Crafty
Wie ein Start-up das deutsche Handwerk revolutionieren will
Wer in Deutschland einen Handwerker sucht, braucht viel Zeit und gute Nerven. Rund 250.000 Fachkräfte aller Gewerke fehlen hierzulande nach Schätzungen des Zentralverbands des Deutschen Handwerks. Auftraggeber warten zurzeit rund neun Wochen, bis Klempner, Installateur und Co. endlich anrücken. Angesichts dieser Zahlen wirken die Pläne des Handwerker-Start-ups Crafty wie ein Himmelfahrtskommando. Aber der dreifache Handwerksmeister und erfolgreiche Unternehmer Jens Zabel ist überzeugt: „Das klappt hundertprozentig.“
Gegründet hat er die Firma in München Ende 2018 – gemeinsam mit Christiane Wolff, Ex-Kommunikationschefin der Werbeagenturgruppe Serviceplan. Zabel selbst ist Inhaber einer Firmengruppe für Hausmeisterdienste mit Sitz in Essen, die jährlich knapp 100 Millionen Euro mit Kunden wie Ikea, Karstadt oder Daimler umsetzt. Das Umfeld, in dem sich die beiden tummeln, ist so schwierig wie ihre Pläne ehrgeizig sind: Wer etwas im Haus oder Garten zu erledigen hat, soll einfach nur noch Crafty anrufen müssen. Die Gründer versprechen, innerhalb weniger Tage einen qualifizierten Fachmann vorbeizuschicken, der unverzüglich alles repariert oder renoviert, was repariert oder renoviert gehört. Mit Qualitätsgarantie, ohne versteckte Mehrkosten.
Crafty schickt eigene Handwerker
Im Gegensatz zu Portalen wie MyHammer vermittelt Crafty keine Handwerker, sondern schickt eigene Leute. Ziel ist es, einmal vier Fünftel aller Tätigkeiten selbst abzuwickeln, den Rest durch Partnerbetriebe. „In fünf Jahren wollen wie ein paar Tausend Mitarbeiter haben“, sagt der für einen Unternehmensgründer schon altersbedingt untypische 56-jährige Zabel. Binnen zehn Jahren will Crafty nicht nur flächendeckend in Deutschland, Österreich und der Schweiz tätig sein, sondern auch in anderen EU-Ländern. Aktuell zählt Crafty allerdings erst zwölf eigene Angestellte. Das Start-up ist derzeit in München, Frankfurt, Berlin und Köln aktiv. In Stuttgart startet Crafty voraussichtlich noch im Mai.
„Wir wollen kleine Unternehmen und Mittelständler sowie Eigenheimbesitzer bedienen“, sagt Wolff zur Zielgruppe. Im Stil eines Generalunternehmers biete man alle Gewerke unter einer Marke an, was es im von Einzelkämpfern geprägten Handwerkermarkt so noch nicht gebe. Dies biete auch die Chance für mehr Kundenzufriedenheit. Dafür sorgen sollen sogenannte Koordinatoren, die als eine Art Bauleiter fungieren, anfangs beim Kunden vor Ort ein kostenloses Beratungsgespräch führen und dann auch einen Kostenvoranschlag erstellen.
Die Gründer wollen ganze Betriebe übernehmen
Klingt wie ein schöner Traum, aber wo wollen die Firmengründer die Handwerker herbekommen? Bei der Personalgewinnung denkt das Duo zweigleisig. Zum einen ködern sie Maler, Klempner oder Elektriker damit, dass Crafty zehn bis 15 Prozent über Tarif bezahlt. Man will auch selbst ausbilden. Zum anderen setzen Zabel und Wolff auf die vielen Handwerksbetriebe, die deutschlandweit mangels interner Nachfolger vor einer ungewissen Zukunft stehen.
Rund 200.000 Handwerksbetriebe suchen hierzulande in den nächsten Jahren einen Nachfolger, schätzen Experten. Etwa die Hälfte von ihnen werden innerhalb der Familie übergeben, ein weiteres Viertel an Mitarbeiter, besagt eine Faustregel. Bleiben rund 50.000 Betriebe, denen mangels Nachfolger das Aus droht. Bei rund einer Million Handwerksbetriebe in Deutschland ist das kein Klacks.
An diesem Punkt setzt Crafty an. „Handwerk kauft Handwerk“, sagt Zabel zu diesem Teil der Pläne. Zehn bis 15 solcher Übernahmen etablierter Handwerksbetriebe inklusive Personal binnen fünf Jahren schätzt er als realistisch ein. „Es gibt zwei konkrete Betriebe, bei denen wir kurz vor Vertragsabschluss stehen“, sagt der Unternehmer.
Rentner sollen reaktiviert werden
Dazu gehört auch die Idee, in Rente gegangene Handwerker wieder zu reaktivieren. „Im Handwerk bedeutet Erfahrung immens viel“, betont Zabel. Das Vorhaben ist ambitioniert. Handwerker wie Maurer haben einen körperlich fordernden Job. Da kann so mancher Senior nicht mehr, wie er vielleicht möchte. „Wir sind da sehr flexibel und finden heraus, welche Arbeiten und wie viele Stunden möglich sind“, erklärt der Crafty-Mitgründer. Die Palette reiche von Festanstellung über Teilzeit bis Minijob. Erste Gespräche mit in Rente gegangenen Schreinern und Malern führe man bereits. „Der erste Rentner hat im März gestartet“, freut sich Zabel. Es ist ein 70-jähriger Maler, der so seine Rente aufbessert und Langeweile bekämpft. Eine gerade eingestellte Personalmanagerin soll die Akquise noch intensivieren. Vor allem Anlagenmechaniker für Sanitär-, Heizungs- und Klimatechnik sowie Maler, Elektriker und Schreiner sind gesucht.
Auch beim Zentralverband des Deutschen Handwerks glaubt man, dass die Beschäftigung älterer Menschen ein wichtiger Bestandteil der Fachkräftesicherung im deutschen Handwerk sei. Der Verband fordert schon länger, Anreize für Frühverrentung abzubauen. Menschen würden immer gesünder älter als früher, wirbt der Verband. Das gelte auch für Handwerker. Erfahrungen mit der Reaktivierung von Rentnern im Handwerk hat der Verband aber nicht.
Nachwuchsmagel macht Handwerk zu schaffen
Indessen fehlen am Handwerksmarkt mit seinen gut 5,5 Millionen Beschäftigten nicht nur Meister und Gesellen, sondern auch Auszubildende. Jährlich blieben zuletzt zwischen 15.000 und 20.000 Lehrlingsstellen unbesetzt. 368.000 Azubis werden im deutschen Handwerk aktuell ausgebildet. Der chronische Mangel ist nicht nur der demografischen Entwicklung und einer schrumpfenden Gesellschaft geschuldet, sondern auch dem Umstand, dass Schulabgänger vermehrt studieren und eine akademische Laufbahn einschlagen. Fast sechs von zehn Schulabgängern tun das heute. Vor zehn Jahren war es erst jeder Vierte. Das entzieht dem Handwerk Nachwuchs. Dabei liegt das Einkommen von Handwerksmeistern im Verlauf eines Berufslebens gleichauf mit dem eines Bachelor-Absolventen, betont der ZDH. Zudem sei es weniger wahrscheinlich, mit einem Meister in der Tasche arbeitslos zu werden als mit akademischem Abschluss.
Wolff und Zabel sind trotzdem zuversichtlich, dass ihre ehrgeizigen Pläne weder am nötigen Personal noch an der Finanzierung scheitern werden. Für Geld sorgt Zabel. „Das ist kein Problem“, versichert er. Die nötigen Mittel stünden nach 30 Jahren erfolgreicher Unternehmertätigkeit mit seiner bestehenden Firmengruppe parat. Eine kleinere zweistellige Millionensumme werde Crafty wohl brauchen, bis sich der Betrieb aus eigenen Einnahmen finanzieren könne.
Crafty will noch in diesem Jahr „explodieren“
Das nötige Marketing, um Personal, ganze Firmen und auch Kunden an Land zu ziehen, übernimmt Wolff. Sie vertraut dabei auf das große Netzwerk, das sie sich in den Jahren bei Serviceplan aufgebaut hat. Bei Handwerkern wird Marketing bislang nicht gerade groß geschrieben, sagt die 48-Jährige und will das ändern.
„2020 werden wir explodieren“, sagt Zabel und meint die regionale Ausbreitung. Die geplante Expansion biete für das eigene Personal Aufstiegschancen, die es sonst in der Branche kaum gibt. „Bei uns kann man Verantwortlicher für eine Stadt oder ganze Region werden“, wirbt Wolff.
Größe bringe zudem Mengenvorteile, die kleine Handwerksbetriebe nicht haben, betont Zabel. „Ein gutes Waschbecken kostet 300 Euro, Hunderte Waschbecken pro Stück nur ein Fünftel“, rechnet er vor. Billigheimer wolle Crafty dennoch nicht sein, sondern etwas oberhalb von marktüblichen Durchschnittspreisen operieren, dafür aber neue Maßstäbe bei Auftragsabwicklung und Qualitätsmanagement setzen.
Wer schon einmal Ärger mit Handwerkern hatte, hört solche Versprechen gern. Sie müssen allerdings auch umgesetzt werden. Womit Handwerker derzeit in Deutschland aber wohl vor allem punkten könnten, wäre rasche Verfügbarkeit. Lange Wartezeiten sind derzeit oft der Normalzustand. „Bislang haben alle binnen eineinhalb Tagen ein Angebot erhalten, und wir haben mit den Arbeiten binnen zwei bis fünf Tagen angefangen“, sagt Wolff. So gesehen setzt Crafty schon Maßstäbe.