Krieg in der UkraineWelche Firmen noch in Russland Geschäfte machen
Globus-Markt in Krasnogorsk: Die saarländische Handelskette will in Einklang mit den Wirtschaftssanktionen der EU weiterhin einen Beitrag zur Grundversorgung der russischen Bevölkerung leisten.
Seit dem Überfall Russlands auf die Ukraine haben zahlreiche Unternehmen aus der ganzen Welt ihre russischen Geschäftstätigkeiten eingestellt. Doch einige bleiben weiterhin dort aktiv.
Die US-amerikanische Universität Yale verfolgt seit bald drei Jahren, wie Unternehmen auf den russischen Angriffskrieg reagieren. Mehr als 1500 Firmen listet die jüngst aktualisierte Zusammenstellung auf. Mehr als 1000 davon hätten nach dem 24. Februar 2022 öffentlich angekündigt, ihre Geschäftsaktivitäten über die durch Sanktionen vorgegebenen Beschränkungen hinaus herunterzufahren, heißt es in einer Mitteilung der Universität von dieser Woche. Bei der ersten Veröffentlichung seien es lediglich einige Dutzend gewesen. Die Rede ist daher inzwischen von einem „Massenexodus“.
An dieser Stelle finden Sie Statistiken von 23degrees.
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Wie sich die Situation derzeit genau darstellt, wird anhand von fünf Kategorien aufgeschlüsselt – mit einer am US-System angelehnten Bewertung nach Schulnoten von F (schlecht) bis A (sehr gut). In der Kategorie F – Unternehmen, die ihre Geschäfte normal weiterführen – gibt es 212 Einträge, 25 davon aus Deutschland. Aus der näheren Umgebung taucht nur eine einzige Firma auf: Globus. Die Handelskette aus dem saarländischen St. Wendel betreibt in Russland eigenen Angaben zufolge ausschließlich Supermärkte. „Mit denen leisten wir weiterhin einen Beitrag zur Grundversorgung der russischen Zivilbevölkerung“, erklärt eine Unternehmenssprecherin. Damit folge Globus den Beschlüssen der Bundesregierung und der EU-Mitgliedstaaten. Diese betonten, dass sich die Wirtschaftssanktionen nicht gegen die russische Gesellschaft richteten. Aus diesem Grund seien Produkte und Unternehmenstätigkeiten in den Bereichen Lebensmittel, Landwirtschaft, Gesundheit und Arzneimittel von den Sanktionen bewusst ausgenommen worden.
SAP hat Geschäft heruntergefahren
Die nach Einschätzung der Yale-Forscher nächstbessere Gruppe D – Unternehmen, die Investitionen aufgeschoben haben, aber weiter Geschäfte machen – umfasst 177 Namen, davon 21 aus Deutschland. Darunter ist Schott Pharma aus Mainz. Man stelle am Standort Zavolzhe in Russland für den lokalen Markt Produkte für medizinische Zwecke (keine kosmetischen Anwendungen) her, auf die die Menschen angewiesen seien, teilte eine Sprecherin mit. „Unser Engagement in Russland ist im Vergleich zu unserem weltweiten Geschäft extrem begrenzt und prozentual nicht signifikant.“
Heidelberg Materials betreibt eigenen Angaben zufolge „ein rein lokales Geschäft in Russland mit zirka 1300 einheimischen Mitarbeitenden und tätigt seit März 2022 keine weiteren Investitionen dort“. „Seitdem konzentrieren wir uns voll und ganz auf die Einhaltung aller Sanktionsbeschlüsse. Wir beobachten die Situation sehr genau und überprüfen die Lage fortwährend“, heißt es weiter von dem Unternehmen.
Dr. Theiss Naturwaren mit Sitz in Homburg will keine Stellung zu den Russlandsaktivitäten nehmen.
Das Pharmaunternehmen Boehringer Ingelheim argumentiert mit der Versorgung der Menschen mit Medikamenten. Das Engagement in Russland beschränke sich auf die Lieferung von Arzneimitteln und folge den verhängten Sanktionen.
In der Gruppe C finden sich weltweit 150 Unternehmen, die nach Erkenntnissen der Yale-Universität Teile des Geschäfts zurückgefahren haben, andere aber weiterführen. Unter den 18 deutschen Firmen ist SAP. Der Softwarekonzern mit Sitz in Walldorf erklärt dazu, man habe von Anfang an die koordinierten zwischenstaatlichen Sanktionen vollständig unterstützt und umgesetzt. „Seit Beginn des Krieges wurde das operative Geschäft für russische Kunden und Partner schrittweise heruntergefahren und am 20. März 2024 im Einklang mit dem 12. Sanktionspaket der EU eingestellt. Ein kleines Abwicklungsteam arbeitet an den verbleibenden rechtlichen und vertraglichen Verpflichtungen.“
Die BASF hat ihr Enagement gestoppt
Gruppe B – fast alle Aktivitäten sind beendet, aber eine Rückkehroption wird offengehalten – führt 500 Namen auf (38 aus Deutschland). Dazu gehört Daimler Truck. Der Nutzfahrzeuge-Hersteller mit einem Werk in Wörth hat Unternehmensangaben zufolge im Februar 2022 beschlossen, sämtliche Geschäftsaktivitäten in und mit Russland einzustellen. Das umfasse die Einstellung der Lieferung von Fahrzeugen, Teilen und Ersatzteilen und den Rückzug aus dem Werk in Chelny. Darüber hinaus habe man laut einem Sprecher auch alle Beschäftigten aus Russland abgezogen. Nach Auflösung eines Gemeinschaftsunternehmens und der Liquidation einer Holding sei die Daimler Truck AG auch rechtlich von ihrem ehemaligen Lkw-Geschäft in der Russischen Föderation entkoppelt.
Die meisten Unternehmen, 547 weltweit und 48 deutsche, werden von der Yale-Universität mit einem A bewertet. Sie haben demnach ihr Engagement in Russland gestoppt oder sich sogar vollständig zurückgezogen. Das trifft auf die BASF zu, die bereits im März 2022 entsprechende Schritte ankündigte. Seitdem seien keine neuen Geschäfte mehr in Russland und Belarus abgeschlossen, informiert ein Sprecher. Zudem habe der Ludwigshafener Chemiekonzern auch die bestehenden Aktivitäten bis Anfang Juli 2022 fast vollständig eingestellt. Eine Ausnahme bilde das Geschäft zur Unterstützung der Nahrungsmittelproduktion, da der Krieg das Risiko berge, eine weltweite Nahrungsmittelkrise auszulösen. Der Anteil Russlands am Gesamtumsatz der Gruppe betrug 2022 weniger als 1 Prozent.