Wissen RHEINPFALZ Plus Artikel „Verschwundene“ Tierarten: Von wegen ausgestorben!

Viermal so groß wie eine Honigbiene ist die Wallace-Riesenbiene. Im Jahr 2019 wurde sie nach 38 Jahren erstmals auf der indonesi
Viermal so groß wie eine Honigbiene ist die Wallace-Riesenbiene. Im Jahr 2019 wurde sie nach 38 Jahren erstmals auf der indonesischen Inselgruppe der Molluken wiederentdeckt.

Wenn mutmaßlich ausgestorben geglaubte Arten wiederentdeckt werden, spricht man in der Biologie vom Lazarus-Effekt. Eine Riesenbiene, eine Galapagos-Schildkröte und ein Urzeitfisch wurden wieder aufgefunden.

Ende 2022 tappte Forschern auf Fergusson-Island, einer unzugänglichen Insel vor der Ostküste Papua-Neuguineas, eine Schwarznacken-Fasantaube (Otidiphaps nobilis insularis) in die Fotofalle. Seit ihrer Erstbeschreibung 1882 hatte kein Ornithologe die Tiere je wieder zu Gesicht bekommen. Sie galten als ausgestorben. Dies ist nur ein Beispiel für wiederentdeckte Arten. In jüngster Vergangenheit mehrten sich Berichte von Einheimischen, die behaupteten, die Fasantaube gehört und sogar gesehen zu haben. Naturschutzorganisationen schickten Expeditionen los. Das Team um Jordan Boersma von der Cornell University (USA) war im September 2022 erfolgreich. Laut Boersma standen die Chancen, den Vogel zu finden, bei weniger als einem Prozent. Der Koexpeditionsleiter John Mittermeier verglich die Entdeckung scherzhaft gar mit der eines Einhorns.

Die Bezeichnung Lazarus-Effekt für ausgestorben vermutete Arten nimmt Bezug auf den Lazarus des Johannes-Evangeliums, der von Jesus von den Toten auferweckt wurde. Ein internationales Forscherteam um Brett Scheffers von der National University of Singapore hat ermittelt, wie viele Tierarten bis 2011 wiederentdeckt wurden, die als ausgestorben galten: 351 Arten, von Amphibien über Vögel bis zu Säugetieren. Im Durchschnitt lagen 61 Jahre zwischen Verschwinden und Wiederentdeckung.

Unwirtliche Lebensräume bieten Schutz

Das bekannteste Beispiel für den Lazarus-Effekt in der Tierwelt ist wohl der Quastenflosser (Latimeria chalumnae), ein Urzeitfisch, von dem man annahm, er sei vor 66 Millionen Jahren mit den Dinosauriern ausgestorben, bis er 1938 vor der Küste Südafrikas wiederentdeckt wurde. Der Urzeitfisch kommt in einem für Menschen ähnlich unzugänglichen Gebiet vor wie die Schwarznacken-Fasantaube; er lebt in Wassertiefen von mehr als 150 Metern. Beim Quastenflosser zeigt sich allerdings, dass der Lazarus-Effekt auch Nachteile haben kann. Als die Funde bekannt wurden, setzte eine Flut weltweiter Fangaktionen ein, sodass die ohnehin geringen Bestände noch weiter dezimiert wurden.

Die US-Vogelschutzorganisation American Bird Conservancy in The Plains geht davon aus, dass mehr als 150 Vogelarten weltweit als verschollen einzustufen sind. Einige der Arten seien nur von alten Zeichnungen her bekannt, andere zehn Jahre und mehr nicht mehr von Ornithologen gesichtet worden. Expeditionen dieser Vogelschützer zur Wiederauffindung verschollener Arten wiesen erstaunliche Erfolge auf. Forscherteams fanden 2016 den 60 Jahre lang verschollenen Táchira-Ameisenpitta im Regenwald Venezuelas wieder und 2015 das mehr als 75 Jahre lang vermisste hübsche Blauaugentäubchen in Brasilien.

Klettersalamander 42 Jahre lang totgeglaubt

Die Organisation Re:wild, zu deren Mitbegründern der Schauspieler Leonardo DiCaprio gehört, hat 2017 eine Liste erstellen lassen mit 25 verschollenen Arten, die gesucht und geschützt werden sollten. Acht davon sind wieder aufgetaucht, darunter der 42 Jahre lang totgeglaubte Klettersalamander Bolitoglossa jacksoni, die 113 Jahre lang verschollene Riesenschildkröte Chelonoidis phantasticus und die größte Biene der Welt, die 38 Jahre lang vermisste Wallace-Riesenbiene.

2020 fand ein Team um Frank Glaw von der Zoologischen Staatssammlung München das Voeltzkow-Chamäleon (Furcifer voletzkowi) wieder, das vor 110 Jahren letztmals gesehen wurde. „Im Unterschied zu vielen anderen verschollenen Arten war in diesem Fall relativ genau bekannt, wo die ersten Exemplare gesammelt worden waren“, sagt Glaw. „Ich nahm an, dass der Lebenszyklus beim Voeltzkow-Chamäleon ähnlich verläuft wie bei der verwandten Art Furcifer labordi und dass es entscheidend sein würde, im richtigen Zeitraum, also in der Regenzeit, zu suchen. Das ist allerdings nicht die beste Reisezeit, denn viele Straßen in Madagaskar sind dann kaum befahrbar.“

Die Wiederentdeckung im bekannten Lebensraum gelang sogar schon am ersten Abend, wie Glaw berichtet. Er gibt aber auch zu bedenken: „Entscheidend war außer der sorgfältigen Vorbereitung und der Auswahl des richtigen Zeitraums auch eine gute Portion Glück. Denn bei einer zweiten verschollenen Art (Furcifer monoceras) hatten wir trotz gleicher Strategie noch keinen Erfolg.“ Glaw schätzt die Zukunftschancen der kleinen Chamäleons als recht gut ein, denn ihr Verbreitungsgebiet sei noch relativ groß.

Rettung manchmal fast in letzter Minute

Wie schnell eine Art aussterben kann, wenn es nicht gelingt, sie frühzeitig zu schützen, zeigt das Beispiel der Goldkröte (Incilius periglenes). Im Jahr 1987 bezifferten Biologen die Population der hübschen Froschlurche im Regenwald Costa Ricas noch auf 1500 Tiere. Doch nur ein Jahr später waren es nicht einmal mehr ein Dutzend. Noch ein weiteres Jahr später konnten Biologen nur noch ein einziges Männchen ausfindig machen. Experten gehen davon aus, dass die Tiere heute ausgestorben sind.

Werden Arten verfrüht aufgegeben und totgesagt, kann dies dazu führen, dass Naturschutzbemühungen eingestellt werden und die Spezies dann erst recht aussterben. Dieses Phänomen ist als Romeo-Irrtum bekannt; angelehnt an Shakespeares Tragödie „Romeo und Julia“, in der sich der Protagonist das Leben nimmt, weil er glaubt, seine geliebte Julia sei gestorben, was zu diesem Zeitpunkt aber noch nicht der Fall war. So erging es beispielsweise dem Vierfarben-Mistelfresser auf der philippinischen Insel Cebu. 90 Jahre lang galten die Vögel als ausgestorben – bis 1992. Ihr Lebensraum war da aber schon fast komplett abgeholzt worden. Nur mit großen Anstrengungen und quasi in letzter Minute gelang es, für die verbliebenen etwa 100 Tiere der Art 1996 im Central-Cebu-Nationalpark ein Refugium zu schaffen.

2019 wurde eine der als ausgestorben geglaubten Riesenschildkröten Chelonoidis phantasticus gefunden. Galapagos-Riesenschildkröt
2019 wurde eine der als ausgestorben geglaubten Riesenschildkröten Chelonoidis phantasticus gefunden. Galapagos-Riesenschildkröten können mehr als 200 Kilo wiegen und 150 Jahre alt werden.
Bei einigen Quastenflossern – hier eine Nachbildung – ging man davon aus, dass sie schon vor vielen Millionen Jahren zeitgleich
Bei einigen Quastenflossern – hier eine Nachbildung – ging man davon aus, dass sie schon vor vielen Millionen Jahren zeitgleich mit den Dinosauriern verschwanden.
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