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Die Beerdigung wird bunt

Immer weniger Menschen wünschen sich ein klassisches Begräbnis
In Deutschland sind es pro Jahr etwa 860.000 Beerdigungen. Viel Arbeit für die Bestatter, denn in der Welt des Trauerns hat sich einiges geändert. Heute muss man zunehmend neue Beerdigungsformen anbieten, Trauerfeiern kreativ inszenieren oder die Trauerarbeit anleiten: So individuell wie das Leben, so individuell soll heutzutage auch die Beisetzung sein.
„Die Welt ist komplexer, aber auch offener geworden. Die persönliche Gestaltung des Abschieds nimmt zu“, erzählt Axel Hahn vom Mannheimer Bestattungsinstitut Fritz Bühn.
Früher war der Umgang mit dem Tod ein anderer. Das Ganze war traditionell vorgegeben: Die meisten Menschen starben zu Hause und wurden in der Stube aufgebahrt. Freunde, Nachbarn und die Familie kamen, um sich vom Toten zu verabschieden oder um gemeinsam die Totenwache zu halten.
Das Begräbnis verlief nach bestimmten Riten und religiösen Bräuchen, Zeremonien, die bei uns die Kirche vorgab. Und die den Hinterbliebenen in ihrer Trauer Sicherheit gaben. Wie ein anständiges Begräbnis auszusehen hatte, war gesellschaftlich allgemein anerkannt. Wenn man es sich leisten konnte, sparten die Hinterbliebenen weder am Sarg noch an der Trauerfeier.
Es muss nicht mehr teuer sein
Heute ist das keine Selbstverständlichkeit mehr, sagt der Soziologe Dominic Akyel vom Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung in Köln. In Deutschland sei der Anteil von Menschen, die sich nicht mit christlichen Werten identifizieren könnten, deutlich gestiegen. „Dadurch verlieren auch die traditionellen christlichen Bestattungs- und Gedenkformen an Bedeutung.“
Aber auch die Gesetzgebung, die seit 2003 kein Sterbegeld der Krankenkassen mehr vorsieht, führt dazu, dass die Angehörigen bei der Wahl der Bestattung immer öfter nach wirtschaftlichen Gesichtspunkten entscheiden. „Weil die Bestattung zunehmend ihre soziale Bedeutung verliert, halten viele Menschen eine aufwendige und kostspielige Beerdigung nicht mehr für notwendig“, erklärt Dominic Akyel.
Das Geschäft müssen sich traditionsbewusste Bestatter jetzt mit Beerdigungsdiscountern teilen. „Manche Unternehmen verschaffen sich durch den Export von Leichen in Niedriglohnländer Wettbewerbsvorteile und bieten Butterfahrten mit Kaufoption zu Krematorien in Holland und Tschechien an“, hat der Wirtschaftssoziologe beobachtet. Auch Online-Vermittlungsportale preisen für Bestattungen Sonderkonditionen an. Bei den Unternehmen ist das offenbar angekommen.
Schiff, Flugzeug, Ballon streuen Asche
„Die Gestalt unserer Friedhöfe wird sich in den nächsten Jahren verändern, dies hat mit Grabfeldern für Verstorbene anderer Kulturen und Religionen zu tun, aber auch mit einer größeren Bandbreite ästhetischer Stile und unterschiedlicher finanzieller Möglichkeiten“, heißt es seitens des Bundesverbandes der Bestatter.
Immer häufiger gibt es anonyme Beisetzungen oder Feuerbestattungen. Die Urne ist günstiger als ein Sarg und ermöglicht neue Beisetzungsformen. So gibt es in immer mehr Städten Urnenhallen oder Kolumbarien – Urnenwände, wie man sie aus südlichen Ländern kennt. Ein Ort der Trauer bleibt so erhalten, die Angehörigen sparen sich aber die Grabpflege.
Und die Urne ist mobil: Sie kann bei der Seebestattung an einem festgelegten Ort versenkt werden. Oder bei der Flug- oder Ballonbestattung wird die Asche aus der Luft ausgestreut. Da diese Luftbestattungen in Deutschland aufgrund des Friedhofszwangs und der Bestattungspflicht nicht möglich sind, müssen die Unternehmen dann mit Partnern im Ausland zusammenarbeiten.
Im Weltraum geht auch
Wer den Verstorbenen ganz sicher im Himmel wissen will, der kann es mit einer Weltraumbestattung versuchen. Zum Preis von 11.000 Euro werden Teile der Aschereste in der Erdumlaufbahn ausgebracht. Für rund 25.000 Euro kann man die Asche auf eine endlose Reise zwischen die Sterne schießen lassen.
Wer sich von der Asche eines Verstorbenen gar nicht trennen kann, dem ist zwar in Deutschland nicht erlaubt, die Urne zu Hause aufzubewahren, aber aus dem Kohlenstoff in der Verbrennungsasche lässt sich in einem aufwendigen Verfahren ein Diamant herstellen.
Vor allem die Rückkehr der menschlichen Überreste in die Natur findet in Deutschland zunehmend Anklang. Mitten im Wald ruht der Verstorbene in abbaubaren Urnen an den Wurzeln eines ausgewählten Baumes. Ein kleines Namensschild weist auf das Grab hin. Die Pflege übernimmt die Natur. Solche Friedwälder gibt es mittlerweile in ganz Deutschland. Auch können sich Verstorbene neuerdings mit ihrem Haustier begraben lassen.
US-Staaten erlauben verflüssigen
Doch vielleicht kommt es in Zukunft völlig anders: In 15 US-Bundesstaaten ist es bereits erlaubt, Leichen zu Bestattungszwecken mithilfe einer stark konzentrierten Kalilauge aufzulösen. Nach dieser Bio-Kremation bleibt eine braune Flüssigkeit zurück, die in die Kläranlage geht.
Die Trauerarbeit am und mit dem Sarg nimmt ebenfalls an Bedeutung zu. Einige Künstler bemalen Särge und Urnen mit Szenen, die das Leben des Verstorbenen zeigen. Auch die Angehörigen selbst können mit Pinsel und Farbe ihren Gefühlen Ausdruck verleihen. Viele Bestatter haben mittlerweile eigens dafür Räume. Den Sarg zu verschönern mit Erinnerungsbildern, Briefe oder Lieblingsgegenstände hineinzulegen, ist ein persönliches Ritual, das für gute Erinnerungen sorgen soll.
„Die Enkelkinder einer 90-Jährigen haben sich von ihr verabschiedet, indem sie die Lieblingsdinge der Oma mit in den Sarg legten. Ein Kartenspiel, eine Flasche Sherry und Zigaretten. Die Enkel wollten, dass die Oma, die dem Opa in den Himmel gefolgt war, dort mit ihm viel Freude hat“, erzählt Bestatter Hahn.
Etwas Humor hilft
Er stellt fest, dass sich die Menschen – besonders, wenn sie schwer erkrankt sind – Gedanken machen, wie die Trauerfeier sein soll. Häufig gebe es den Wunsch, dass die Trauernden in bunter Kleidung dabei sind oder fröhliche Musik gespielt wird.
Sich mit dem unausweichlichen Termin zu befassen, braucht Mut, aber nimmt den Angehörigen eine Last. Und kann – wenn man es in einem zufriedenen Moment und mit etwas Humor angeht – eine gute Erinnerung hinterlassen.