Interview zum Start der Automesse IAA RHEINPFALZ Plus Artikel VDA-Chefin Müller: „Mobilität muss bezahlbar bleiben“

Hildegard Müller (54) ist seit 2020 VDA-Präsidentin. Die gelernte Bankkauffrau stammt aus Nordrhein-Westfalen und arbeitete früh
Hildegard Müller (54) ist seit 2020 VDA-Präsidentin. Die gelernte Bankkauffrau stammt aus Nordrhein-Westfalen und arbeitete früher im Bundeskanzleramt als Staatsministerin. Sie ist CDU-Mitglied.

Am Montag startet in München die Automesse IAA Mobility mit dem Pressetag. Offizielle Eröffnung mit Kanzlerin Angela Merkel ist am Dienstag. Es sind auch über 70 Fahrrad-Aussteller am Start. Wird das neue Konzept Erfolg haben? Was ist vom Fernbleiben der deutschen Traditionsmarke Opel zu halten? Kommt es zum E-Auto-Diktat? Hildegard Müller, Chefin des Automobilverbands VDA, antwortet auf Fragen der RHEINPFALZ.

Ihre erste IAA als VDA-Präsidentin findet in München statt. Was muss besser werden als in Frankfurt?
Die IAA Mobility wird anders sein als ihre Vorgängerin. Wir wechseln ja nicht nur den Ort, sondern präsentieren auch ein ganz neues Konzept, in dem die Mobilität der Zukunft im Mittelpunkt steht: elektrisch, digital, autonom und nachhaltig. Mobilität betrifft uns alle. Deshalb öffnen wir die IAA und bringen sie zu den Menschen: mitten in die Stadt. Wir müssen gemeinsam die besten Lösungen für eine nachhaltige Mobilität finden. Das geht nur im offenen und konstruktiven Dialog, zu dem wir mit diesem bewusst offen gehaltenen Format einladen.

Hat die IAA überhaupt eine Zukunft, wenn immer mehr namhafte Auto-Hersteller fernbleiben und stattdessen zum Beispiel Fahrradbauer dort zunehmend das Feld bestellen?
Selbstverständlich! Und es ist ja genau andersrum. Wir setzen erstmals auch einen Schwerpunkt auf das Fahrradsegment – und haben übrigens aus dem Stand mehr als 70 Aussteller aus diesem Bereich für das neue Konzept begeistern können. Zudem zeigen wir über 100 automobile Weltpremieren. Es ist also offensichtlich sehr attraktiv und ein wichtiges Zeichen für die Veränderungsbereitschaft und Innovationskraft der Autoindustrie.

Was halten Sie davon, dass ausgerechnet Opel als deutsche Traditionsmarke nicht in München dabei ist?
Das ist natürlich schade. Aber ich habe volles Verständnis dafür, dass sich die Aussteller in diesem Jahr die Entscheidung nicht leicht machen. Umso mehr freue ich mich über diejenigen, die die IAA Mobility als Chance sehen. Ich denke hier insbesondere an Renault, die 2019 in Frankfurt nicht dabei waren, aber jetzt in München wieder dabei sein werden. Übrigens wird die IAA in Europa die erste Großveranstaltung in diesem Jahr jenseits des Fußballs sein. Dass sie überhaupt stattfindet, ist eine große Leistung.

Führen am Elektro-Auto und am Wasserstoff-Antrieb tatsächlich keine Wege vorbei? Wäre es nicht sinnvoller, weiterhin auch auf moderne Verbrenner und synthetische Kraftstoffe und auch auf Dieselmotoren zu setzen, die noch nie so sauber waren wie heute – gerade auch mit Blick auf den Taxi-, Liefer- und Transportverkehr?


Fakt ist, zur Erreichung der Klimaziele hat der Hochlauf der Elektromobilität im Pkw-Bereich für unsere Unternehmen Priorität. Aber klar ist auch: Wir brauchen eine Lösung für Fahrzeuge, die bereits heute im Einsatz sind. Viele von denen werden im Jahr 2030 und darüber hinaus noch auf den Straßen unterwegs sein. Für eine bessere Klimabilanz dieser Autos sind E-Fuels wichtig. Bei weltweit 1,5 Milliarden Fahrzeugen mit Verbrenner ist das Potenzial für den Klimaschutz enorm.

Befürchten Sie, dass es zu einem Elektroauto-Diktat und auch zu einer immer unverblümteren Verteufelung des Autos und einer starken Verteuerung der individuellen Mobilität an sich kommt, was die Geringverdiener besonders treffen würde?
Mobilität bedeutet Teilhabe für Menschen. Die individuelle Mobilität muss bezahlbar bleiben. Unsere Unternehmen bringen daher weiterhin Angebote für alle Preisklassen. Die Stromkosten sind ein ganz entscheidender Faktor beim Wechsel zur E-Mobilität. Wir haben aktuell die höchsten Strompreise seit zwölf Jahren. Der Ausbau der Erneuerbaren stockt. Gleichzeitig steigt der Bedarf an CO2-freiem Strom massiv. Erneuerbare Energie wird also zur Mangelware und damit teurer. Und die EEG-Umlage lässt den Preis weiter steigen. Außerdem hat die Politik den steigenden Strombedarf erheblich unterschätzt. Hier besteht dringender Korrekturbedarf.

Wir müssen die Transformation sozial gestalten, die Lebensrealitäten der Menschen berücksichtigen – egal ob Sie in Städten oder in ländlichen Regionen leben. Nur wenn wir das Vertrauen und den Rückhalt der Bürgerinnen und Bürger haben, wird der Wandel zur klimaneutralen Mobilität eine gemeinsame Erfolgsgeschichte.

Wie viele Mitarbeiter beschäftigen die deutsche Autoindustrie und die Zulieferer als deutsche Schlüsselindustrie momentan und wie sehen Sie die Arbeitsplatz-Entwicklung mit Blick auf die E-Mobilität in den nächsten zehn Jahren?
Gegenwärtig sind etwa 800.000 Menschen in der Automobilindustrie in Deutschland beschäftigt, davon 300.000 Beschäftigte in der Zuliefererbranche. Etwa jeder zweite Arbeitsplatz in der Automobilindustrie hängt am Verbrennungsmotor, in anderen Industrien sind es noch mal 200.000. Insgesamt sind rund 613.000 Personen in der Herstellung von Produkten tätig, die von Verbrennungsmotoren abhängen. Das Ifo-Institut schätzt, dass bis zum Jahr 2025 mindestens 178.000 Beschäftigte und bis 2030 mindestens 215.000 Arbeitsplätze von der Transformation betroffen sein werden. Dieser Strukturwandel wirkt sich also auf sehr viele Menschen aus. Diese Transformation sozial zu gestalten, eine Chance daraus zu machen, wird die große Herausforderung sein. Natürlich werden auch neue Jobs entstehen – es hängt jetzt aber davon ab, ob Deutschland es angesichts der ambitioniertesten Klimaziele der Welt auch schafft, die besten weltweiten Standortbedingungen zu etablieren. Dann werden die neuen Jobs auch hier zu Hause sein.

Welche Investitionen stemmt die deutsche Autoindustrie, um das Ziel der CO2-Neutralität bis 2030 zu erreichen?
Die Unternehmen investieren allein bis Ende 2025 rund 150 Milliarden Euro in E-Mobilität, neue Antriebe und die Digitalisierung. Das entspricht in etwa der Summe, die der Bundeshalt im gleichen Zeitraum für Bildung, Forschung einschließlich Raumfahrt investiert. All dies wird das Fahren sicherer, effizienter, digitaler und klimaschonender machen.

Noch ein paar ganz persönliche Frage: Was war ihr erstes Auto und was fahren Sie zurzeit dienstlich und privat? Fahren Sie gezielt „deutsch“?
Gezielt? Nein. Aber aus Überzeugung! Mein erstes Auto war ein Golf. Aber auch der Wartburg de luxe mit Katalysator, den mir meine Eltern geschenkt haben, war ein Prachtauto.

Was ist das Schöne am Autofahren?
Mir bereitet Autofahren tatsächlich Freude. Autofahren war und ist für mich auch immer ein Stück Freiheit. Und manchmal mag ich auch das schnelle Fahren. Die Unabhängigkeit, die das Auto mit sich bringt, ist noch immer etwas Besonderes. Da mir der Klimaschutz ein wichtiges Anliegen ist, fahre ich derzeit persönlich ein Hybrid-Auto.

Nur im E-Auto oder/und mit Bus und Bahn unterwegs zu sein – wäre das für Sie überhaupt möglich?
Nicht nur das E-Auto ist die Lösung. Wir brauchen ein neues Miteinander der verschiedenen Verkehrsträger. Die Schwachstellen sind doch deutlich. Was wir brauchen, sind verlässliche Bahn- und ÖPNV-Angebote und natürlich auch bessere Fahrradwege. Und wir benötigen dringend eine bessere und vor allem digitale Vernetzung der unterschiedlichen Verkehrsträger. Dann funktioniert auch die von Ihnen vorgeschlagene Kombination. Die Bahn hat in den letzten Jahrzehnten allerdings 30 Prozent ihres Schienennetzes abgebaut – da geht die Entwicklung in die falsche Richtung. Privat bin ich übrigens auch gern als Fußgängerin, Vespa- oder auch Radfahrerin unterwegs.

Was ist Ihr absolutes Lieblingsauto?
Ha, das ist eine Fangfrage! Lassen Sie mich das so beantworten: Gerade die deutschen Hersteller haben eine so beeindruckende Produktpalette, dass die Auswahl wirklich sehr schwerfällt.

Was halten Sie von einem durchgängigen Tempolimit auf deutschen Autobahnen – und mussten Sie für sich schon einmal Punkte in Flensburg notieren lassen?
Ein generelles Tempolimit lehne ich ab: Wir brauchen an die Situation wie Wetter und Verkehrsdichte angepasste digitale Temporegeln auf den Autobahnen – wir leben im digitalen Zeitalter! Und was Flensburg angeht, bin ich derzeit ohne Punkte.

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