine Therapie, um mit diesem gewaltigen Trauma umzugehen. Nur manchmal, wenn er durch die Familienfotos auf dem Smartphone wischt und bei „meinem Bub“ hängen bleibt, versagt seine Stimme. Er entschuldigt sich für seine Tränen. Als ob sich jemand erklären müsste, der erst seinen treuen Mitarbeiter und Freund in einer Blutlache entdeckt und danach sein sterbendes Kind im Arm hält.

Wurde brutal aus dem Leben gerissen: Jonas Sprengart. Er wurde nur 20 Jahre alt.
Wurde brutal aus dem Leben gerissen: Jonas Sprengart. Er wurde nur 20 Jahre alt.

Um die Ecke gearbeitet

Kurt Sprengart ist an jenem Dienstag vor zwei Wochen um die Ecke in der Adolf-Diesterweg-Straße beschäftigt, als er vom Hausverwalter am Tatort in der Philipp-Scheidemann-Straße einen Anruf erhält: „Kurt, dein Sohn liegt auf der Straße. Ich glaube, er ist tot.“ Als der Vater angerannt kommt, stößt er zunächst auf Sascha, schüttelt den reglosen Körper.

Irgendwann in diesen endlos langen Minuten wird er auf einen zweiten Körper auf der Straße aufmerksam gemacht. „Mir schwante Fürchterliches. Anhand einer charakteristischen Tätowierung wusste ich sofort, dass da mein Sohn liegt. Ich habe in seine offenen Augen geblickt.“

Nach Sprengarts Kenntnis ist Jonas auf dem Weg vom Firmenfahrzeug zur Baustelle unvermittelt von hinten attackiert worden. Tatverdächtig ist ein 25-jähriger Somalier. Die Eltern können nur hoffen, dass die folgenden Stiche in die Brust tödlich waren und der junge Mann nicht mehr spürte, wie ihm der Täter einen Unterarm abtrennte.

Sascha, der sich offenbar schützend vor seinen „kleinen Bruder“ geworfen hatte, war vom Täter ebenfalls brutal niedergestochen worden. Der 35-jährige Oggersheimer hatte wegen Corona gerade seine Hochzeit nachgefeiert. Er hinterlässt seine Frau, eine gemeinsame Tochter und einen Stiefsohn.

Öffentliche Trauerfeier

„In unseren Herzen klaffen zwei riesige Löcher“, sagen Maja und Kurt Sprengart mit leiser Stimme. Wie sehr die beiden Opfer und deren Familien miteinander verbunden waren, wird sich auch kommenden Mittwoch zeigen. Dann ist eine gemeinsame Trauerfeier auf dem Hauptfriedhof geplant, zu der die Angehörigen die Öffentlichkeit ausdrücklich einladen.

Ab 13 Uhr kann sich jeder, der sich mit Sascha und Jonas verbunden fühlt, an der Urne verabschieden. Trauerkleidung ist nicht erwünscht. Angekündigt hat sich bereits Oberbürgermeisterin Jutta Steinruck (SPD).

Hilfe von Handwerkerkollegen

Von der Anteilnahme, die unter anderem mit einem Trauermarsch von bis zu 1200 Menschen zwischen den beiden Tatorten in der Philipp-Scheidemann-Straße und dem Drogeriemarkt in der Comeniusstraße oder der ökumenischen Andacht in der Christ-König-Kirche zum Ausdruck gekommen ist, sind die Sprengarts überwältigt. Handwerksbetriebe aus der Umgebung haben spontan angeboten, den Malermeister zu entlasten.

Jonas’ Eltern Maja und Kurt Sprengart mit OB Jutta Steinruck.
Jonas’ Eltern Maja und Kurt Sprengart mit OB Jutta Steinruck.

Kurt Sprengart betrauert nicht nur den Verlust von zwei Menschen, die ihm nahe standen. Ihm fehlen nun auch zwei von fünf Mitarbeitern in seinem Betrieb, der voll ausgelastet ist. Für das Gespräch mit der RHEINPFALZ unterbricht der Firmenchef Arbeiten auf einer Baustelle in Lampertheim. „Ich kann doch meine Kunden nicht hängen lassen.“ Im Augenblick helfen ihm Kollegen der Fachfirmen Fröhlich, Grützmacher, Ohl und Estelmann aus Friesenheim, Oggersheim und Mutterstadt mit Personal aus.

Fürs erste ist dem Ruchheimer Handwerker damit geholfen. Doch der Blick in die berufliche Zukunft fällt düster aus. Pläne, seinem Freund Sascha die Firma zu übertragen, haben sich jäh zerschlagen. Jonas hatte sich gerade erst für das Malerhandwerk interessiert, war Anfang September probeweise im väterlichen Betrieb eingestiegen. „Papa, es ist so schön bei dir“, bilanzierte er nach den ersten Wochen. Es hätte durchaus etwas werden können mit der Fortsetzung des Familienbetriebs, wenn Jonas’ Leben nicht ausgelöscht worden wäre. Nun ruhen die Hoffnungen auf dem sechs Jahre jüngeren Bruder Noel.

Jonas’ Spitzname tätowiert

Eine besondere Geste aus Jonas’ Freundeskreis geht im wahrsten Sinne des Wortes unter die Haut: Am Wochenende hat sich seine Clique mit den Eltern in Ruchheim verabredet. „Wir haben mit fünf, sechs Gästen gerechnet“, berichtet Kurt Sprengart von dem berührenden Treffen. „Als es klingelte, standen 15 junge Menschen vor der Tür, die wir zum Teil gar nicht kannten.“

Bis spät in die Nacht haben sie sich dankbar erinnert an den prächtigen Jungen, den guten Kumpel, haben Anekdoten ausgetauscht – und ja, sie haben auch gelacht in Erinnerung an den jungen Mann. Mitten in den Gesprächen im Garten zeigt ein Freund auf seinen Unterarm, ein anderer auf die Wade: Dort haben sie sich Jonas’ Spitznamen eintätowieren lassen – und ein Kreuz dahinter. Welch ein Freundschaftsbeweis. Am Ende hat sich die Gruppe bedankt für einen unvergesslichen Abend.

Wenn sich all der Schmerz, das Leid einmal gelegt haben werden, welches Vermächtnis sollen Jonas und Sascha hinterlassen? „Dass kein Flüchtling in Deutschland auch nur einen Tag länger geduldet wird, der mit dem Gesetz aneinandergerät“, meint Jonas’ Vater in Anspielung auf das Vorstrafenregister des Festgenommenen. „Dass wir an diesem Schicksal nicht zerbrechen, dass wir irgendwann glücklich an Jonas denken können.“ Starke Worte der Sprengarts, einer starken Familie.

Spendenkonto

Die Stadt hat ein Spendenkonto für die Angehörigen, die Überlebenden und die Traumatisierten der Bluttat eingerichtet. Unter der IBAN DE32 5455 0010 0193 9954 53 und mit der Bezeichnung Spendenkonto Oggersheim können Spenden überwiesen werden.

x