Intervieww RHEINPFALZ Plus Artikel Systembiologe: „Digitale Zwillinge ermöglichen Prognosen“

Hilft auch Systembiologen bei der Vermessung des Lebens: der Supercomputer „Mare Nostrum“ in Barcelona.
Hilft auch Systembiologen bei der Vermessung des Lebens: der Supercomputer »Mare Nostrum« in Barcelona.

Mit „Die Vermessung des Lebens“ hat Peter Spork das erste populärwissenschaftliche Sachbuch über Systembiologie vorgelegt. Die mathematische Modellierung biologischer Prozesse wird in Zukunft helfen, unseren Körper ganzheitlich zu begreifen und Krankheiten zu verhindern. Ebenso fundiert und wegweisend hatte der renommierte Autor sich in seinen Büchern zuvor bereits den Themen Epigenetik und Schlafforschung gewidmet.

Herr Dr. Spork, als erfolgreicher Sachbuchautor versuchen Sie immer auch Bezüge zur aktuellen Lebenssituation der Leser herzustellen. Wo ist uns Ihr aktuelles Thema – die Systembiologie – beispielsweise in den langen Jahren der Corona-Pandemie begegnet?
Sie erinnern sich bestimmt an die vielen Modellrechnungen, die uns geholfen haben, die Pandemie ohne eine Überlastung des Gesundheitssystems zu bewältigen. Es waren letztlich Systembiologen, die diese Modelle mit komplizierten mathematischen Formeln entworfen haben. Diese Modelle sollten niemals die Wirklichkeit vorhersagen, sondern berechnen, wie sich die Pandemie voraussichtlich entwickelt, wenn wir bestimmte Maßnahmen ergreifen oder eben nicht. Die meisten Menschen und auch die Politik haben darauf reagiert, und das hat dazu geführt, dass die schlimmsten Szenarien nicht eingetreten sind.

Das Gleiche macht eine moderne Systembiologie auf der Ebene des Individuums: Der Typ-1-Diabetiker mit einer künstlichen Bauchspeicheldrüse hat ein Gerät, das Daten sammelt und ausrechnet, wie sich der Blutzuckerspiegel entwickeln dürfte. Darauf reagiert es mit der Ausschüttung der richtigen Menge des Blutzucker senkenden Hormons Insulin. Und wenn ich in Zukunft eine App auf meinem Smartphone habe, die Informationen über meinen Körper und meine Ernährung hat und mir dann Empfehlungen gibt, wird mir auch das helfen, gesund zu bleiben.

Die neuen Möglichkeiten, durch die Verarbeitung großer Mengen an biologischen Daten Prognosen für unsere Gesundheit zu erstellen, erscheinen verlockend. Aber landen die komplexen Analysen nicht oft bei bekannten simplen Regeln wie ausgewogene Ernährung, regelmäßige Bewegung, ausreichend Schlaf? Und sind sogenannte digitale Zwillinge wirklich wünschenswert?
Es ist gerade die Systembiologie, die uns derzeit über dieses Stadium hinweghilft, dass es beim Thema Gesundheit immer wieder auf die gleichen Mantra-artig vorgetragenen Tipps für alle hinaus läuft. Wir sind längst auf dem Weg zu einer Gesundheitsbegleitung, die Einzelpersonen mit einem erhöhten Erkrankungsrisiko ganz individuell dabei hilft, gesund zu bleiben. Hochleistungssportlerinnen nutzen ähnliche Techniken für die Trainingsoptimierung. Und schon bald könnten wir alle davon profitieren, etwa durch eine persönliche Ernährungsberatung, die Krankheiten verhindert, bevor sie entstehen. Denn was für die eine Person eine gesunde Ernährung ist, kann für die andere völlig verkehrt sein. Erste Studien zeigen, dass das funktioniert.

Letztlich werden es die digitalen Zwillinge sein, die solche hochindividualisierte, präzise auf mein Erbe, meine Umwelt und meine Vergangenheit abgestimmte Prognosen ermöglichen. Insofern sind diese auch absolut wünschenswert. Wichtig ist allerdings, dass ich anders als heute in Zukunft selbst und ohne Druck entscheiden darf, wer welche meiner Daten zu welchem Zweck bekommt und wie ich Gesundheit für mich persönlich definiere – kein Staat, kein Arbeitgeber, keine Krankenkasse. Hier benötigen wir einen viel besseren gesetzlichen Rahmen. Auch deshalb möchte ich mit meinem Buch darauf aufmerksam machen, wie weit der Fortschritt fast unbemerkt bereits gekommen ist.

Das zweite große Thema, das Sie seit Jahren verfolgen und sogar in einem Newsletter detailliert dokumentieren, ist die Epigenetik, also die Modulation unseres Erbgutes durch Umweltfaktoren. Wie sehen Sie die erstaunliche Entwicklung dieses Themas, und gibt es inzwischen auch Übertreibungen, beispielsweise wenn von der Vererbung psychischer Traumata die Rede ist?
Über die Epigenetik sind viele Halbwahrheiten in Umlauf. Es ist eine komplizierte Materie und man kann den Menschen ganz schön viel Humbug damit verkaufen. Es geht zum Beispiel für die Wissenschaft nur sehr am Rande um die Vererbung psychischer oder anderer Krankheiten über Generationsgrenzen hinweg. Oft wird übersehen, dass die frühkindliche Prägung, teils bereits im Mutterleib, aber auch in den ersten Monaten bis Jahren nach der Geburt, einen sehr viel stärkerem Einfluss auf die epigenetische Programmierung der Gesundheit hat.

Das ist fatal, denn hier liegt eine der wichtigsten Ursachen für die wachsende Bedeutung des Gebiets: Man erkennt dank Epigenetik, wie wichtig es für die ganze Gesellschaft ist, werdende Eltern, vor allem auch die Mütter, zu entlasten, anstatt ihnen immer mehr Verantwortung aufzuladen. Jeder Cent, den die Gesellschaft hier in Prävention investiert, erhält sie später über Jahrzehnte hinweg mit gigantischen Zinsen zurück.

Um die zielgerichtete Ausarbeitung Ihrer Themen über die Jahre weiter zu entwickeln, legen Sie Wert auf den Austausch mit Ihrem Publikum. Wie gehen Sie dabei vor?
Vor allem halte ich Vorträge. Ich nenne das „Science Entertainment“. Denn ich versuche, komplizierte Wissenschaft so verständlich und unterhaltsam wie möglich zu vermitteln. Das soll mein Publikum in die Lage versetzen, selbstständig die persönlich richtigen Gesundheitsentscheidungen zu treffen und zu hinterfragen. Von Ratgeberliteratur oder angeblichen Experten, die die Menschheit mit ihren selbst entwickelten Rezepten beglücken wollen, halte ich wenig.

Darüber hinaus habe ich einen YouTube-Kanal, wo ich Fragen von Leserinnen und Lesern beantworte. Und ich betreibe bei einer mehrfach preisgekrönten modernen Genossenschaft freier Autoren namens Riff-Reporter mein eigenes Online-Magazin „Erbe&Umwelt“. Dort versuche ich, jene Themen aufzugreifen, die mein Publikum interessieren.

Wenn guter Schlaf eine wichtige Grundlage für beruflichen Erfolg ist, so waren bei Ihnen die Schlafforschung und die Chronobiologie eine Grundlage für die Autorenkarriere. Im Laufe der Jahre mussten Sie deshalb wohl besonders häufig die Frage danach beantworten, warum wir die Umstellung auf die Sommerzeit endlich abschaffen sollten?
Es gibt tatsächlich kein anderes Thema, zu dem ich mehr Interviews in Radio und TV geben musste. Sogar in den Tagesthemen durfte ich bereits erklären, dass die sogenannte Sommerzeit einer der größten Schlafräuber in unserer Gesellschaft ist. Aber wer meine Bücher zum Thema kennt, weiß, dass es hier noch sehr viel mehr Baustellen gibt: Die Schule beginnt zu früh, Schichtarbeit ist ein Riesenproblem und wir sollten insgesamt über eine völlig neue Zeitkultur nachdenken. In einer rundum ausgeschlafenen Gesellschaft zu leben, wäre einer meiner größten Träume.

Zur Person

Peter Spork, geboren 1965 in Frankfurt am Main, hat Biologie studiert und im Bereich Neurobiologie/Biokybernetik promoviert. Er gilt als einer der führenden Wissenschaftsautoren hierzulande und schreibt seit 30 Jahren für viele deutschsprachige Zeitungen und Magazine. Mit seinen populärwissenschaftlichen Sachbüchern zu aktuellen Forschungsthemen setzt er wichtige Wegmarken. Zuletzt erschienen: „Die Vermessung des Lebens“ – Wie wir mit Systembiologie erstmals unseren Körper ganzheitlich begreifen – und Krankheiten verhindern, bevor sie entstehen (DVA, München 2021). „Gesundheit ist kein Zufall“ – Wie das Leben unsere Gene prägt. Die neuesten Erkenntnisse der Epigenetik (DVA, München 2017). „Wake up!“ – Aufbruch in eine ausgeschlafene Gesellschaft (DTV, München 2016). Der Autor lebt in Hamburg und beschreibt viele weitere Details seiner Arbeit auf der Website: www.peter-spork.de

Peter Spork
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