Teslas Fabrik in Grünheide
Was hinter dem Streit um Elon Musks E-Auto-Fabrik steckt
Jetzt erst mal Geschwindigkeit rausnehmen. „Das alles hier war Wald“, sagt Steffen Schorcht und geht auf der Autobahn kurz runter vom Gas. Der Himmel lastet novemberschwer über der Mark. Hinter der Gegenfahrbahn ragen Kräne in die Höhe und ein graues Betongerippe. „Tesla“ leuchtet es in schwarzer Schrift von einem provisorischen Festzelt. So also sieht Brandenburgs Zukunft aus.
Der amerikanische E-Autobauer Tesla zieht im brandenburgischen Grünheide vor den Toren Berlins sein neues Werk hoch. Und da beginnt für Schorcht das Problem. „Bis heute liegt keine endgültige Baugenehmigung vor“, erzählt der Vertreter der Bürgerinitiative Grünheide. Tesla baut im märkischen Sand allein auf der Grundlage von vorläufigen Zulassungen. „19 sind es bislang“, sagt Schorcht. Dennoch schafft Tesla Fakten. Knapp zweihundert Hektar Kiefernwald sind bereits gerodet, hundert weitere könnten folgen. Erste Fertigungshallen stehen bereits, Lackiererei und Aluminium-Druckgießerei laufen seit Juni im Probebetrieb. Schon im Dezember sollen die ersten Wagen vom Band laufen.
Dabei läuft derzeit noch das Anhörungsverfahren wegen möglicher Umweltbedenken. Ein erster Anlauf vom Sommer wird vorsorglich wiederholt. Die Einladungsfrist war damals zu kurz. Damit alles vor Gericht standhält, hat Brandenburgs rot-grün-schwarze Landesregierung eine zweite Runde einberufen. Die endet am Montag. Die Debatte über Tesla geht weiter.
Vereinbarkeit von Energiewende und Naturschutz?
Dazu muss man nur Steffen Schorcht zuhören. Der nimmt mit seinem Wagen die Autobahnabfahrt Freienbrink und steuert einen Parkplatz am Waldrand an. Eingemummelt in Wollmütze und schwarzen Mantel stapft er durch den tiefen Sand. Schorcht, 61, kurzes Stoppelhaar und schwarze Brille, ist promovierter Elektroingenieur. Sein Weg führt eine Treppe hoch auf eine Straßenbrücke. Die bietet einen klaren Blick auf das Tesla-Gelände. Über vier Etagen ragt ein Träger-Gerippe in den Himmel. „Das war mal als Lagerhalle ausgewiesen. Dann wurde es plötzlich eine komplette Batteriefabrik“, schimpft Schorcht und klagt: „Die bauen eine Chemiefabrik mitten ins Wasserschutzgebiet.“
Blick zurück: Tesla hatte vor zwei Jahren bei der Suche nach einem Standort in Europa Angebote von überall auf dem Kontinent erhalten. Für Grünheide sprachen nicht nur deutsche Ingenieurskunst sowie das nahe Berlin als weicher Standortfaktor, sondern vor allem: ein Gelände mit fertigem Bebauungsplan. Vor zwei Jahrzehnten hatte BMW seinen Blick auf das Areal im Berliner Speckgürtel geworfen. Der Konzern zog später Leipzig vor. Zurück in Grünheide blieb ein Gelände mit gültiger Genehmigung und einem echten Problem: Es wird zu nah am Wasser gebaut. „Zwölf Brunnen ziehen im nahen Hohenbinde Grundwasser für die Trinkwasserversorgung“, erläutert Schorcht.
So wird Grünheide zum Testfall. Für Befürworter geht’s um den elektromobilen Aufbruch am Industriestandort Deutschland. Für Kritiker um die Vereinbarkeit von Energiewende und Naturschutz. Zuletzt mahnte Grünen-Chefin Annalena Baerbock mehr Tempo bei Infrastrukturbauten an. Umweltverbände sehen sich ausgebremst. Vor allem eines macht ihnen zu schaffen: ein kleiner Passus im Genehmigungsrecht. Bundesimmissionsschutzgesetz lautet der sperrige Name für die entsprechende Regelung. Dort hat sich unter Paragraf 8a eine Neuerung eingeschlichen, die auch Tesla in Grünheide nutzt. Mit dem Bau kann vorab begonnen werden, wenn die Firma zusagt, das Gelände zurückzubauen – sollte die Genehmigung ausbleiben.
Für den Tiefpunkt der Debatte sorgte Elon Musk
Von „Salamitaktik“ spricht Schorcht. Er ist nicht allein mit seiner Sorge ums Wasser. Denn das Wasser aus der Brunnenanlage in Hohenbinde fließt rüber nach Erkner. Dort sitzt gleich hinterm Bahnhof der zuständige Wasserverband Strausberg-Erkner. Er schlug als Erster Alarm und warnte vor Trinkwassermangel in der Gegend. Tesla kontert, es brauche 2,2 Kubikmeter Wasser, um ein Auto zu bauen. Weit unter dem Durchschnitt von 3 Kubikmetern Wasser. Macht bei geplanten 500.000 Neuwagen im Jahr und weiterem Verbrauch der Anlage dennoch 1,4 Millionen Kubikmeter, rechnen die Kritiker vor.
Für den Tiefpunkt der Debatte sorgte Tesla-Chef Elon Musk selbst. Gemeinsam mit CDU-Chef Armin Laschet besuchte Musk im August das Werk in Grünheide und reagierte auf eine Frage nach dem Wasser nur mit einem hämischen Lacher. „Sieht es für dich etwa aus wie eine Wüste? Das ist lächerlich. Es regnet so viel“, juxte Musk vor laufender Kamera. Dass er ein TV-Team, das den Auftritt rügte, via Twitter mit einem „Schande über euch“ belegte, machte es nicht besser.
Musk spaltet die Beobachter, aber sein Erfolgsmodell ist einfach. Er knackt klassische Geschäftsmodelle. Bislang war das Geld im Autobau vorne mit dem Motorblock zu verdienen. Künftig schlummert die Kohle hinten unter der Rückbank in der aufwendig herzustellenden Batterie. Auch deshalb setzt Musk auf eine eigene Akkufertigung in Grünheide.
Akkufertigung im Trinkwasserschutzgebiet
Die Politik schaltet den Verbrennungsmotor ab. Zurück bleibt eine Branche im Umbruch. Das lässt sich nicht nur in Grünheide beobachten. VW-Chef Herbert Diess bangte unlängst um den Verlust von 30.000 Stellen am Stammsitz Wolfsburg. Auch deshalb drängt die Branche in die E-Mobilität und steht vor einer entscheidenden Frage: Die Lithium-Ionen-Akkus selbst herstellen oder Batterien zukaufen? BMW bezieht seinen E-Antreiber künftig vom chinesischen Hersteller CATL, der auch in Erfurt produziert. Opel-Mutterkonzern Stellantis setzt auf Eigenproduktion und errichtet im pfälzischen Kaiserslautern eine Batteriefabrik. Musk baut auf Grünheide. Und damit auf Akkufertigung im Trinkwasserschutzgebiet.
So laufen in Grünheide viele Verwerfungslinien zusammen. Ein kalifornischer Unternehmer trifft auf deutsche Verwaltung. US-Unternehmenskultur auf deutsches Tarifrecht. Umweltschutz auf Industriepolitik. Und Technokraten auf echte Menschen. Für die Umweltverbände beruht Teslas Image auf einem Missverständnis. Der Elektroantrieb ist umweltfreundlich. Nicht aber unbedingt die Herstellung.
Die Batterieproduktion ist hochchemisiert. Ebenso die Lackiererei und die nötigen Schmiermittel. Zuletzt regnete es in Grünheide heftig. Dreißig Liter pro Quadratmeter ließen die Pegel im Werk steigen. THW und Freiwillige Feuerwehr mussten die Lage bereinigen. „Es besteht die Gefahr, dass Chemikalien ins Grundwasser gelangen“, warnt Schorcht. Erste Daten einer Luftmessstation ergeben: erhöhte Werte an Stickoxiden, Ammoniak und leicht flüchtigen Kohlenwasserstoffen.
Anwohner beklagen fehlenden Dialog
„Es gibt bis heute keine eigene Website, die Anwohnern erklärt, was hier entstehen soll, und die einen Dialog ermöglicht. Weder von Tesla noch von den Behörden“, wundert sich Schorcht. Zurück in seinem Wagen, setzt der Mann von der Bürgerinitiative Grünheide seine Tour durch die Gegend fort. „Transparenz für Dorfbewohner“, mahnt ein Plakat in Freienbrink hinter dem Tesla-Areal. „Ein Dialog mit den Menschen findet einfach nicht statt“, klagt Schorcht. Wie er fühlen sich viele nicht mitgenommen.
Die Politik sieht vor allem die Möglichkeiten. „In einer Zeit, in der es nicht wenige gibt, die den Industriestandort Deutschland mit einem Fragezeichen versehen, zeigt das Projekt Tesla auch: Wir können hier neue Technologien aufbauen und zukunftsfähige Arbeitsplätze schaffen. Und das ist auch entscheidend für das Gelingen der Energiewende“, sagt Brandenburgs Wirtschaftsminister Jörg Steinbach (SPD) im Gespräch .
Der Mann kennt sich aus in der Materie. Steinbach, 65, ist Chemieingenieur. Ehe er vor drei Jahren in die Politik wechselte, war er Präsident der TU Berlin und der Universität in Cottbus. Er weiß um die Geschichten der fehlgeschlagenen Innovationshoffnungen in Brandenburg. Im Brand sollte der Cargolifter einst das Luftschiff als Lastenträger für den Gütertransport wiederbeleben. Heute planschen in den riesigen Hallen Badegäste im Tropical Island. Brandenburg erntete dafür viel Häme. Jetzt erklärt der Wirtschaftsminister selbstbewusst: „Tesla ist eine Riesenchance für Brandenburg – auch mit Blick auf die gesamte Elektromobilität – und die wollen wir nutzen.“
Chemie-Dreieck im Osten Deutschlands
Denn längst geht es nicht nur um die rund 12.000 Jobs bei Tesla in Grünheide. Der pfälzische Chemiegigant BASF wird in seinem Werk im nahen Schwarzheide künftig die Ausgangsmaterialien für E-Batterien produzieren. Der kanadische Batteriehersteller Rock Tech Lithium investiert im brandenburgischen Guben 470 Millionen Euro in eine neue Fabrik. Grünheide könnte das Zentrum eines neuen Chemie-Dreiecks im Osten werden. „Uns ist etwas Einzigartiges gelungen: Die Region wird im Bereich der Elektromobilität zu einem echten Musterbeispiel für Kreislaufwirtschaft“, erklärt Steinbach. Die Mark wird zur Powerbank.
Fraglich ist nur, ob das Wasser für den neuindustriellen Aufbruch reicht. Für die erste Ausbaustufe „ist ausreichend Wasser vorhanden“, beteuert Steinbach. Für den möglichen weiteren Ausbau des Werks, das habe man „dem Investor immer gesagt, muss Wasser aus weiterer Entfernung herangeholt werden“.
Steffen Schorcht sieht das kritischer. Sein Weg führt an Kiefern vorbei, hellgelb leuchtet dazwischen das Herbstlaub der wenigen Eichen. „Die Kiefer wird hier erst seit Mitte des 19. Jahrhunderts angebaut“, erklärt der Mann von der Bürgerinitiative und unternimmt eine kleine Exkursion in die Brandenburger Umweltgeschichte. Die anspruchslose Kiefer wuchs nicht immer auf dem kargen Sandboden der Mark. Ursprünglich standen hier überwiegend Buchen. Die aber fielen vor zwei Jahrhunderten dem Bauhunger des nahen Berlin zum Opfer. Der Wind trug die feine Krume ab. „Erst dann kam auf dem ausgetrockneten Boden die Kiefer zum Zug“, sagt Schorcht.
Eine neue Trockenwelle für die Mark?
Nun fürchtet er durch Teslas Wasserhunger eine neue Trockenwelle für die Mark. „Wir sprechen über Klimawandel und verringerte Niederschläge“, warnt Schorcht. Brandenburg ist eine der trockensten Gegenden Deutschlands. Und fügt mahnend hinzu: „Wir liegen hier mitten im Berliner Urstromtal. Hier geht es mittelbar auch um die Wasserversorgung eines Großteils von Berlin.“
Am Montag endet die Anhörung. Tesla hofft, noch im Dezember erste Autos aus Grünheide zu liefern. Naturschützer hoffen auf strenge Umweltstandards. Was lässt sich also mitnehmen aus der Debatte um Tesla und Grünheide? Umweltverbände wollen die Fabrik nicht unbedingt verhindern, aber so umweltverträglich wie möglich machen. Und sie fordern Änderungen am Planungsrecht. Das klingt gar nicht so weit entfernt vom Brandenburgs Wirtschaftsminister Steinbach. „Wenn das Projekt abgeschlossen ist, wollen wir eine Bestandsaufnahme machen und schauen: Was hat gut funktioniert und an welchen Stellen muss man eventuell nachbessern und gegebenenfalls auch an der einen oder anderen Stelle die Verfahren modernisieren“, verspricht er.
Und Steffen Schorcht von der Bürgerinitiative? „Meine Kritik bezieht sich auf den Standort, nicht auf Elektromobilität. Aber eine Fabrik mit dieser Art der Produktion und diesem Volumen lässt sich mitten im Wasserschutzgebiet nicht machen“, stellt er klar. Rechtlich ist ein Rückbau möglich. Aber wer übernimmt die Verantwortung? Schorchts Minimalforderung: „Keine weiteren Ausbaustufen, Dezentralisierung der Produktion. Und die Batterieproduktion darf hier nicht hin.“ Noch wartet Tesla auf eine Genehmigung.