Beweger
Die Zahnbürste: Im Gefängnis erfunden
Über Jahrtausende hinweg behelfen sich die Menschen bei der Zahnhygiene mit recht unvollkommenen Werkzeugen und Techniken. Sie verwenden Reinigungspasten für die Zähne, hergestellt unter anderem aus zerriebenen Tierhufen, Knochen und Eierschalen. Ebenfalls in Gebrauch sind Kaustöckchen und Zahnstocher aus Zweigen, Mundgeruch wird mit pulverisierter Holzkohle und Baumrinde bekämpft.
Im alten Ägypten greift man zu kleinen Holzstöcken für die Zahnsäuberung. Die Ägypter nehmen dabei ein Ästchen des „Zahnbürstenbaums“ und zerkauen ein Ende. Mit dem zerfransten Teil putzen sie dann und spucken das Holz am Ende wieder aus. Es handelt sich also um eine nachwachsende Einwegzahnbürste. Einige Völker nutzen diese Methode der Zahnreinigung heute noch.
Auch Religionsgründer Mohammed beschäftigt sich im sechsten Jahrhundert mit dem Zähneputzen und empfiehlt seinen Gläubigen: „Ihr sollt euren Mund reinigen, denn dies ist der Weg für die Lobpreisung Gottes.“ Er selbst nimmt Stäbchen aus Wurzeln des Araka-Baums.
Harter Pinsel, China um 1500
Es dauert bis um das Jahr 1500, bis in China die erste Borstenzahnbürste, wie wir sie heute kennen, entwickelt wird – es ist eine Revolution in der Zahnhygiene, die dem chinesischen Adel vorbehalten bleibt. Die Bürste hat die Form eines Pinsels: Am Stiel aus Knochen oder Bambus sind grobe Borsten aus dem Nacken von Hausschweinen befestigt. An dieser Urform der Zahnbürste wird sich bis heute nichts Wesentliches mehr ändern.
Allerdings setzt sich die Zahnbürste in Europa nur schleppend durch. Zwar bringen Kaufleute die Erfindung bereits im 17. Jahrhundert mit nach Westen. Doch das Borstenstück ist zunächst nur für die Reichen erschwinglich, zudem lassen die groben Eberborsten das Zahnfleisch leicht bluten.
Und viele Ärzte warnen vor weiteren angeblichen Gefahren: Die Zähne könnten irreparablen Schaden nehmen, und verschluckte Borsten könnten den Blinddarm lebensgefährlich entzünden.
Weiche Borsten, Deutschland um 1700
Um 1700 bringt der Stadtarzt von Bad Tennstedt in Thüringen, Christoph von Hellwig, das Ganze voran. Er entwickelt eine Zahnbürste mit einem Griff aus Holz oder Metall, die Borsten sind aus weichem Rosshaar. Auch dieses Gerät ist teuer, nur die Oberschicht kann es sich leisten.
Die breite Masse behilft sich weiter mit Lappen oder Schwämmen, die zusammen mit Zahnpulver oder Zahnpaste verrieben werden.
An von Hellwig erinnert noch heute ein „Zahnbürstendenkmal“ auf dem Tennstedter Marktplatz. Seine Zahnbürste ist jedoch keineswegs optimal. Das Pferdehaar schmiegt sich so weich um die Zähne, dass das Zahnfleisch nicht blutet, aber der Reinigungseffekt lässt zu wünschen übrig.
Moderne Bürste, England 1780
Die Ära der industriellen Herstellung von Zahnbürsten beginnt mit dem englischen Unternehmer William Addis. Der Legende nach verbüßt er gerade eine Gefängnisstrafe und hat viel Zeit. Ihm kommt eine Geschäftsidee. Er greift sich einen Knochen, der von einer Mahlzeit übrig ist, bohrt drei Löcher hinein und verleimt darin ein paar Tierborsten – der Prototyp für eine Zahnbürste ist fertig.
Nach seiner Freilassung eröffnet er eine Fabrik, die das Dentalbesteck ab 1780 in Serie produziert. Addis wird reich, ebenso seine Nachkommen, denn die Firma bleibt bis 1996 in Familienbesitz und existiert bis heute unter dem Namen „Wisdom Tooth Brushes“.
Im 19. Jahrhundert kommt die Massenfertigung von Zahnbürsten nicht nur in Großbritannien, sondern auch in Frankreich, Deutschland und Japan in Gang. Die Zahnbürste wird für breitere Schichten erschwinglich, gehört aber noch längst nicht in jeden Haushalt. Dabei wäre das dringend erforderlich, denn die mangelnde Mundhygiene führt in breiten Teilen der Bevölkerung zur kariösen Mundfäule.
Zahnpasta-Tube, USA 1876
Beflügelt wird die Zahnbürste durch die Einführung der modernen Zahnpasta. Sie geht auf den jungen US-Zahnarzt Lucius Tracey Sheffield zurück, dem 1876 in Paris auffällt, dass die Freilichtmaler an der Seine für ihre Farben Quetschtuben mit Schraubverschluss benutzen.
Zurück in den USA, empfiehlt er seinem Vater Washington Wentworth Sheffield, der ebenfalls Zahnarzt ist und eine Zahncreme vertreibt, die Quetschtube. Der geschäftstüchtige Vater ist begeistert, denn mit der Tube wird die Zahncreme wirkungsvoll präsentiert, geschützt aufbewahrt und lässt sich hygienisch auf Zahnbürsten verteilen.
1938 verdrängt die gerade bei DuPont erfundene Kunstfaser Nylon die bisherigen Materialien für Borsten bei den Handzahnbürsten. Nylon ist leicht herzustellen und gut zu verarbeiten, zudem sind die synthetischen Borsten anders als die Tierprodukte steril.
Nylonborsten, um 1950
Allerdings sind die ersten Nylonborsten zu hart und führen zu Beschädigungen am Zahnfleisch. Das ändert sich um 1950 herum, als ein deutlich weicheres Nylon für die Borsten zur Verfügung steht. Erst dadurch entwickelt sich die Zahnbürste endgültig zur Massenware. Ihre Grundkonstruktion steht, auch wenn sie in Details bis heute stetig fortentwickelt wird.
Die Handzahnbürste bleibt lange konkurrenzlos. Erst in den 1940er Jahren wird mit elektrisch betriebenen Geräten experimentiert. Dabei ließ sich der US-Zahnarzt Scott schon 1880 eine Art elektrische Zahnbürste patentieren, die den heutigen Modellen in den Grundzügen ähnelt. Aber die Produktion war viel zu teuer, zudem hatten damals nur wenige Haushalte einen Stromanschluss, die Erfindung geriet in Vergessenheit.
Als Erfinder der ersten funktionsfähigen Elektrozahnbürste gilt der Schweizer Zahnarzt Philippe-Guy Woog, der das Modell „Broxodent“ 1954 vorstellt. Das Produkt gibt es zunächst nur in der Schweiz, die Resonanz der Verbraucher ist verhalten.
Elektrozahnbürste, ab 1963
„Ein elektrischer Apparat im Mund war vielen unheimlich“, schreibt die Neue Zürcher Zeitung. 1963 bringt die US-Firma Oral B die „Mayadent“ heraus, die aus einem länglichen Bürstenkopf mit drei Borstenreihen besteht. Weitere Anbieter versuchen sich in dem Geschäft, an die 40 Modelle elektrischer Bürsten mit länglichem, seitwärts schwenkendem Bürstenkopf kommen auf den Markt.
Doch diese erste Generation taugt nicht zum Kassenschlager, sie gilt noch in den 1970er Jahren als „unnützes Zukunftsprojekt“. Die Modelle sind relativ klobig und wegen ihres Stromkabels unhandlich. Und sie haben einen entscheidenden Nachteil: Ihre Putzleistung ist nicht besser als die der Handzahnbürsten, doch dafür sind sie erheblich teurer. Zahnärzte empfehlen die Geräte lediglich Patienten mit eingeschränkter Feinmotorik.
Die Branche tüftelt weiter. Die Geräte der zweiten Generation schaffen in den 1980er Jahren einen Durchbruch. Die Modelle haben nun rotierende Bürstenköpfe, die den Putzbewegungen der menschlichen Hand weit überlegen sind. Zudem werden die lästigen Stromkabel durch Batterien und später durch Akkus mit Ladestation ersetzt.
Schallzahnbürste, 1990er Jahre
Ab dann entwickelt die elektrische Zahnbürste ihre eigene Identität dank ihrer speziellen Putztechnik und erobert sich einen festen Platz im Repertoire der Mundhygiene-Produkte. Dabei säubert die Elektrische keineswegs schneller – das Zähneputzen geht jedoch leichter von der Hand, weil die elektrische Bürste komplexe Bewegungen automatisch ausführt.
Im Gegensatz dazu wenden viele Menschen, die ihre Zähne mit einer herkömmlichen Zahnbürste reinigen, oft eine falsche Technik wie das horizontale Schrubben an oder bürsten nicht lange genug.
In den 1990er Jahren hat die piezoelektrische Schallzahnbürste ihren Auftritt. Ein integrierter Schallwandler bringt Schallwellen hervor, die den Bürstenkopf antreiben und für deutlich mehr Schwingungen sorgen. Das sorgt für eine noch bessere Reinigung, vor allem Zahnbelag lässt sich leichter entfernen. Die erste Schallzahnbürste lanciert Philips 1992 auf dem amerikanischen Markt. Schnell folgen weitere Modelle anderer Hersteller auf beiden Seiten des Atlantiks.
Bürste aus dem 3-D-Drucker, 2013
So geht es weiter bis heute, wobei für den Verbraucher manchmal schwer zu durchschauen ist, ob ihm echter Fortschritt oder nur elektronischer Schnickschnack verkauft werden. So können bei manchen Modellen die Schwingköpfe plötzlich auch pulsieren – die oszillierend-rotierende Bewegung wird durch mehrere Zehntausend Vor- und Zurückbewegungen ergänzt.
2013 präsentiert die Industrie „Blizzident“, eine maßgeschneiderte Zahnbürste aus dem 3-D-Drucker. Sie berücksichtigt die individuellen Besonderheiten eines Gebisses, sodass alle Zwischenräume optimal erreichbar sind. Zuvor braucht es einen Zahnabdruck beim Zahnarzt und das Ding ist ziemlich teuer. Mit anderen Modellen kann der Nutzer sogar direkt kommunizieren – über ein Display, das Rückmeldung gibt, um die Putzgewohnheiten zu verbessern. So zeigt es etwa an, wo und wie lange geputzt werden sollte und ob zu fest aufgedrückt wird.
Heute ist die Wahl zwischen Handzahnbürste und der elektrischen Version mehr oder minder Geschmackssache. Beide Varianten haben bei richtiger Anwendung mehr oder weniger die gleichen Resultate – nur die hochwertigen Schallbürsten dürften etwas besser liegen. Wobei sich das analoge Teil durchaus behauptet: Nur in 30 Prozent der deutschen Badezimmer findet sich eine E-Bürste.