Wissen RHEINPFALZ Plus Artikel 150 Jahre Fotografie für alle

Die gläserne Fotoplatte wurde im Dunkeln in die Holzkassette eingelegt und mit dem Lichtschieber rechts im Bild lichtdicht versc
Die gläserne Fotoplatte wurde im Dunkeln in die Holzkassette eingelegt und mit dem Lichtschieber rechts im Bild lichtdicht verschlossen. Danach war die Kamera schon aufnahmebereit.

Am 8. September jährt sich eine Revolution in der Fotografie zum 150. Mal. Eine Erfindung vereinfachte das Fotografieren so sehr, dass von da an auch Otto Normalverbraucher ansehnliche Bilder machen konnte, ohne über ein umfangreiches Fachwissen und spezielle Fingerfertigkeit verfügen zu müssen. Und gefährlich war das Fotografieren auch nicht mehr.

In der Mitte des 19. Jahrhunderts war das Fotografieren kein Kinderspiel. Das damals verbreitete Kollodium-Nassplattenverfahren erforderte nicht nur Erfahrung und Fingerfertigkeit, sondern auch viel Zeit. Zudem war das Hantieren mit den verwendeten Chemikalien gefährlich und gesundheitsschädlich.

Das alles änderte sich am 8. September 1871, als der britische Arzt Richard Leach Maddox die von ihm entwickelte Gelatine-Trockenplatte der interessierten Öffentlichkeit vorstellte. Mit ihr konnten nun auch Amateure vorzeigbare Bilder gefahrlos, schnell und unkompliziert aufnehmen.

Um verstehen zu können, wie bedeutend diese Neuerung damals war, muss man wissen, wie aufwendig sich das Vorgängerverfahren gestaltete. Im Gegensatz zur heutigen Digitalfotografie konnte man damals nämlich nicht einfach nur den Auslöser drücken und drauflosfotografieren. Ganz im Gegenteil. Es mussten umfangreiche Vorbereitungen getroffen werden, und auch das Fotografieren selber war ein Spektakel der besonderen Art, das unter ständigem Zeitdruck stattfand, da die verwendeten Fotoplatten in nassem Zustand belichtet und auch entwickelt werden mussten.

Bad in Silbernitrat macht Platte empfindlich

Um ein Bild aufnehmen zu können, wurde – vereinfacht gesagt – zuerst eine Glasplatte zugeschnitten und sehr sorgfältig gereinigt. Diese beschichtete der Fotograf dann mit einer Kollodium-Lösung (eine Flüssigkeit, die er zuvor aus Schießbaumwolle, die in Alkohol und Ether aufgelöst wurde, zusammen mit Jod- und Bromsalzen anmischte), indem er sie gleichmäßig über die waagerecht gehaltene Glasplatte laufen ließ. Nach einigen Sekunden war das Kollodium leicht angetrocknet, sodass die Glasplatte jetzt in ein Silbernitrat-Bad gegeben werden konnte, in dem die Beschichtung lichtempfindlich wurde.

Nach etwa drei Minuten war sie gebrauchsfertig und konnte nun im Dunkeln oder bei Rotlicht wieder herausgenommen werden. Jetzt musste alles sehr schnell gehen, denn sobald die nasse Lösung auf der Glasplatte eingetrocknet war – also je nach Luftfeuchtigkeit nach etwa 15 Minuten – , war die Fotoplatte nicht mehr zu gebrauchen. Die noch nasse Fotoplatte wurde im Dunkeln oder bei Rotlicht in den Plattenhalter eingelegt und dieser dann in die Kamera gesteckt. Jetzt konnte man fotografieren.

Modelle durften sich nicht bewegen

Da die Kollodium-Lösung im Vergleich zu heutigen Filmen relativ lichtunempfindlich war, brauchte der Fotograf sehr viel Licht und möglichst lichtstarke Objektive, um auf derart kurze Belichtungszeiten kommen zu können, dass die Aufnahme nicht verwackelte. Die Modelle durften sich während der Belichtung also keinesfalls bewegen. Um dies zu verhindern, gab es spezielle Kopfstützen, die den Kopf von hinten fixierten, sodass sie auf dem Foto nicht zu sehen waren.

Der Fotograf zog nun den Lichtschieber des Plattenhalters hoch, sodass der Weg vom Objektiv zur Glasplatte frei war. Dann nahm er die Kappe vom Objektiv ab, zählte die Belichtungszeit herunter, die er aufgrund seiner Erfahrung zuvor bestimmt hatte, und setzte anschließend die Kappe wieder auf das Objektiv auf. Danach schloss er den Lichtschieber des Plattenhalters, um diesen wieder der Kamera entnehmen zu können.

In seiner Dunkelkammer entwickelte der Fotograf dann die Nassplatte mit Pyrogallussäure oder einer Ferrosulfatlösung. Anschließend wurde die Platte in Natriumthiosulfat fixiert. Erst jetzt konnte er entspannt durchatmen und sich wieder mehr Zeit nehmen. Die Fotoplatte musste nur noch gewässert, getrocknet sowie versiegelt werden und fertig war das Bild.

Dunkelkammer musste immer in Reichweite sein

Außer dem erforderlichen Fachwissen, der Fingerfertigkeit sowie dem enormen Zeitaufwand hatte die Nass-plattenfotografie noch weitere Nachteile. Eine Dunkelkammer musste immer in Reichweite sein, und die Chemikalien stanken wie die Pest, waren teilweise giftig und einige sogar explosiv. Kein Wunder also, dass auf der ganzen Welt mit Hochdruck an einer Weiterentwicklung getüftelt wurde.

Die Idee, die Nassplatten einfach in Honig zu lagern, und somit länger verwendbar zu machen, konnte sich nicht durchsetzen. Der britische Arzt Richard Leach Maddox störte sich auch viel mehr an den gesundheitsschädlichen Chemikalien des Kollodium-Nassplattenverfahrens. Er kam auf die Idee, Glasplatten mit Gelatine zu überziehen, in die Silberbromid eingelagert war. Die Vorteile waren enorm: Da sich diese Fotoplatten industriell herstellen ließen und lagerbar waren, konnten nun auch Amateure ohne viel Fachwissen, Fingerfertigkeit und Zeit einfach eine Packung im Geschäft kaufen. Die Platten hielten sich in der geschlossenen Verpackung relativ lange und konnten so auch auf Reisen an entlegene Orte mitgenommen werden. Eine mobile Dunkelkammer war nicht mehr erforderlich. Zum Fotografieren entnahm man einfach eine Platte, belichtete sie in der Kamera und tat sie zurück in die Verpackung. Entwickelt wurde sie dann in aller Ruhe zu Hause oder in einem Auftragslabor.

Die Fotografie wurde einfach und schnell

Auch die Chemikalien, die zur Entwicklung und Fixierung benötigt wurden, waren längst nicht mehr so gesundheitsschädlich wie die der Kollodium-Nassplatte. Nachdem später noch die Lichtempfindlichkeit der Platten erhöht werden konnte, stand dem weltweiten Siegeszug der Trockenplatten nichts mehr im Wege. Die Fotografie war damit so einfach und schnell geworden, dass immer mehr geknipst wurde.

In den 1880er-Jahren ersetzte man die zerbrechlichen Glasplatten nach und nach durch flexible Trägermaterialien. Der anfänglich verwendete feuergefährliche Celluloidfilm (Nitrocellulose) wich später dem schwer entflammbaren Acetylcellulosefilm (sogenannter Sicherheitsfilm), der bis heute verwendet wird.

Profi-Fotografen hielten an alter Methode fest

Als dann auch noch die Fotoapparate immer handlicher, einfacher zu bedienen und billiger wurden, war die Fotografie endgültig in der Breite angekommen. Dank der genialen Idee von Richard Leach Maddox konnte nun wirklich jeder fotografieren.

Die professionellen Fotografen setzten allerdings aus Kostengründen noch bis zum Ersten Weltkrieg und teilweise auch noch darüber hinaus auf die Kollodium-Nassplatte, denn die Trockenplatten waren trotz industrieller Fertigung relativ teuer.

Heute sind die Nassplattenfotografien aufgrund ihrer speziellen Anmutung und des Unikatcharakters in der künstlerischen Fotografie wieder heiß begehrt. Die Trockenglasplattenfotografie hat sich außerhalb der Kunst zum Teil auch noch in speziellen Anwendungen wie der Massenspektroskopie und der Autoradiographie bis in unsere Tage erhalten.

Dieses Foto, um 1880 aufgenommen, zeigt den englischen Arzt und Mikrophotographen Richard Leach. Er erfand 1871 die Bromsilberge
Dieses Foto, um 1880 aufgenommen, zeigt den englischen Arzt und Mikrophotographen Richard Leach. Er erfand 1871 die Bromsilbergelatine-Trockenplatte.
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