Fragen und antworten Was über die Lecks an den Nord-Stream-Pipelines bekannt ist
Wo sind die Lecks in den Nord-Stream-Pipelines aufgetreten?
Die dänischen und schwedischen Behörden bestätigten am Dienstagmorgen, dass an zwei Stellen Gas aus der (älteren) Nord-Stream-1-Pipeline austritt. Die Lecks traten demnach in der Nähe der dänischen Insel Bornholm in dänischen und in schwedischen Hoheitsgewässern auf.
Am Montag war bereits ein starker Druckabfall in der Nord-Stream-2-Pipeline gemeldet worden, der laut Betreiberfirma ebenfalls auf ein Leck in der Nähe von Bornholm zurückzuführen ist.
Die Nord-Stream-2-Pipeline ist erst vor wenigen Monaten fertiggestellt und probehalber mit Gas gefüllt worden. Sie ging aber nie in Betrieb, nachdem Russland die Ukraine ab Ende Februar angriff – und sich der Hauptabnehmer des transportierten russischen Erdgases, Deutschland, dabei über die Abhängigkeit von russischen Energielieferungen klar wurde. Davor hatten zuvor insbesondere die US-Amerikaner, die baltischen Staaten sowie Polen und die Ukraine jahrelang gewarnt.
Wie und von wem wurden die Lecks entdeckt?
Wie die dänische Zeitung „Jyllands-Posten“ unter Berufung auf das dänische Militär berichtet, wurde das Leck an Nord Stream 2 am Montag von dänischen F-16-Kampfjets entdeckt. Sie wurden demnach von Bornholm aus in die Luft geschickt, um das Gebiet zu fotografieren. Dabei hätten die Piloten entdeckt, dass an einem Punkt südöstlich der Ostseeinsel Blasen aus dem Wasser aufstiegen.
Die dänische Marine veröffentlichte am Dienstag Aufnahmen, auf denen eine großflächige Blasenbildung an der Meeresoberfläche zu sehen ist. An einer Stelle sind die Blasen demnach auf einer kreisförmigen Fläche von einem guten Kilometer Durchmesser zu beobachten.
Kommen solche Lecks in Pipelines vor der Küste häufig vor?
Nein, sagen Experten. Ein Sprecher der Nord Stream AG, die für Nord Stream 1 zuständig ist, erklärte am Dienstag, im Bereich um Bornholm lägen die Leitungen etwa 70 Meter unter der Wasseroberfläche. Laut Nord-Stream-2-Sprecher Ulrich Lissek sind die Leitungen so verlegt, dass eine gleichzeitige Beschädigung mehrerer Pipelinestränge etwa durch einen einzelnen Schiffsunfall höchst unwahrscheinlich sei. Zur Frage, ob ihm ähnliche Vorfälle im Zusammenhang mit Offshore-Pipelines bekannt seien, sagte er: „Hab’ ich nie gehört.“
Auch ein deutscher Experte für Unterwasserroboter verwies auf die extrem hohen Sicherheitsstandards und die sehr robuste Bauweise der Leitungen. Aus seiner Sicht kommt nur eine bewusste Manipulation in Frage. Seiner Einschätzung nach werden nun Behörden der betroffenen Länder mit Tauchrobotern Erkundungen vornehmen.
Dänemarks Regierungschefin Mette Frederiksen betonte am Dienstag, es sei „eine ungewöhnlich Situation, dass drei Lecks unweit voneinander entfernt auftreten“.
Ist das Leck für Menschen und die Umwelt gefährlich?
Nach Angaben der dänischen Energiebehörde können Schiffe den Auftrieb verlieren, wenn sie in das betroffene Gebiet hineinfahren. Zudem bestehe möglicherweise Brandgefahr. Deswegen ist die betroffene Region nun Sperrgebiet. Außerhalb der Zone, so die dänischen Behörden, gebe es keine Gefahr – das gelte auch für die Einwohner von Bornholm und der kleinen Nachbarinsel Christiansø. Auch der deutsche Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) schätzt die möglichen kurzfristigen Auswirkungen der Lecks an den Gaspipelines Nord Stream 1 und 2 auf die Umwelt als lokal begrenzt ein. Allerdings verweisen andere Experten darauf, dass mit dem Gas das Klimagas Methan entweiche, das den Treibhauseffekt noch stärker antreibe als Kohlendioxid (CO2).
Auf die aktuelle Gasversorgung in Westeuropa haben die Lecks keinerlei Auswirkungen, da die Leitungen zuletzt ja nicht für den Gasimport nach Westeuropa benutzt worden sind.
Kann ein eventueller Schaden leicht behoben werden?
Ein Unternehmenssprecher von Nord Stream 2 sagte, das Ausmaß von Schäden an der Leitung sei noch nicht zu überblicken. Dem Energieexperten Nicolas Goldberg von der Beratungsfirma Colombus zufolge ist ein Gasleck unter Wasser jedoch nicht ohne Weiteres zu reparieren, insbesondere wenn Salzwasser in das Rohrsystem gelangt sein sollte.
Das für die technische Sicherheit in Deutschland zuständige Bergamt Stralsund schätzte das Risiko von Folgeschäden indes niedrig ein: „Eine weitere Schadensausbreitung dürfte aus technischer Sicht – nach gegenwärtigem Stand – unwahrscheinlich sein“, heißt es in einer Mitteilung. Einschränkend heißt es gleichzeitig, zunächst müsse der Schaden genau analysiert werden. Gleiches gelte für mögliche Folgen für die technischen Anlagen am Anlandepunkt der Pipelines im vorpommerschen Lubmin.
Aus Brüssel verlautete, auch das westliche Militärbündnis Nato untersuche die Gas-Lecks an den Nord-Stream-Pipelines.