Wirtschaft RHEINPFALZ Plus Artikel Verband Pfalzmetall : Unternehmen brauchen finanzielle Entlastung

Die gute Nachfrage bei Nutzfahrzeugen im ersten Halbjahr, wie die im pfälzischen Zweibrücken von John Deere gefertigten Mäschdre
Die gute Nachfrage bei Nutzfahrzeugen im ersten Halbjahr, wie die im pfälzischen Zweibrücken von John Deere gefertigten Mäschdrescher, sorgten für einen deutlichen Umsatzzuwachs im rheinland-pfälzischen Fahrzeugbau im Vergleich zum Vorjahr. Foto: Firmenfoto

Steigende Standortkosten, der Strukturwandel mit Digitalisierung sowie die sich abschwächende Konjunktur belasten die Metall- und Elektroindustrie auch in der Pfalz. Johannes Heger, Präsident des Verbands Pfalzmetall, der am Donnerstag sein 100. Jubiläum feierte, fordert deshalb von Politik und Gewerkschaft Augenmaß.

Jede dieser Entwicklungen alleine sei schon belastend. Aber der Mix dieser parallelen Entwicklungen „ist potenziell giftig“, sagte Heger. Die Branche stecke in einer Rezession und brauche dringend Entlastung, da die Wertschöpfungsketten in den Unternehmen im Strukturwandel neu organisiert würden. Neue Techniken würden neue Produkte und Standorte bringen. Für die stelle sich im internationalen Wettbewerb jedoch die Standortfrage.

In Rheinland-Pfalz mehr Beschäftigte in Branche

Die lähmende Brexit-Debatte, die von US-Präsident Donald Trump angezettelten Handelskonflikte aber auch die nachlassende Weltkonjunktur hinterlassen in der Branche deutliche Spuren. So seien in den ersten neun Monaten des Jahres die Auftragseingänge in den rheinland-pfälzischen Unternehmen teils deutlich gesunken, etwa im Fahrzeugbau (minus 20 Prozent) oder im Maschinenbau (minus 10 Prozent). Gerade die Auslandsaufträge seien sehr stark – um mehr als ein Fünftel – zurückgegangen. Unterschiedlich entwickelt haben sich in den ersten acht Monaten des Jahres die Umsätze im Vergleich zum Vorjahr. Während im Fahrzeugbau vor allem durch Sondereffekte bei Nutzfahrzeugen die Umsätze um knapp 15 Prozent stiegen, waren sie bei Maschinenbauern, Gießereien oder der Elektroindustrie rückläufig. Zu den Nutzfahrzeugherstellern in Rheinland-Pfalz gehören Daimler mit dem weltgrößter Lkw-Werk in Wörth, John Deere mit dem Mähdrescher-Produktionsstandort Zweibrücken sowie der ebenfalls zum Deere-Konzern gehörende Straßenfertiger-Produzent Joseph Vögele in Ludwigshafen. Das wirkt sich auf auch die Anzahl der Mitarbeiter in der Metall- und Elektroindustrie aus. Dort habe es bundesweit erstmals seit neun Jahren einen leichten Rückgang auf 4,04 Millionen Mitarbeiter gegeben. In Rheinland-Pfalz stieg hingegen – vor allem durch teils deutliche Zuwächse bei Dienstleistungsbetrieben sowie der Elektroindustrie – die Anzahl der Beschäftigten um 1,6 Prozent auf 115.785.

Kosten für soziale Sicherung zu hoch

Die Regierungskoalition, so Heger, habe die goldene Dekade seit der Wirtschaftskrise 2008/2009 „leider nicht genutzt, um die Sozialsysteme zukunftsfest zu machen“. Obwohl klar gewesen sei, dass immer weniger Beschäftigte nicht immer mehr Rentner bezahlen können, habe die Politik die Sozialleistungen deutlich ausgeweitet. Nach der Rente ab 63 oder die Mütterrente soll nun auch noch die „sehr teure Grundrente kommen“. Bei der Politik scheint noch nicht angekommen zu sein, wie es um die Konjunktur bestellt ist, kritisierte Heger. „Wenn die Beschäftigung sinkt, schießen die Kosten der sozialen Sicherungssysteme durch die Decke“.

Land bei schnellem Internet nicht Spitze

Um möglichst viel Produktion in Deutschland, aber auch in Rheinland-Pfalz halten und aufbauen zu können, benötigten die Unternehmen vor allem finanziellen Spielraum. So dürfe es bei den Sozial- und Energiekosten keine weiteren Steigerungen geben. Der Verband fordert von der Politik deshalb niedrigere Unternehmenssteuern. Diese müssten von derzeit im Schnitt 31 Prozent des Ertrags auf „ein international wettbewerbsfähiges Niveau von 25 Prozent“ sinken. Im weltweiten Durchschnitt lägen diese bei 23 Prozent, sagte Heger. Wesentlicher Standortfaktor sei die Infrastruktur, sowohl was den Verkehr als auch die Anbindung an schnelles Internet betreffe. Gerade hier nehme Rheinland-Pfalz keine Spitzenposition ein, ergänzte Karsten Tacke, Hauptgeschäftsführer des Verbands.

„Brauchen mehr Pragmatismus in Tarifpolitik“

Zu den hohen Standortkosten tragen auch steigende Löhne bei. An die Adresse der IG Metall gerichtet, sagte Heger, dass künftige Tarifabschlüsse „billiger, flexibler und einfacher “ werden müssten. Viele Abschlüsse könnten die Unternehmen nur schwer umsetzen. So überforderten die Arbeitszeitwahlrechte gerade in Schichtbetrieben den Produktionsablauf in den Betrieben. Durchgesetzt habe die IG Metall diese Regelungen mit 24-Stunden-Streiks. Diese seien keine Warnstreiks und keine Nadelstiche, „sondern Hammerschläge“ für die Unternehmen. Von der IG Metall wünscht sich der Verbandspräsident eine Rückkehr zu „einer produktivitätsorientierten Tarifpolitik, zu Pragmatismus und lösungsorientierten Verhandlungen“. Tarifverträge müssten einen für alle Unternehmen erfüllbaren Mindeststandard enthalten. Das Modell eines „Flächen-Goldstandards, von dem man im Betrieb im Einzelfall abweichen muss“, lehnt Heger ab.

Stiftungskapital verdoppelt

Die 100 Unternehmen der Branche in der Pfalz mit rund 43.000 Beschäftigten, haben zum 100. Geburtstag des Verbands das Kapital der Stiftung Pfalzmetall, deren Fokus auf Bildungsarbeit liegt, auf 20 Millionen Euro verdoppelt. Damit könne es künftig deutlich mehr Projekte geben und so viel mehr Kinder, Schüler, Lehrkräfte und Erzieher erreicht werden. 2018 gab es rund 40 Projekte, an denen 12.000 Kindertagesstättenkinder, Schüler und Studenten sowie 1000 Lehrer und Erzieher beteiligt waren. Die Zustiftung sei ein gutes Beispiel dafür, wie „wir Unternehmer gesellschaftliche Verantwortung wahrnehmen“, sagte Heger.

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