Kreis Germersheim
Trotz Lichterfahrt-Absagen: Einige beleuchtete Traktoren fahren doch
„Wir mussten zufällig einen Acker ’ummachen“, sagt der Landwirt* und lacht. Sein beleuchteter und geschmückter Traktor gehört zu den zirka 15 Schleppern, die am vergangenen Wochenende rund um die Verbandsgemeinde Bellheim, sowie um Bornheim und Offenbach unterwegs waren. Solche „Lichterfahrten“ waren ursprünglich in verschiedenen Orten der Südpfalz geplant. Doch nach einem Appell der Kreisverwaltung, dieses Jahr aufgrund der hohen Corona-Inzidenz auf solche Aktionen zu verzichten, wurden sie in der Verbandsgemeinde Jockgrim erst gar nicht angemeldet und in der Verbandsgemeinde Lingenfeld kurzfristig abgesagt. Die Kreisverwaltung befürchtete Menschenansammlungen am Straßenrand, die Landwirte befürchteten, danach als Anmelder in Haftung genommen werden zu können.
Alte Dame im Rollstuhl hat geweint
Schon 2020 waren die Landwirte aus der VG Bellheim unterwegs. „Wir konnten uns das gar nicht vorstellen, dass die Leute so freudig und emotional reagieren“, sagt der Bauer rückblickend. Dabei ist ihm vor allem „eine Oma im Rollstuhl“ in Erinnerung geblieben, die vor Freude geweint habe. Unter dem Eindruck dieser Erfahrungen habe man gesagt: „Das lassen wir uns nicht verbieten.“
„Ich sehe da kein Riesenproblem“, sagt der Landwirt ganz offen. Er sei jüngst bei der Fahrt durch Speyer und das Umland dabei gewesen und habe „keine Rudel“ gesehen. An der frischen Luft bestehe eher kein höheres Risiko, sagt er. Die Kinder gingen ja schließlich auch jeden Tag in die Schule.
Deshalb fuhr er am Samstag los. Die Aktion sei deutlich kleiner gewesen, als ursprünglich geplant, sagt der Bauer. Auch habe man sie nicht angemeldet. Über die sozialen Medien habe man nach und nach darüber informiert, wo die weihnachtlich geschmückten Traktoren unterwegs sind. So habe man vermeiden wollen, dass Menschenmassen am Straßenrand stehen.
Dankesbotschaft einer Dreijährigen
Die Reaktionen seien „durch die Bank wahnsinnig positiv“ gewesen, sagt er. Menschen hätten mit Blick auf mögliche Strafen auch angeboten: „Wenn jetzt was auf euch zukommt, sagt Bescheid, wir beteiligen uns.“ Am meisten hat sich der Landwirt über das Bild eines dreijährigen Mädchens gefreut. Dieses habe sich bei ihnen damit für die Aktion bedankt, sagt er. „Genau dafür haben wir es gemacht.“
Diese Aktion entspricht in etwa dem, was sich Rebecca Weinreich gewünscht hat. Die Jockgrimerin hat nach der Absage der Fahrten in der Verbandsgemeinde kurzerhand eine Petition ins Leben gerufen, die innerhalb einer knappen Woche schon über 5000 Mal unterzeichnet wurde. Darin wirbt sie zunächst für kleinere Aktionen, später angesichts der Corona-Lage aber auch um Verständnis für die Absage der großen Fahrten.
Eine Petition als Hilferuf
„Das war eigentlich eine Kurzschlussreaktion“, sagt sie gegenüber der RHEINPFALZ. „Ich dachte, das gibt es nicht, was spricht denn dagegen?“ Bei der Einschulung habe schon nur ein Elternteil dabei sein dürfen, Sankt Martin sei ausgefallen ... „Kinder müssen immer austragen, dass andere Entscheidungen fällen“, kritisiert sie. „Da müssen wir als Eltern auch mal Mut haben.“ Die Petition sei eigentlich eher ein Hilferuf. Es gehe ihr um die Botschaft, dass man mal für die Kinder sprechen müsse. „Das bricht mir inzwischen das Herz“, sagt die zweifache Mutter.
Landrat Fritz Brechtel habe ihr auf eine Anfrage schnell geantwortet. „Ich verstehe das auch, das sind Maßnahmen, die man jetzt einhalten muss“, betont sie. Ihres Erachtens hätte man schon viel früher Veranstaltungen in Innenräumen komplett absagen sollen, um die hohen Inzidenzen frühzeitig zu vermeiden. „So gerne ich meine Freiheit habe“, sagt sie, aber man müsse sich doch zum Beispiel nicht auf 2G-Halloween-Partys stürzen. „Ohne ’plus’ (also eine zusätzliche Absicherung durch Tests, Anmerkung der Redaktion) ist das für mich unverständlich.“
Weitere Aktion abgesagt
Doch nun ist die Inzidenz im Kreis zwar leicht gesunken, aber weiter die höchste im Bundesland. Deshalb zieht sich auch Landwirt Michael Zapf als Anmelder einer Aktion in der Verbandsgemeinde Kandel zurück. Zapf hatte sich noch Bedenkzeit bis Mitte der Woche gegeben, nun steht seine Entscheidung: „Wir werden nicht offiziell dazu aufrufen“, sagt er. „Dann steht man ja als Veranstalter in der Haftung. Mir ist das zu heiß.“
Dabei sei die Situation sehr frustrierend, sagt er. Da sind zum Beispiel die Kollegen, die sich schon seit dem Spätjahr mit entsprechender Dekoration auf die Aktion vorbereitet hätten. Und da sind die vielen Menschen, die ihn über die sozialen Medien kontaktieren und sagen: „Bitte fahrt!“ Gleichzeitig habe es bundesweit schon mehrere Fahrten gegeben, gibt er zu bedenken. „Aber wir sollten uns daran halten, aufgrund der hohen Inzidenz.“
Keine Beschwerden eingegangen
Nach der Schelte in den sozialen Medien weist die Kreisverwaltung erneut darauf hin, dass sie die Traktorenfahrten nicht verboten habe, weil sie dazu rechtlich gar nicht in der Lage sei. Allerdings habe es den Appell gegeben, auf die Lichterfahrten zu verzichten. Nun seien die Fahrten rund um die Verbandsgemeinde Bellheim zwar nicht angemeldet gewesen. Aber: „Während es im vergangenen Jahr noch Beschwerden über Menschenansammlungen im Zuge einer Lichterfahrt gab, liegen der Kreisverwaltung diesmal keine Informationen über Menschenansammlungen vor.“
Mit Blick auf die Petition und die kurzfristige Aktion sagt Landrat Fritz Brechtel: „Ich kann die Sehnsucht nach ungezwungenen Feiertagen und einer festlicheren Advents- und Weihnachtszeit nachvollziehen. Ich freue mich, dass scheinbar alles friedlich und corona-konform verlief.“
Weinreich wiederum hatte gerade diese kleineren Aktionen, wie sie jetzt eben in Bellheim stattfanden, angeregt. „Wenn es nicht angekündigt ist, ist die Gefahr nicht so hoch, dass es Menschenansammlungen geben wird“, sagt sie mit Blick auf mögliche spontane Fahrten einzelner Landwirte und hofft noch etwas, vielleicht doch einen fahrenden Christbaum zu sehen. Der Kandeler Bauer Zapf merkt im Telefonat an: Was einzelne Kollegen machten, das wisse er natürlich nicht. Vielleicht muss im Kreis ja doch noch der eine oder andere Acker mit weihnachtlicher Beleuchtung ’umgemacht werden.
*Der Name des Landwirts ist der Redaktion bekannt.