Zeitgeschichte
Der Mann, der den Vietnamkrieg beendete
Die Schlagzeile der „New York Times“ am 13. Juni 1971 klingt sperrig und unspektakulär: „Vietnam Archiv: Pentagon-Studie zeigt drei Jahrzehnte zunehmender Verstrickung der USA in Vietnam“. Und doch verändert der Artikel den Lauf der amerikanischen Geschichte: Die 7000 Seiten Papier umfassende Analyse, auf der die Zeitungsberichte basieren, wird zum Katalysator, der die öffentliche Meinung gegen den Vietnamkrieg zum Kippen bringt.
Quelle für die Artikelserie, die die „New York Times“ an diesem Tag beginnt, ist ausgerechnet ein Mitarbeiter des Verteidigungsministeriums: Daniel Ellsberg hat die heute als Pentagon-Papiere bekannten und als „streng geheim“ klassifizierten Dokumente der Presse übergeben.
Das macht Ellsberg zum Verräter – aus Sicht seiner Regierung und für viele seiner Landsleute. Der Rechtsstreit um die Pentagon-Papiere gilt heute in den USA als Präzedenzfall in der juristischen Abwägung zwischen verfassungsmäßig garantierter Pressefreiheit und dem staatlichen Interesse auf Geheimhaltung.
Erschütterndes Zeugnis
Zwischen 1967 und 1969 erarbeitet Ellsberg für das Verteidigungsministerium die Analyse. Darin stellt er seiner Regierung ein erschütterndes Zeugnis aus. Er beleuchtet eine katastrophale Vietnampolitik und bezeichnet den seit 1955 andauernden Krieg später selbst als „unwinnable“, als nicht zu gewinnen.
Hintergrund dieser Asien-Politik ist, dass die Amerikaner einen Vormarsch des Kommunismus befürchten und ihn verhindern wollen. Ohne dass seine Landsleute etwas davon erfahren, gewährt bereits Präsident Harry S. Truman 1950 den Franzosen Militärhilfe im Indochina-Krieg, um den Vieth Minh, einen Zusammenschluss verschiedener antikolonialistischer Gruppen unter Führung der Kommunistischen Partei Indochinas, zu bekämpfen.
Auch Trumans Nachfolger Eisenhower unterstützt die Franzosen – nicht nur finanziell, er schickt auch US-Flugzeuge nach Vietnam. Schon damals, 1954, werden 80 Prozent der französischen Militärausgaben in Indochina vom Pentagon bezahlt.
Seit 1954 mischen die USA heimlich mit
Mit John F. Kennedy im Weißen Haus beginnt 1961 ein Strategiewechsel, der eine weitreichende Einmischung in Vietnam vorsieht. Trotzdem erzählt der Präsident seinen Landsleuten weiter nach außen hin, dass das US-Engagement dort nur sehr begrenzt sein werde.
Lyndon B. Johnson startet dann 1964 ein Bombardement gegen das kommunistische Nordvietnam, bevor amerikanische Soldaten im März 1965 mit der Operation „Rolling Thunder“ (Donnergrollen) direkt vietnamesischen Boden betreten.
Militäranalyst Ellsberg erkennt bei seinen Recherchen schnell, dass seine Regierung die Öffentlichkeit und den Kongress über lange Zeit belogen hat. Im Oktober 1969 beginnt er, den Bericht, an dem er so lange gearbeitet hat, zu fotokopieren. Dabei war er, ein Ex-Soldat des Marinekorps, lange selbst ein Befürworter des Kriegs – ohne Wenn und Aber.
Kongressmitglieder interessiert das nicht
Erst die Arbeit an den Pentagon-Papieren öffnet Daniel Ellsberg die Augen. Schon im August 1969 besucht er eine Versammlung in Philadelphia, die sich gegen den Vietnamkrieg richtet, und er verteilt dort, als Mitarbeiter des Pentagons, Anti-Kriegs-Flugblätter.
Als Ellsberg erkennt, dass Richard Nixon, der 1968 zum Präsidenten gewählt wird, den Vietnamkrieg ausweiten wird, entschließt er sich, einen Schritt weiter zu gehen. Er bricht mit den Spielregeln, die ihm bisher seine Karriere ermöglicht haben: Geheimhaltung, Verschwiegenheit, Vertuschung. Obwohl schon seine Kopien der Pentagon-Papiere juristisch gesehen Spionage sind und ihm nicht nur der Rauswurf aus dem Ministerium, sondern auch Gefängnis droht, macht er sich an die Arbeit.
Zuerst nutzt Ellsberg politische Kanäle und übergibt Teile seiner Studie an ausgewählte Kongressmitglieder. Im August 1970 trifft er sich mit Nixons damaligem Sicherheitsberater Henry Kissinger und bittet ihn dringlichst, die Studie zu lesen. Die Hoffnung, dass ein Senator oder Abgeordneter Untersuchungen einleitet, erfüllt sich allerdings nicht.
Im Kopierladen vervielfältigt
Am 2. März 1971 trifft sich Daniel Ellsberg daher mit Neil Sheehan von der „New York Times“, in Sheehans Haus in Washington D.C. Übergeben will Ellsberg die Dokumente nicht, denn er glaubt nicht, dass die Zeitung die Papiere in der Ausführlichkeit drucken wird, die er für nötig hält, damit sich die Öffentlichkeit eigenständig ein vollständiges Bild von der Situation in Vietnam machen kann.
Zudem fürchtet er, dass das Blatt vielleicht doch – aus Vorsicht oder Angst – das FBI informieren könnte. Um einer Beschlagnahmung der Dokumente bei einer eventuellen Hausdurchsuchung vorzubeugen, kopiert Ellsberg die 7000 Seiten nochmals und versteckt sie in kleineren Stapeln bei Freunden und Bekannten, denen er vertraut.
Journalist Neil Sheehan bemerkt, dass Ellsberg dabei unvorsichtig vorgeht: Er benutzt einen beliebten Kopierladen im Zentrum von Boston und bezahlt mit Schecks, die er mit Klarnamen unterschreibt. Der Mann von der „New York Times“ fürchtet, dass die ganze Aktion noch in letzter Minute auffliegen könnte.
Die Geschichte geht ohne Erlaubnis raus
Beim nächsten Treffen der Männer lässt Ellsberg Sheehan einige Stunden allein, um ihm die Gelegenheit zu geben, Teile des Berichts zu lesen. Der Reporter nutzt die Chance, um heimlich die „Pentagon Papers“ zu vervielfältigen. Bis alle 7000 Seiten kopiert sind, geben gleich zwei Kopiermaschinen den Geist auf. Auf dem Rückflug von Boston nach New York lässt Sheehan die Papiere nicht aus den Augen und bucht dafür sogar einen eigenen Sitz. Wochenlang analysiert dann ein ganzes Journalistenteam fieberhaft die Dokumente. Ellsberg ahnt davon nichts.
Zur Angst des Journalisten, dass die Sache doch noch schiefgeht, kommt, dass Ellsberg nun auch Einfluss nehmen will auf die Form und Ausführlichkeit der Artikelserie. Sheehan und seine Redaktion entschließen sich deshalb, zu veröffentlichen, ohne Ellsberg den genauen Termin zu nennen. Ellsberg ist nicht begeistert – auch wenn er sein Etappenziel erreicht hat: Die Geschichte ist raus.
Die Publikation schlägt schnell massive politische Wellen. Ellsberg ist überzeugt, dass sich die öffentliche Meinung nun, da der Inhalt der Pentagon-Papiere bekannt ist, schnell gegen den Krieg wenden wird. Doch er hat nicht mit der Eitelkeit Richard Nixons gerechnet, der in Ellsbergs „Verrat“ nicht nur einen Angriff auf seine Administration sieht, sondern ihn als eine zutiefst persönliche Attacke empfindet. Nixon holt zum Gegenschlag aus und geht vor Gericht.
Die Regierung klagt gegen die Zeitungsartikel
Die Anwälte des Weißen Hauses argumentieren, dass die Veröffentlichung „die Fähigkeit des Präsidenten einschränkt, die nationale Sicherheit zu gewährleisten“ und haben damit zunächst Erfolg. Ein Bundesrichter in New York erlässt eine Verfügung, die es der Zeitung untersagt, weitere Teile der Pentagon-Papiere zu veröffentlichen. Die „Times“ geht in Berufung.
Für solch einen Fall ist Ellsberg jedoch gewappnet: Er hat seine Dokumente vorsorglich einer zweiten angesehenen Zeitung, der „Washington Post“, übergeben. Die sitzt in der Hauptstadt, und dort findet sich kurioserweise kein Richter, der die juristische Einschätzung seines New Yorker Kollegen teilt.
Also führt die „ Washington Post“ den Abdruck fort, den die „Times“ fünf Tage zuvor in New York begonnen hat. Diese offensichtlichen juristischen Widersprüche bringen den Fall schnell vor den Supreme Court, das oberste Gericht der USA.
Die zentrale Frage lautet: Hat die Regierung in bestimmten Fällen das Recht, die Pressefreiheit zu beschneiden? Nach Ansicht des Obersten Gerichts kann die Nixon-Regierung nicht ausreichend belegen, dass die Veröffentlichung eine „ernste und irreparable“ Gefahr heraufbeschwören wird, und erlaubt die weitere Publikation. Je mehr die Amerikaner in den folgenden Wochen über den Vietnamkrieg erfahren, desto mehr lehnen sie den Konflikt ab.
Anklage gegen Daniel Ellsberg
Daniel Ellsberg aber hat wenig vom Punktsieg für die Pressefreiheit. Denn jetzt beschuldigt ihn seine Regierung der Spionage. Ellsberg stellt sich am 28. Juni 1971 in Boston den Behörden – ihm drohen bis zu 115 Jahre Haft. Nach zwei langen Jahren, am 11. Mai 1973, werden die Anschuldigungen schließlich fallen gelassen und Ellsberg wird von seinen Anhängern vor dem Gerichtsgebäude als Held gefeiert. Der Richter sieht im letzten verzweifelten Versuch der Nixon-Regierung, Ellsberg als psychisch instabilen Informanten zu diskreditieren, ein „Fehlverhalten“ und beendet das Verfahren. Das Weiße Haus hatte tatsächlich ein Team mit dem Decknamen „plumbers“ (Klempner) losgeschickt, um im Büro von Ellsbergs Psychiater einzubrechen.
Die Ironie der Geschichte ist, dass die Klempner eine direkte Verbindung erlauben zwischen den Pentagon-Papieren und dem Watergate-Skandal. Denn es sind eben diese Klempner, die später in das Watergate Hotel einbrechen, um politische Gegner Nixons auszuspionieren, und so den Skandal auslösen, der Nixon schließlich zu Fall bringt. Das Ende Nixons macht auch das Ende des Vietnamkriegs möglich. Ellsberg hat sein Ziel erreicht.
Daniel Ellsberg feierte am 7. April seinen 90. Geburtstag und ist für viele seiner Anhänger immer noch ein Held. Die „Washington Post“ nannte ihn einst „den Paten aller Whistleblower“: Er ist mitverantwortlich dafür, dass heutzutage Menschen, die wichtige Informationen aus einem geheimen oder geschützten Zusammenhang veröffentlichen und unsauberes Verhalten von Regierungen offenlegen, zumindest in demokratischen Ländern einen gewissen gesetzlichen Schutz genießen.
Allerdings ist Papier geduldig und die Realität doch eine andere, wie der Fall Edward Snowden zeigt.