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Die Erfindung des Tonbandgeräts: Da haben wir den Salat
Am 18. Juli 1877 erfüllt sich ein Traum – die menschliche Stimme und andere Klänge aufzuzeichnen und wiederzugeben. An diesem Tag gelingt es dem Erfinder Thomas Alva Edison in den USA, eine vom ihm konstruierte Sprechmaschine zum Sprechen zu bringen. Dafür nutzt er eine Membran, die mit einer Nadelspitze versehen ist, zieht sie über einen mit Paraffin überzogenen Papierstreifen und spricht zu Beginn folgende Worte in die Membran: Hello – Hello – Hello.
Als Edison die Nadel wieder über den Papierstreifen zieht, kann er seine Worte leise hören. Er beauftragt einen Mechaniker, einen ersten Phonographen zu bauen, wobei die Technik des schon recht ausgereiften Telegrafen als Basis genutzt wird. Als Tonträger dient eine mit Zinnfolie bespannte Stahlwalze. Nach und nach wird das Gerät optimiert und bannt etwa 1889 die Stimme von Bismarck für die staunende Nachwelt – es ist das einzige Tondokument des Reichskanzlers.
Edison hat damit erreicht, was viele Tüftler und Träumer über die Jahrhunderte umtrieb. Schon in der Spätrenaissance wollte der italienische Physiker della Porta einen Behälter zur „Konservierung des gesprochenen Worts“ bauen. Und im 18. Jahrhundert erzählte Gottfried August Bürger in seiner „Wunderbaren Reise des Freiherrn von Münchhausen“ die Geschichte vom eingefrorenen Posthorn, das beim Auftauen die Töne wiedergibt, die der Postillon in der Kälte hineingeblasen hatte.
Die ersten Schallplatten sind aus Hartgummi
Edison bleibt nicht ohne Konkurrenz. 1888 ist der in die USA ausgewanderte Deutsche Emil Berliner ebenfalls so weit, Töne technisch „einzufangen“ und wieder abzuspielen. Der Autodidakt baut ein Gerät, das Schallwellen in horizontale Bewegungen einer Nadel umsetzt. Die mechanischen Schwingungen lässt er in eine mit Ruß überzogene Glasplatte einritzen. Die ersten Schallplatten sind aus Hartgummi, 1897 kommen die Schellackplatten auf den Markt. Sie bestehen aus einem Gemisch aus Schellack, Gesteinsmehl und Pflanzenfasern.
Berliner entwickelt auch ein Gerät, um die Platte abzutasten und die Töne hörbar zu machen. Damit wird er der Erfinder der Schallplatte und des Grammophons. Die scheibenförmigen Tonträger sind nicht nur viel kompakter als die Walzen eines Phonographen, sie sind auch viel leichter zu kopieren und eröffnen den Weg zur preiswerten Massenware. Schallplatte und Phonograph liefern sich einen heißen Wettbewerb, bis sich Berliners Erfindung gegen 1914 durchsetzt.
Dennoch kommen mit der Zeit weitere Tonträgermodelle auf den Markt, und bei vielen Erfindungen spielt der Zufall eine Rolle. Dafür steht der deutsch-österreichische Ingenieur Fritz Pfleumer. 1861 in Salzburg geboren, studiert er in Dresden, wo er sich später auch niederlässt. Seine Familie hat das Erfindergen. So melden die Pfleumers Patente auf eine „Kraftfahrzeugreifen-Füllung und Schaumstoff-Herstellung“ an. Als Anmelder weisen sich „Pfleumer, Fritz, Hans, Hermann, Mimi, Mizi, Robert“ aus, also der Vater und alle seine Kinder.
Über die Zigarette zur Tontechnik
1927 erhält Fritz Pfleumer den Auftrag der Dresdner Zigarettenmaschinenfirma „Universelle“, einen neuen Überzug für Zigarettenmundstücke zu entwickeln. Pfleumer kreiert ein neuartiges „Gold-Mundstück“. Er erfindet ein Verfahren, Bronzepulver in Kunststoff einzubetten und dann auf das Zigarettenpapier aufzubringen. Das wirkt wie Gold, die Mundstücke färben nicht ab, billige und teure Zigaretten sind äußerlich nicht mehr zu unterscheiden. Der Erfolg lässt den kreativen Geist nicht ruhen, er sucht nach weiteren Anwendungen für sein patentiertes Verfahren – und schlägt von Zigaretten den weiten Bogen zur Tontechnik. In einem Straßencafé in Paris, sagt er später, kommt ihm die Idee, für Tonaufnahmen anstelle von Stahlbändern ein dünnes, nach seiner Methode mit Stahlpartikeln beschichtetes und magnetisierbares Papierband als Tonträger zu verwenden.
Pfleumer verfolgt seine Idee unbeirrt, ungeachtet der Tatsache, dass das Klangmedium Schallplatte qualitativ immer besser wird. Er entwickelt erste Prototypen des leichten Bands. Seine Überlegung: Auf einem solchen Band könnten die Daten der Töne platzsparend aufgerollt und gelagert werden. Diese Technik verspricht eine lange Spieldauer und ist preiswert. Das könnte der Klangwelt ungeahnte Möglichkeiten eröffnen.
1932 gelingt es dem Erfinder, die AEG in Berlin, damals ein Weltkonzern der Elektrotechnik, für sein Projekt zu interessieren. Das erste Band, das er der AEG vorstellt, ist leider eine Katastrophe, es eignet sich eher als Schmirgelpapier, wie die Zuhörer urteilen. Aber die AEG bleibt interessiert, Pfleumer arbeitet beharrlich weiter und konstruiert ein erstes Abspielgerät. Schließlich stellt er ein neues Band vor, das er nach dem Abspielen zerreißt, die Stücke zusammenklebt und erneut abspielt – an den Klebestellen knackt es zwar, aber der Rest des Bandes läuft mit ungeminderter Qualität. Die AEG ist überzeugt und schließt mit Pfleumer einen Vertrag über die gemeinsame Nutzung des Patents.
Konzert in Ludwigshafen eine Premiere
Doch aus den Papiermagnetbändern wird doch nichts. Die Weltwirtschaftskrise erlaubt es der AEG nicht, Mittel lockerzumachen, die Technik steht vor dem Aus. Wäre da nicht der Vorstandsvorsitzende der AEG, Geheimrat Hermann Bücher. Dieser ist von der Magnetbandidee so begeistert, dass er seinen ganzen Einfluss geltend macht, um das Projekt nicht sterben zu lassen. Bücher kann Carl Bosch, den Vorstandschef des Chemiekonzerns IG Farben, dazu bewegen, das Pfleumer-Band zu optimieren. Die Chemiker der BASF, die zum IG Farben-Konzern gehört, entwickeln ein Kunststoffband aus Zelluloid mit magnetisierbarer Eisenoxidschicht, das akustische Signale speichern kann. Das Tonband, wie wir es heute kennen, ist fertig.
Noch aber fehlt ein geeignetes Gerät für Aufnahme und Wiedergabe. Das liefert der junge Ingenieur Eduard Schüller im Auftrag der AEG. Herzstück seines Geräts ist ein Ringkopf – an diesem wird das Tonband vorbeigezogen und damit die mechanische Beanspruchung des Tonbands minimiert. Stolz präsentiert die AEG 1935 auf der Funkausstellung in Berlin das erste Tonbandgerät der Welt unter dem Namen „Magnetophon K 1“. Die Spule für das Band hat einen Durchmesser von 30 Zentimetern und erlaubt rund 20 Minuten Spieldauer. Es ist eine Premiere mit Tücken, denn am dritten Tag der Schau zerstört ein Feuer die Ausstellungshalle mitsamt der ersten fünf Mustergeräte. Glücklicherweise hat die AEG Ersatzteile.
1936 nehmen die Londoner Philharmoniker unter Sir Thomas Beecham ein Konzert in Ludwigshafen auf – das ist ein Adelsprädikat für die neue Technik. Fortan interessieren sich auch die Rundfunkanstalten, die bislang Wachsplatten und magnetisierten Draht als Datenspeicher verwendeten, für das Tonband.
1952 kostet Tonband-Koffergerät fast 1000 Mark
Die Fachwelt ist begeistert und spricht von einer „magnetischen Revolution“. Deutschland bleibt auf diesem Gebiet führend, doch außerhalb des Landes wird die Technik kaum zur Kenntnis genommen. Als die USA Deutschland 1945 besetzen, werden sie auf die Tonbandgeräte aufmerksam, die als begehrte Siegertrophäen in die Staaten wandern. Nun wird auch die US-Industrie wach, Firmen bauen die Geräte nach und treten bald selbst als kompetente Wettbewerber auf.
Zunächst nutzen vor allem professionelle Tonstudios die neue Technik. Auch für den Privatnutzer werden Geräte angeboten, doch noch 1952 kostet ein Tonband-Koffergerät von Grundig fast 1000 D-Mark. Aber in den 1960er-Jahren werden Spulentonbandgeräte durch die Transistortechnik kompakter, leichter und billiger, und Heimtonbandgeräte erleben einen Verkaufsboom. Ende 1962 beträgt der Bestand an Tonbandgeräten in der Bundesrepublik rund fünf bis sechs Millionen. Ein Dutzend Hersteller bietet über 50 Modelle an, zu Preisen von 250 bis 2000 D-Mark.
Anfang der 1970er-Jahre überschreiten die Heimtonbandgeräte ihren Zenit, die neuen Kassettengeräte mit ihren kompakten Kassetten erobern den Markt. Sie sind viel kleiner als Spulentonbandgeräte, bequemer zu handhaben und wegen des vom Gehäuse geschützten Bands narrensicher. Noch kleinere Kassettensysteme setzen sich als Diktiergeräte durch.
Es gibt heute noch Liebhaber der analogen Technik
Ständig steigt das technische Niveau. Neues Bandmaterial kommt auf den Markt, mit dem auch Hifi-Qualität erreicht wird. Elektronische Rauschminderungssysteme steigern die Tonqualität nochmals merklich, hinzukommen neue Tonköpfe. Und so lösen die Kassettengeräte außerhalb des Profi-Bereichs die Spulentonbandgeräte langsam ab. Vor allem die Jugend begeistert sich für neue Rekorder, mit dem Walkman wird es dann irgendwann auch möglich, beim Spazieren Musik zu hören.
Dann beginnt der Siegeszug der Mikroelektronik, beginnend mit der Compact Disc – der CD. Selbst gebrannte und bespielte CDs oder DVDs, Computer-Festplatten mit ihren MP3-Musikdateien drängen die Tonband- und Kassettengeräte an den Rand, zumal nun die Bearbeitung von Tönen sehr viel leichter ist. In den Rundfunkarchiven hatte man früher große Schränke, in denen die Tonbänder aufbewahrt wurden. Heute reichen ein paar Festplatten.
Dennoch gibt es auch heute noch Liebhaber der analogen Technik, die ihren hochwertigen Geräten inklusive des guten, alten Tonbands treu geblieben sind. Aufnahme und Wiedergabe sind hochklassig, die Rauschunterdrückung ist meisterhaft perfektioniert, auch in den Topstudios steht im Hightech-Umfeld noch immer mindestens eine analoge Bandmaschine.