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Sugiharas Liste
Der japanische Diplomat Chiune Sugihara hat 1940 während seiner Zeit in Litauen mindestens 3500 Flüchtlinge vor dem Holocaust bewahrt. Er stellte ihnen gegen den Willen seiner Regierung Visa aus, mit denen die Juden nach Japan entkommen konnten.
Es sind unruhige Zeiten, als Chiune Sugihara im September 1939 nach Kowno, das heutige Kaunas, kommt. Japans Regierung hat ihn als Vizekonsul an das Konsulat der damaligen Hauptstadt Litauens versetzt. Gerade hat der Zweite Weltkrieg mit dem Überfall Deutschlands auf Polen begonnen. Die kleine baltische Republik genießt wie Estland und Lettland die letzten Monate einer trügerischen Freiheit, gilt als eine Zuflucht für jüdische Flüchtlinge. Ab Herbst kommen immer mehr nach Litauen, vor allem aus dem zerstückelten Polen, das sich das Deutsche Reich und die Sowjetunion aufgeteilt haben.
Der 1900 in Yaotsu geborene Sugihara genießt im japanischen Außenministerium Ansehen, weil er mehrere Sprachen wie Russisch fließend beherrscht, ein guter Organisator und ein gewiefter Unterhändler ist. 1932 gelingt ihm bei der Übernahme der Nordmandschurischen Eisenbahn von der Sowjetunion ein vorteilhaftes Geschäft für Japan. Sugihara hat aber auch moralische Maßstäbe. Von einem Posten im japanischen Marionettenstaat Mandschukuo tritt er zurück, weil es ihn abstößt, wie seine Landsleute die Chinesen dort misshandeln. Sugihara übernimmt eine Aufgabe in Helsinki, bevor er nach Kowno geschickt wird.
Dort arbeitet er im Konsulat und hat gleichzeitig den Auftrag, die Truppenbewegungen der Deutschen diskret zu beobachten, vor allem in Hinsicht auf einen möglichen Krieg im Osten. Offiziell ziehen die Sowjetunion und das Deutsche Reich zu dem Zeitpunkt noch an einem Strang. Gemäß dem Hitler-Stalin-Pakt gehören die drei baltischen Staaten zur russischen Einflusszone. Japan ist zwar mit dem Dritten Reich über die „Achse“ verbündet, doch man informiert sich gegenseitig wenig, ein Misstrauen ist immer da.
Eine verzweifelte Bitte
Am 15. Juni 1940 beginnt die sowjetische Invasion des Baltikums, die kleinen Republiken werden annektiert. In Litauen fordern die Russen alle ausländischen Diplomaten auf, Kowno bis Ende August zu verlassen. Chiune Sugihara packt gerade seine Sachen, als ihm Ende Juli mitgeteilt wird, eine jüdische Delegation warte vor dem Konsulat und bitte darum, zu ihm vorgelassen zu werden.
Die Gruppe wird von Zerach Wahrhaftig angeführt, der Jahre später Minister in der Regierung des neuen Staates Israel wird. Sugihara trifft sich zu einem kurzen Gespräch mit den Geflohenen, die ihm eine verzweifelte Bitte vortragen.
Die Juden Mittel- und Osteuropas müssen zusehen, wie sich die Tore zur freien Welt für sie verschließen. Es ist fast unmöglich geworden, für irgendeinen Ort auf der Welt Einreisevisa zu bekommen. Der Krieg – mittlerweile hat Frankreich kapituliert – blockiert die Reisemöglichkeiten in den Westen. Die Juden bitten daher den japanischen Konsul, ihnen Transitvisa für die Reise durch die Sowjetunion auszustellen, um dann über Japan in ein Drittland zu gelangen.
Sugihara ist aufgewühlt, die Verzweiflung der Flüchtlinge macht großen Eindruck auf ihn. Er fragt beim japanischen Außenministerium nach, bittet um Instruktionen. Tokio fordert, Visa nur an Personen zu erteilen, die über ausreichend Mittel und das Visum eines Drittlands verfügen. Voraussetzungen, die die meisten der Hilfesuchenden in Kowno nicht erfüllen. Nach Rücksprache mit seiner Frau Yukiko beginnt der Diplomat, auf eigene Verantwortung hin Visa zu unterschreiben. Es ist ein Wettlauf mit der Zeit, denn bald muss das Konsulat aufgegeben werden.
Stalin gibt seinen Segen
Sugiharas Mitarbeiterstab ist klein, er fertigt wie am Fließband handschriftlich Visa und stempelt die Pässe. Auch die Juden selbst helfen mit. Unter ihnen sind viele Rabbiner und Talmudstudenten, die aber kein Japanisch können. So kommt es, dass manche Pässe verkehrt herum gestempelt werden. Sugihara verhandelt mit den neuen Machthabern, die mittlerweile das Land nach sowjetischem Vorbild umstrukturieren. Er kennt die Russen, er kann mit ihnen.
Der Diplomat schlägt vor, die Flüchtlinge mit der Transsibirischen Eisenbahn bis zur Pazifikküste und von Wladiwostok aus nach Japan zu bringen. Das ungewöhnliche Vorhaben wird sogar im Politbüro in Moskau beraten, wo Stalin seinen Segen gibt. Für die Sowjetunion ist das ein gutes Geschäft, denn das staatliche Reisebüro Intourist verlangt für die Fahrkarten einen fünfmal höheren Preis als üblich.
Am 4. September 1940 wird das japanische Konsulat endgültig geschlossen und Sugihara hat rund 3500 Juden mit einem Visum versorgt. Vielleicht sind es sogar 6000, denn Sugihara stellt viele Familienvisa aus. Gerüchte besagen, er habe noch kurz vor Abfahrt seines Zugs am Bahnhof Kowno die letzten Einreisepapiere angefertigt. Die Juden können Europa verlassen und dem Holocaust entkommen, der ein Jahr später beginnt. Als die deutsche Wehrmacht am 22. Juni 1941 die Sowjetunion angreift, wird das Baltikum mit als Erstes erobert. Und hinter der Front beginnen deutsche Sonderkommandos planmäßig mit der massenhaften Ermordung der Juden.
Über Russland nach Japan
Wer sich dank Sugihara retten kann, fährt mit dem Schiff von Russland ins japanische Kobe, wo es eine russisch-jüdische Gemeinde gibt. Von dort aus schaffen es einige in die Vereinigten Staaten, nach Südamerika oder nach Palästina. Viele werden jedoch von den Behörden in das von Japan besetzte Shanghai deportiert, wo sie bis zur Kapitulation Tokios 1945 in einem Ghetto hausen.
Ab 1941 kämpft Japan als Verbündeter Deutschlands gemeinsam gegen Amerika und Großbritannien, aber nicht gegen die Sowjetunion. Schon zuvor hatten Juden im Reich des Tenno, vor allem die jüdischen deutschen Emigranten, kein einfaches Leben. Auch Japan kennt Antisemitismus, aber nicht mit der erbitterten Konsequenz wie das Dritte Reich.
„Die Behandlung durch die Japaner war nie gut, aber auch nie mörderisch“, erklärt dazu Michael Blumenthal, der frühere Leiter des jüdischen Historischen Museums in Berlin. Er war 1939 als Dreizehnjähriger mit seinen Eltern in die internationale Hafenstadt Shanghai geflohen, in der Flüchtlinge kein Visum benötigten.
Versetzung nach Prag
Überraschenderweise hat Sugiharas Zivilcourage erst einmal keine Folgen für ihn. Das japanische Außenministerium braucht offenbar sein Sprach- und Organisationstalent und beschließt, die Disziplinarmaßnahmen gegen ihn aufzuschieben. Sugihara wird als Generalkonsul nach Prag versetzt, danach tut er Dienst in Königsberg und Bukarest. Als dort die Rote Armee 1944 einmarschiert, wird er mitsamt seiner Familie 18 Monate interniert. 1946 darf er in seine Heimat zurückkehren.
Dort bittet ihn 1947 sein Dienstherr, aus dem diplomatischen Dienst auszuscheiden – offiziell wegen Personalabbaus in der Behörde, vielleicht aber auch wegen seiner Aktionen in Litauen. Einige Quellen geben an, das japanische Außenministerium habe gegenüber Sugihara gesagt, er werde wegen „dieses Vorfalles in Litauen“ entlassen.
Sugihara geht in die Privatwirtschaft und arbeitet als Geschäftsmann. Er lässt sich in einem kleinen Ort an der Küste nieder, rund 50 Kilometer südlich von Tokio. Der Job führt ihn immer mal wieder nach Moskau, wo er unter dem Namen Sempo Sugiwara auftritt – die Russen sollen nicht erfahren, dass sie es mit dem Japaner zu tun haben, der sie 1932 in Sachen Nordmandschurische Eisenbahn übers Ohr gehauen hat.
Ein „Gerechter unter den Völkern“
Während all dieser Jahre verliert er auch in der Familie kaum ein Wort über seinen Einsatz in Litauen des Jahres 1940. Wenn die Rede darauf kommt, spricht er ganz beiläufig darüber wie über einen banalen Verwaltungsakt. Auch außerhalb des engesten Verwandtenkreises weiß kaum jemand etwas davon.
Aber die, die er damals rettete, vergessen ihn nicht. 1968 macht ihn Jehoshua Nishri, Wirtschaftsattaché der Israelischen Botschaft in Tokio, ausfindig. Er ist einer der Überlebenden aus Litauen von 1940. 1969 besucht Sugihara Israel, wo er auch von der Regierung empfangen wird. Und 1984 ehrt die israelische Holocaustgedenkstätte Yad Vashem Sugihara als „Gerechten unter den Völkern“. Der ehemalige Diplomat ist da schon zu krank, um nach Israel zu reisen; seine Frau und seine Tochter nehmen die Ehrung entgegen.
1985 wird Chiune Sugihara einmal gefragt, warum er sich 1940 den Anweisungen seiner Regierung widersetzt habe. Er antwortet nüchtern: „Diese Flüchtlinge waren menschliche Wesen und sie brauchten einfach Hilfe.“ Als er am 31. Juli 1986 stirbt, gilt er auch in seiner Heimat als Held. In Anlehnung an den deutschmährischen Unternehmer Oskar Schindler, der rund 1200 bei ihm angestellte jüdische Zwangsarbeiter vor dem Tod in den Vernichtungslagern rettete, wird er inzwischen „der japanische Schindler“ genannt.
Späte Ehrung
In seinem Geburtsort Yaotsu wird eine Gedenkstätte für Sugihara errichtet, in Nagoya entsteht eine Bronzestatue, die ihn darstellt, wie er einer Flüchtlingsfamilie ein Visum aushändigt. Und der Film „Persona non grata“ zeichnet die Ereignisse von 1940 nach. Auch die seit 1991 wieder selbstständige Republik Litauen erinnert sich an den japanischen Vizekonsul. Das baltische Land erklärt 2020 zum „Jahr von Chiune Sugihara“. Im litauischen Parlament soll ihn eine Ausstellung würdigen, in Kaunas ist ein Denkmal geplant.
Schließlich gibt sich noch der japanische Staat einen Ruck: Sein früherer Dienstherr, das Außenministerium, meldet sich mit einer Ehrenerklärung für den Diplomaten zu Wort. Sein Verhalten sei eine „mutige und humanitäre Entscheidung“. Hätte man das mal schon 1947 so gesehen.