Meinung RHEINPFALZ Plus Artikel Vorfahrt für Kohlezüge: Tempo 100 für den ICE?

Wenn es für Güterzüge und ICE separate Gleise gibt, kommen beide flott voran. Wenn sie auf derselben Strecke fahren müssen, wird
Wenn es für Güterzüge und ICE separate Gleise gibt, kommen beide flott voran. Wenn sie auf derselben Strecke fahren müssen, wird es oft schwierig.

Sechs Monate lang soll im Schienennetz Vorrang für Züge gelten, die Kohle oder Öl befördern. Diese Regelung kann im Bahnverkehr erheblichen Schaden anrichten, wenn sie nicht mit Augenmaß angewendet wird.

In der aktuellen Energiekrise wäre ein Tempolimit auf Autobahnen ein Gebot der Vernunft. Es könnte ohne nennenswerte Kosten sofort wirken, den Ölverbrauch reduzieren und hätte zudem positive Effekte für Klimaschutz und Verkehrssicherheit. Abgelehnt wird es von der FDP, deren wichtigstes Argument ist, dass es nicht im Koalitionsvertrag steht, weil sie dagegen ist.

Dagegen droht nun Tempo 100 ausgerechnet für ICE, deren kurze Fahrzeiten auf wichtigen Strecken ein zugkräftiges Argument sein können, Autofahrer zum Umsteigen auf den vergleichsweise umweltschonenden und energieeffizienten Schienenverkehr zu bewegen. Grund dafür ist der von Verkehrsminister Volker Wissing (FDP) angekündigte Vorrang für Güterzüge, die Kohle oder Öl befördern. Wissing hat schon angekündigt, dass sich Fahrgäste in Reisezügen möglicherweise gedulden müssten. Theoretisch könnte das bedeuten, dass beispielsweise ein ICE von Wolfsburg bis kurz vor Berlin mit maximal Tempo 100 hinter einem Güterzug herzuckeln muss, der Kohle oder Öl transportiert. Folge wäre, dass sich die momentan ohnehin schon miserablen Pünktlichkeitswerte im Fernverkehr der Deutschen Bahn (DB) noch einmal dramatisch verschlechtern würden. Derartige Szenarien drohen vor allem in (derzeit leider nicht seltenen) Fällen, in denen Züge Verspätung haben und Fahrdienstleiter situationsbedingt (im Fachjargon: „dispositiv“) entscheiden müssen, in welcher Reihenfolge verspätete Züge fahren.

Engpässe durch Mix von ICE und Güterzügen

Kapazitätsprobleme auf einer Bahnstrecke entstehen vor allem dann, wenn unterschiedlich schnelle Züge auf den selben Gleisen unterwegs sind. Ein Extremfall sind in dieser Hinsicht die Riedbahn von Mannheim nach Frankfurt und die Strecke von Hannover nach Hamburg. Hier fahren sowohl Güterzüge mit maximal Tempo 100 als auch Fernzüge (meist ICE) mit Tempo 200. In beiden Fällen wurde versäumt, durch eine Neubaustrecke den langsamen vom schnellen Verkehr zu separieren. In der gegenwärtigen Krisensituation rächen sich nun die Versäumnisse beim Ausbau des Schienennetzes.

Überholungsstopps für Güterzüge besonders lästig

Wenn auf einer Strecke sowohl langsame Güterzüge als auch schnelle Fernreisezüge unterwegs sind, darf Vorrang für bestimmte Güterzüge in der Praxis keinesfalls heißen, dass die langsamsten Züge das Tempo für alle bestimmen. Es ist allerdings durchaus möglich, dass bei einer vernünftigen Abwägung bestimmten Güterzügen eine höhere Priorität eingeräumt wird als bisher. Das gilt vor allem für Situationen, in denen die Züge nicht in ihrer fahrplanmäßigen Zeitlage fahren, sondern ohnehin von Fahrdienstleitern dispositiv entschieden werden muss, welcher Zug auf einem überlasteten Streckenabschnitt zuerst fahren darf. Besonders wenn es in Zweifelsfällen möglich ist, einen für Güterzüge besonders lästigen Stopp zwecks einer Überholung durch eine anderen Zug zu vermeiden, werden vor allem Regionalzüge dann häufiger als bisher aufgehalten und Verspätung bekommen.

Die Bereitschaft der betroffenen Fahrgäste, in der sich abzeichnenden Krisensituation derlei Nachteile mit nur moderatem Murren zu ertragen, wäre sicher größer, wenn diese Zusammenhänge plausibel erklärt würden – und zwar am besten von einem Bundesverkehrsminister, der nicht gleichzeitig behauptet, das auch in der Krise unbegrenztes Rasen auf der Autobahn absolut unverzichtbar ist. Viel spricht dafür, dass Minister Wissing das eigentlich selbst nicht glaubt, sondern es nur sagt, weil sein Parteichef Christian Lindner das so sieht.

Wissings schlechter Witz

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Eckhard Buddruss ist der Bahn-Experte der RHEINPFALZ. In seinem kostenlosen Newsletter informiert er Sie alle zwei Wochen über Investitionen, Entwicklungen und Abseitiges bei der Deutschen Bahn und im öffentlichen Nahverkehr der Pfalz. Für alle, die wissen wollen, wie es mit dem Zugverkehr in der Region weiter geht.

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