Meinung
Warum der Streik bei der Bahn so schlimm wird
Kunden der Deutschen Bahn (DB) haben schon viel mitgemacht – etwa bei Streiks der Lokführergewerkschaft GDL. Doch der Warnstreik der Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft EVG am kommenden Montag dürfte so verheerend werden wie kein anderer zuvor. Wenn Lokführer streiken ist das schlimm genug. Aber wenn Fahrdienstleiter streiken, die Weichen und Signale stellen und meist bei der EVG organisiert sind, lassen sich schon mit relativ wenigen streikenden Personen ganze Strecken und Bahnhöfe lahm legen.
Diesen Effekt hat die EVG bisher nur punktuell oder wenige Stunden lang demonstriert – zuletzt mit einem Warnstreik am 10. Dezember 2018 vier Stunden lang von 5 bis 9 Uhr. Der DB blieb damals kaum etwas anderes übrig als den Fernverkehr komplett einzustellen – erst im Laufe des Tages kam er dann nach und nach wieder in Gang. Auch der Nahverkehr in der Pfalz war stundenlang unterbrochen und danach noch einige Zeit gestört. Nun will die EVG nicht nur vier Stunden, sondern einen ganzen Tag lang streiken. Es ist abzusehen, dass deswegen in weiten Teilen Deutschlands kaum ein Zug fahren wird.
Die EVG will damit Druck in den Tarifverhandlungen mit der DB und rund 50 anderen Unternehmen machen, mit denen sie gleichzeitig verhandelt. Dabei gibt es in diesem Jahr gute Argumente für eine ungewöhnlich starke Erhöhung von Löhnen und Gehältern. Da ist zum einen die hohe Inflation. Hinzu kommt, dass die EVG während der Corona-Krise, von der die DB besonders gebeutelt war, einen moderaten Kurs verfolgt hat. Damit ist es gelungen, Arbeitsplätze zu erhalten, aber aus Sicht der Mitarbeiter ist so Nachholbedarf entstanden. Außerdem muss die DB angesichts von verbreiteter Personalknappheit als Arbeitgeber attraktiv sein, um in Zukunft erforderliches Personal zu finden. Andererseits ist die finanzielle Situation der DB kritisch und erlaubt eigentlich keine großen Sprünge. Hier einen vernünftigen Kompromiss zu finden, ist nicht einfach. Am allerwenigsten kann die DB aber einen langen Tarifkonflikt mit Streiks gebrauchen, die Kunden vergraulen.
EVG streikt bisher relativ selten
Jeder Streik vermittelt den Fahrgästen das Gefühl, dass auf die Bahn kein Verlass ist, vor allem wenn er länger dauert. Der EVG ist dieses Problem immerhin stärker bewusst als der in dieser Hinsicht viel rücksichtsloseren GDL. Die größte Eisenbahnergewerkschaft setzt normalerweise weniger auf Streiks und nutzt vor allem die Mitbestimmungsmöglichkeiten in den von ihr dominierten Betriebs- und Aufsichtsräten. In bisherigen Tarifverhandlungen war es auch oft so, dass die EVG nach einer Machtdemonstration wie am 10. Dezember 2018 relativ schnell in den Verhandlungsmodus zurückgefunden hat. Sie hat in den vergangenen Jahren auch fast oder ganz ohne Streiks für ihre Mitglieder wertvolle Abschlüsse erreicht.
Es gibt weitere Gründe, beim Streiken nicht zu überziehen. Zum einen das Thema Klimaschutz. Als der Weltklimarat in dieser Woche seinen jüngsten Bericht vorgelegt hat, hat er auch auf die hohe Relevanz öffentlicher Verkehrsmittel hingewiesen. Gut in diesen Kontext passt die anstehende Einführung des 49-Euro-Tickets. Das neue Ticket kann den öffentlichen Nahverkehr und speziell die DB für viele (potenzielle) Kunden attraktiver machen. Kaum etwas dürfte aber für neue Kunden so abschreckend sein wie Streiks und Streikdrohungen.

