Wissen RHEINPFALZ Plus Artikel Constance Markievicz: Die rebellische Gräfin

Plakate in Dublin erinnern ein Jahrhundert nach Constance Markieviczs Wahl ins britische Parlament an ihren historischen Erfolg.
Plakate in Dublin erinnern ein Jahrhundert nach Constance Markieviczs Wahl ins britische Parlament an ihren historischen Erfolg. »Bleibt aufrecht und weicht dem Kampf nicht aus«, fordert Markievicz ihre Landsleute auf.

Für die einen ist sie Nationalheldin, für die anderen kompromisslose Fanatikerin: 1918 wird Constance Markievicz als erste Frau überhaupt ins britische Parlament gewählt. Ihren Sitz nimmt sie jedoch nicht ein – aus Protest gegen Englands Herrschaft in Irland.

Ich wünschte wirklich, ihr hättet den Anstand, mich zu erschießen!“ Constance Markievicz ist empört. Wie die anderen Anführer des gescheiterten irischen Osteraufstands, der sich gegen 700 Jahre englische Fremdherrschaft richtet, wird sie im Mai 1916 zunächst zum Tode verurteilt – dann aber begnadigt, weil sie eine Frau ist. Als Feministin findet sie diese Ungleichbehandlung unmöglich, auch wenn sie ihr das Leben rettet.

Dass sie sich einmal dem Kampf für die besitzlosen Iren verschreiben würde, ist bei Markieviczs Geburt 1868 nicht absehbar: Sie gehört zur britischen Oberschicht, wird in die protestantische Familie Gore-Booth hineingeboren. Als Großgrundbesitzer leben sie im Herrenhaus Lissadell in Sligo an der Westküste Irlands inmitten der irisch-katholischen Landbevölkerung. Mit ihrer jüngeren Schwester Eva, die sich später als Dichterin in Manchester für Wahlrecht und Gleichheit von Frauen einsetzen wird, verbindet Constance eine lebenslange Freundschaft; drei weitere Geschwister verliert sie jedoch später aus den Augen. Ihr Vater ist als leidenschaftlicher Polarforscher oft verreist. Die Gore-Booths helfen ihren Pächtern – im Gegensatz zu vielen anderen Landadligen. Zwischen 1845 und 1849 kommt es auf der Grünen Insel zu Hungersnöten; nicht nur durch die Kartoffelfäule, sondern auch, weil trotz der Missernten weiterhin irisches Getreide nach England exportiert wird. Die „Great Famine“ trifft vor allem Westirland, etwa eine Million der damals acht Millionen Iren sterben, viele wandern in die Vereinigten Staaten aus.

Furchtlos und selbstbewusst

Constance ist ein kreatives Kind – und ein furchtloses. Mit vier Jahren reitet sie bereits ihr eigenes Pony, sie entwickelt sich zur talentierten Reiterin, die bei Pferdejagden alle Männer in den Schatten stellt. Sie malt und verkleidet sich gerne, zum Beispiel als Fee, die Geschenke bringt, oder als Bettlerin. Der spätere Literaturnobelpreisträger William Butler Yeats ist heimlich in sie verliebt und schreibt über die Schwestern: „Lissadell im Licht der Abendhelle, die großen Fenster öffnen sich nach Süden, im Seidenkimono zwei Mädchenblüten, beide schön, die eine ganz Gazelle.“ Die Schwestern sind selbstbewusst, als ein anderer Verehrer der „Gazelle“ Constance am Essenstisch das Knie tätschelt, hebt sie seine Hand hoch und sagt laut: „Seht nur, was ich in meinem Schoß gefunden habe!“

Bildhübsch in Prinzessinnenkleidern wird sie 1887 an den Hof von Königin Victoria nach London geschickt, um sich einen Bräutigam zu angeln. Doch ihr Sinn steht nicht nach Männerfang, Constance will Malerin werden. Ab 1892 besucht sie die Slade Kunstschule in London und wechselt 1898 zur Académie Julian nach Paris. Dort verliebt sie sich 1899 auf einem Ball in den fast sechs Jahre jüngeren polnischen Grafen und Maler Casimir Markievicz. Als er im gleichen Jahr seine Frau und ein Kind verliert, wird der zweite Sohn Stanislas von Constance als ihr eigenes Kind aufgezogen. Nach der Hochzeit kehren sie 1901 nach Lissadell zurück: Constance erwartet ein Kind, bei dessen Geburt sie fast stirbt. Töchterchen Maeve wird nach der Kriegerkönigin benannt, deren Grab unmittelbar über Lissadell auf dem Berg Knocknarea liegen soll, und wächst bei der Großmutter auf.

Nach halbjährigem Aufenthalt auf dem Gut des Grafen in der Ukraine lebt das Malerehepaar ab 1903 in Dublin, wo Casimir Theaterstücke schreibt, während Constance sich mehr und mehr der irischen Unabhängigkeitsbewegung zuwendet. Im Frühjahr 1908 nimmt das Paar letztmals an einer der elitären Partys im Dubliner Schloss teil.

Stets ein offenes Fenster für Mitstreiter

Bereits kurz darauf fällt Constance als Aktivistin der anti-englischen „Sinn Fein“-Partei („Wir Selbst“) auf. 1909 gründet sie eine Art Pfadfindergruppe, die „Fianna“, benannt nach der mythischen Kriegergruppe um Finn MacCool (Fionn mac Cumhaill), sie campen und machen Schießübungen. 1911 wird sie erstmals festgenommen, weil sie gegen den Besuch von König George in Dublin demonstriert. Ihr engster Freund, Sozialist James Connolly, lebt bei ihr im geräumigen Haus, eines der Fenster unten ist stets für Mitstreiter geöffnet, die ein Nachtlager suchen. Oft klingeln Bettler und Constance verschenkt buchstäblich ihr letztes Hemd.

Im Sommer 1913 versteckt sie Streikführer James Larkin, „eine Naturgewalt“, wie sie sagt. Casimir und sie verkleiden ihn als alten Mann und schmuggeln ihn am nächsten Tag in das Imperial Hotel, vor dem trotz Verbot eine Kundgebung stattfinden soll. Der Coup gelingt zunächst, Larkin spricht von einem Balkon aus, aber die Polizei prügelt auf die Zuhörer ein, auch Constance wird verletzt. Dies führt zur Gründung der Arbeitermiliz „Irish Citizen Army“ (ICA), Constance entwirft die grünen Uniformen und komponiert ihre Hymne. Immer dabei ist ihr Cockerspaniel Poppet, der eine Ecke der grünen Fahne auf dem Gewissen hat, die beim Osteraufstand 1916 mit dem von ihr gemalten Schriftzug „Irish Republic“ über dem von den Rebellen besetzten Imperial Hotel wehen wird.

Die Polizeigewalt am 31. August 1913 ist auch der Auftakt des monatelangen Dubliner Lockouts: Arbeiter, die Mitglied bei der Transport- und Arbeitergewerkschaft sind, werden von ihren Arbeitgebern entlassen oder ausgesperrt, um die Ausbreitung der Gewerkschaftsbewegung zu bremsen. Stattdessen werden Streikbrecher angeheuert, damit die Betriebe weiterlaufen können. 20.000 Menschen haben in der Folge kein Einkommen und hungern. Constance richtet im Gewerkschaftshaus „Liberty Hall“ eine Suppenküche ein. Unermüdlich organisiert sie 3000 Mahlzeiten am Tag, finanziert durch den Verkauf ihrer Juwelen. Im April 1914 gründet sie den Irischen Frauenrat („Cumann na mBan“), dessen Präsidentin sie von 1916 bis 1926 bleibt.

Sie tarnt ihr Ministerium als Musikschule

Während in Europa der Zweite Weltkrieg tobt, greifen die irischen Freiheitskämpfer schließlich am Ostermontag 1916 zu den Waffen: Sie rufen vor der Hauptpost Dublins die irische Republik aus und besetzen strategisch wichtige Gebäude in der Stadt. Zunächst ist der Aufstand erfolgreich, doch bald sehen sich die Iren einer eindeutigen Übermacht der Engländer gegenüber. Anführer James Connolly wird schwer verletzt und organisiert den Widerstand seiner Truppen von der Trage aus, während ein britisches Kanonenboot ganze Straßenzüge und die Hauptpost in Schutt und Asche legt. Unter den 1250 bewaffneten Iren sind auch einige Frauen – natürlich auch Constance Markievicz, die im Abschnitt St. Stephen’s Green als stellvertretende Kommandantin im Einsatz ist.

Die Mehrheit der Bevölkerung steht dem Aufstand jedoch zunächst ablehnend gegenüber. Um weitere zivile Todesopfer zu vermeiden, ergeben sich die Rebellen schließlich nach fünf Tagen. Die Stimmung im Land wendet sich zu ihren Gunsten, als die Engländer James Connolly und 14 weitere Anführer hinrichten. Nach dem Osteraufstand wird Constance inhaftiert, über 1800 Mitstreiter teilen ihr Schicksal. Da die USA ihre Kriegsteilnahme an Zugeständnisse in der irischen Frage koppeln, erfolgt jedoch bereits 1917 eine Amnestie. Constances Empfang in Dublin wird zum Triumphzug.

Bei den Wahlen zum britischen Unterhaus 1918 siegt nicht nur Markievicz, 73 von 105 Sitzen in ganz Irland gehen an „Sinn Fein“-Kandidaten, die sofort ein eigenes Parlament („Dail“) und eine Regierung bilden. Beides wird von England nicht anerkannt. Constance wird zur Arbeitsministerin berufen – sie ist erst die zweite Frau weltweit, die überhaupt einen Ministerposten erlangt. Ihre Leidenschaft für Verkleidungen trägt dazu bei, dass ihr als Maklerbüro und Musikschule getarntes Ministerium in der Frederick Street nicht gefunden wird. Es gibt viel zu tun: Schiedssprüche bei Arbeitskonflikten, Verteilung ungenutzten Landes, Unterstützung von Kollektiven.

Immer wieder im Gefängnis

So geht der Widerstand weiter, stets beobachtet von der Polizei. Markievicz kann mit dem Fahrrad oft fliehen, wird schließlich aber doch von den Polizisten erwischt. Bis 1922 sitzt sie mehrfach im Gefängnis, insgesamt 16 Monate lang. Währenddessen liefern sich die Guerillakämpfer, angeführt von Michael Collins, und britische Agenten ein mörderisches Katz- und Mausspiel, das der „Big Fellow“ Collins gewinnt. 1921 schickt ihn der irische Präsident de Valera nach England zu Friedensverhandlungen, doch kommt er nicht mit der erhofften Republik, sondern mit einem Freistaat und einer geteilten Insel im Gepäck zurück. Der Norden, wo die Nachfahren der protestantischen Siedler aus England und Schottland die Mehrheit bilden, will und soll britisch bleiben.

Die meisten Anhänger Collins’ sind entsetzt, auch Constance. Als sie 1922 von einer Vortragsreise aus den USA zurückkehrt, beteiligt sie sich umgehend am bewaffneten Aufstand gegen die Vertragsbefürworter, es folgt ein blutiger Bürgerkrieg, Collins wird von Vertragsgegnern ermordet. Von der „Schrecklichen Schönheit“, wie Dichter Yeats den Osteraufstand 1916 nennt, bleibt nur der Schrecken. Der von England ausgerüstete Freistaat inhaftiert 12.000 Menschen, darunter auch erneut Markievicz.

Der siegreiche Freistaat drängt unter katholischer Regie Frauenrechte zurück: 1926 wird die Scheidung verboten, die Berufswahl eingeschränkt. In ihren letzten Lebensjahren engagiert sich Constance für Gefangene. Sie stirbt am 15. Juli 1927 in einem Armenhospital. Ein Staatsbegräbnis wird ihr verweigert, dennoch beteiligen sich 300.000 Menschen an ihrem Trauerzug in Dublin.

Ein Opfer systematischen Frauenhasses?

Leider sind Fake News keine neue Erfindung – bereits vor 100 Jahren kursieren sie: Fälschlicherweise wird Constance Markievicz vorgeworfen, sie habe beim Osteraufstand einen unbewaffneten Polizisten erschossen, obwohl sie zum Tatzeitpunkt nachweislich mit einem Sanitätsauto woanders war. Andere bezweifeln, ob sie wegen ihrer Kurzsichtigkeit überhaupt schießen konnte, offensichtlich rührt sie an männlichen Urängsten. Dies kommentiert Manus O’Riodran, Leiter der historischen Forschungsabteilung von Irlands größter Gewerkschaft SIPTU: „Es gibt wenig Zweifel daran, das Constance Markievicz das Opfer systematischen Frauenhasses geworden ist.“

Bis heute ist keine der vielen Biografien über sie ins Deutsche übersetzt worden, dabei kann man durch ihr Leben die jüngere Geschichte Irlands wie durch ein Brennglas betrachten. In Irland erschien eine Briefmarke zu ihrem 100. Geburtstag, mehrere Denkmäler erinnern an sie. Die rebellische Gräfin selbst hätte sich wahrscheinlich am meisten über die Statue von Elizabeth McLaughlin gefreut, die seit 1998 in Dublin steht: Hier ist auch der von ihr innig geliebte Cockerspaniel Poppet verewigt.

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