Geschichte RHEINPFALZ Plus Artikel Der Mann, der den Grand Canyon bezwang

Der Grand Canyon regt John Wesley Powell zum Nachdenken über die Kräfte an, die einst die Schluchten formten, und den Flusslauf.
Der Grand Canyon regt John Wesley Powell zum Nachdenken über die Kräfte an, die einst die Schluchten formten, und den Flusslauf. Er nennt den Grand Canyon die »Bibliothek der Götter«, in der man die Schöpfung nachlesen könne

Seine waghalsige Fahrt den Grand Canyon hinab macht John Wesley Powell im 19. Jahrhundert zu einem der bekanntesten Forscher der USA. Später unterbreitet der Geologe Vorschläge, wie man Amerikas trockenen Westen nachhaltig besiedeln und bewirtschaften kann. Bloß: Hören will die Botschaft kaum jemand.

Die Entscheidung der drei Männer ist gefallen. Sie werden der Expedition, die sie den Colorado River und den Grand Canyon hinabführt, den Rücken kehren. Seit drei Monaten sind sie nun unterwegs, von ihren Vorräten sind nur noch fünf Tagesrationen übrig – der Rest ist verbraucht, verloren oder verdorben.

Wie weit es noch ist bis zu ihrem Ziel, wo genau sie sich befinden, weiß Expeditionsleiter John Wesley Powell nicht – bisher hat kaum jemand den Grand Canyon im Südwesten der USA erkundet. Obwohl er ein überzeugender Redner ist, kann der Major seine drei Kameraden nicht umstimmen: Zu müde und gezeichnet ist das Team von den Strapazen der Fahrt. Sonnenbrand, Rückenschmerzen, Schnittwunden, Prellungen und gebrochene Finger machen ihnen ebenso zu schaffen wie das Bewusstsein, dass schon die kleinste Unaufmerksamkeit über Erfolg oder Katastrophe entscheiden kann.

Nun nagen Zweifel an ihnen, ob sie das Ziel erreichen, ehe ihnen die Lebensmittel ausgehen. Oramel Howland, sein Bruder Seneca und William Dunn wollen sich lieber zu Fuß bis zur nächsten Siedlung durchschlagen. Also lässt Powell sie widerwillig ziehen – und setzt die Fahrt mit den übrigen fünf Männern fort.

Drei Männer werden nie wieder lebend gesehen

Die Stelle, an der sich ihre Wege trennen, tauft er später „Separation Rapid“, Stromschnelle der Trennung. Gerade einmal 24 Stunden später, am 29. August 1869, erleben die Männer in ihren Booten eine Überraschung: Sie haben den Grand Canyon durchquert und sind am Ziel. Die Brüder Howland und Dunn jedoch werden nie wieder lebend gesehen.

In Powells erster Station nach dem Abenteuer, Salt Lake City, wird er wie ein Held empfangen, berichtet der US-Historiker John F. Ross in der Biografie „The Promise of the Grand Canyon“. Powells Expedition stärkt das Selbstbewusstsein der Nation, deren Wunden aus dem Bürgerkrieg noch nicht verheilt sind: Der Major hat mit dem Kontinent gerungen – und ihn bezwungen.

Das passt zum Selbstverständnis der Amerikaner, zum „Manifest Destiny“, der Idee eines auserwählten Volkes und eines Staates, der sich immer weiter nach Westen ausdehnt. Jahre später wird ausgerechnet Powell am Selbstverständnis seines Vaterlandes rütteln – obwohl er ein leidenschaftlicher Patriot ist. Oder vielleicht gerade deshalb.

Die Geologie bringt die Bibel ins Wanken

Vier Jahre ist John Wesley Powell alt, als seine Eltern 1838 beschließen, die Ostküste zu verlassen und sich in Ohio niederzulassen. Ihr neuer Wohnort liegt nahe der Grenze zum Sklavenstaat Kentucky. Vater Joseph lehnt die Sklaverei ab. In der Schule wird John deshalb gemobbt, seine Mitschüler schimpfen seinen Vater einen „Negerfreund“ und bewerfen den Jungen mit Steinen.

Die Eltern legen Johns Bildung deshalb in die Hände ihres Freundes „Big George“ Crookham, der auf seinem Anwesen eine private Schule und ein naturhistorisches Museum betreibt. Dort zeigt Crockham Mineralien und Fossilien von Säbelzahntigern, Mammuts und Dinosauriern. John ist begeistert und begleitet Big George später auf seinen Ausgrabungen.

Geologie ist damals eine junge Wissenschaft; mit seinem Werk „Principles of Geology“ (1830/33) bringt der Brite Charles Lyell die von der Bibel geprägten Vorstellungen von Genesis, Erd- und Menschheitsgeschichte ins Wanken. Seine These: Alle Kräfte, die die Erdoberfläche geformt haben, sind bis heute sichtbar.

Als Naturforscher Charles Darwin die „HMS Beagle“ besteigt, um die Welt zu umsegeln, hat er Lyells Werk mit im Gepäck. Zurück kommt er mit seinen Theorien zur Evolution der Arten. Unter anderem diese Neuerungen in der Wissenschaft prägen auch Johns Sicht auf die Erde.

Powell im Bürgerkrieg

In den folgenden Jahren zieht seine Familie mehrfach um, erst nach Wisconsin, dann nach Illinois. Dort studiert John Wesley Powell zunächst Agrarwissenschaften. Doch eigentlich lernt er lieber von der Natur. 1856 fährt er mit seiner Jolle den Mississippi hinunter, von Minneapolis bis nach New Orleans. Im Jahr darauf rudert er von Pittsburgh bis zur Mündung des Ohio. Sein Studium lässt er bald sausen.

Zunächst schlägt sich Powell als Lehrer durch und geht in seiner Freizeit auf Fossiliensuche. Seine Sammlung bringt dem Hobbyforscher bald erste Anerkennung ein: Die Natural History Society von Illinois bietet ihm eine Mitgliedschaft an.

Als 1861 der Bürgerkrieg ausbricht, meldet sich Powell freiwillig zum Militärdienst für die Nordstaaten. Während des Krieges lernt er General Ulysses S. Grant kennen. Die Männer verstehen sich gut, und Grant wird später zu einem der einflussreichsten Unterstützer Powells. Für seinen Fronteinsatz zahlt Powell einen hohen Preis: Sein rechter Arm muss nach einer Verletzung amputiert werden. Schmerzen begleiten ihn von da an sein Leben lang.

Wüste, Berge, Schluchten

Nach Kriegsende treibt ihn der Wunsch an, sich zu beweisen. An der Illinois State Normal University ergattert er eine Stelle und richtet seinen Lehrplan so ein, dass er sich im Sommer auf seine geologische Forschung konzentrieren kann. Die zieht ihn immer weiter nach Westen: in die bisher kaum erforschte Gegend im südlichen Utah und nördlichen Arizona, einer Landschaft, geprägt von Wüste, Bergen und Schluchten.

1868 wendet sich Powell an seinen Freund Grant: Er bittet die Army um finanzielle Unterstützung für eine Expedition, die erst den Green River, dann den Colorado River und den Grand Canyon hinunter führen soll. Powells Vorschlag wird im Senat heftig diskutiert: Normalerweise liegt die Vermessung des Landes in den Händen des Militärs. Aber der Major a. D. hat Glück: Der Senat stimmt zu, trotz klammer Kassen.

In Denver stellt Powell sein Team für die waghalsige Bootstour zusammen – nicht Wissenschaftler und Studenten wählt er aus, sondern Trapper und ehemalige Soldaten: Männer, die Erfahrung haben in der rauen Wildnis des amerikanischen Westens, die schwierige Situationen gewohnt sind und improvisieren können.

Wildwasser, Stromschnellen

Das ist wichtig, denn trotz sorgfältiger Vorbereitung weiß Powell nicht viel über das, was ihm und seinen Männern bevorsteht. Wie lange werden sie unterwegs sein? Wie viele Wasserfälle gibt es auf der Strecke? Wo drohen Wildwasser und gefährliche Stromschnellen?

Der Erfolg der Expedition steht immer wieder auf der Kippe. Ein Boot geht mit einem Drittel der Vorräte unter, mehrmals geraten die Männer in lebensgefährliche Situationen. Aber Powell ist es das Risiko wert. Die Landschaften, die sie durchqueren, regen ihn zum Nachdenken an über die Kräfte, die hier Gebirge, Täler und Flussläufe entstehen ließen. In den Wänden der Schluchten erkennt Powell unterschiedliche Schichten und Gesteinsformationen und kommt zu dem Schluss: Der Grand Canyon ist die Bibliothek der Götter, in der man die Schöpfung nachlesen kann.

Trotz aller Freude über die überstandene Fahrt ist Powell ein bisschen enttäuscht: Die meisten Messergebnisse, Karten und Zeichnungen wurden unterwegs zerstört. Also beschließt er, die Fahrt zu wiederholen – allerdings in zwei Etappen. So bleibt ausreichend Zeit für wissenschaftliche Untersuchungen. Zudem sorgt der Major an bestimmten Punkten für Nachschub an Lebensmitteln und Material.

Streit ums Geld

Auch mit der zweiten Expedition ist es für Powell nicht getan – er bewirbt sich in Washington um Geld für die Vermessung des restlichen Colorado-Plateaus. Das Problem: Andere Forscher beanspruchen die Erkundung des Westens für sich. Es folgt ein jahrelanger Streit um Mittel und Zuständigkeiten, den Powell letzten Endes für sich entscheidet, als er 1881 zum Direktor des US Geological Survey, des geologischen Bundesamts, ernannt wird.

In den Debatten dieser Jahre hat es Powell nicht immer leicht – auch, weil er Ansichten vertritt, die wenig populär sind. Powell beschäftigt sich nicht nur mit Geologie und Geografie, sondern auch mit der Kultur und Sprachen der Indianer im Südwesten. In einem Bericht fordert er, dass die Regierung weißen Siedlern fruchtbares Farmland abkaufen soll, um es den Ureinwohnern zur Verfügung zu stellen. Reservate sollten vergrößert werden, damit verfeindete Stämme nicht in unmittelbarer Nachbarschaft zueinander leben müssen.

Sein Ziel: Die Indianer sollen als Landwirte ein produktives Leben führen können. Ganz frei von Vorurteilen und Rassismus ist nämlich auch Powell nicht. Er hält die Native Americans für unterentwickelt, ihre Lebensweise für unzivilisiert.

Der entzauberte Westen

Beim Jahrestreffen der Nationalen Akademie der Wissenschaften 1877 setzt Powell dann zum nächsten Paukenschlag an. Thema seiner Rede ist das extrem trockene Klima des amerikanischen Westens und die Frage, wie man ihn bewässert. Powell meint: Westlich des 100. Längengrads könne man, von einigen Ausnahmen abgesehen, keine Landwirtschaft im konventionellen Stil betreiben.

Damit, so Biograf Ross, trifft Powell einen wunden Punkt. Er entzaubert einen Mythos, widerspricht der bisherigen Annahme, dass der Westen unbegrenzte Möglichkeiten bietet und es lediglich Mut, harte Arbeit und Vorstellungskraft braucht, um diese Möglichkeiten auszuschöpfen.

Trotz der teils heftigen Kritik knickt Powell nicht ein: Den Westen einfach in 160 Morgen große Parzellen einzuteilen, ohne beim Zuschnitt der Farmen Topografie, Höhe, Niederschläge oder Quellen zu berücksichtigen, hält er für unverantwortlich. Er tritt für eine nachhaltigere Erschließung ein, damit Farmer nicht nach wenigen Jahren wieder aufgeben müssen. Das hat Folgen: Seine Bemühungen, topografische und geologische Karten des Westens zu erstellen, die als Basis für die Landerschließung dienen sollen, geraten unter Beschuss. Politiker aus den betroffenen Bundesstaaten fürchten um Steuergelder aus Landverkäufen.

Hunderttausende Siedler fliehen

Dass Powell nur wenig Gehör findet, rächt sich bald: Im Winter 1886/87 wüten extreme Schneestürme über den Great Plains, den Prärien des Westens, Millionen Farmtiere erfrieren. Auf den Schnee folgt eine mehrjährige Dürre. Nach dem Bürgerkrieg war das Wetter lange sehr mild, was Kansas, Nebraska und Colorado eine Flut an Zuwanderern bescherte. Nun flüchten die Siedler zu Hunderttausenden.

1935, 32 Jahre nach Powells Tod, wird die Hauptstadt Washington D. C. schließlich von einer Staubwolke aus Nebraska und Oklahoma überrollt. Infolge von intensiver Landwirtschaft und extremer Dürre weht der Wind die oberste Bodenschicht einfach davon. „Dust Bowl“, die Staubschüssel, nennt man die betroffenen Gebiete seit dieser Zeit.

Auch wenn Powell nicht mit all seinen Theorien richtig gelegen habe – er hat die Wasservorkommen im Westen unterschätzt, aber auch die Wassermengen, die für eine Bewässerung dort nötig sind – , seien viele seiner Vorhersagen eingetroffen, betont Biograf Ross: etwa seine Schätzung, welche Flächen erfolgreich bewirtschaftet werden können.

Würde Powell heute leben, wäre er vermutlich ein Klimaaktivist, der an vorderster Front kämpft, spekuliert Ross: Die Zusammenhänge zwischen Erderwärmung und Unwettern, Überflutungen und Dürren wären für ihn nur allzu klar.

Powell in den 1870er Jahren mit einem Ureinwohner vom Stamm der Paiute.
Powell in den 1870er Jahren mit einem Ureinwohner vom Stamm der Paiute.
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