Energiepreise RHEINPFALZ Plus Artikel Top-Ökonom zu Spritpreisen: „Wir müssen uns auf Teuerungen einstellen“

Der Konflikt im Nahen Osten lässt auch die Spritpreise in der Bundesrepublik steigen
Der Konflikt im Nahen Osten lässt auch die Spritpreise in der Bundesrepublik steigen

Der Krieg im Nahen Osten treibt auch die Energiepreise hierzulande in die Höhe. Ökonom Manuel Frondel erklärt, wie sich der Konflikt auf die deutsche Wirtschaft auswirkt.

Herr Frondel, auch in Deutschland spüren wir mittlerweile die Folgen des Kriegs im Nahen Osten – vor allem an der Tankstelle. Die Spritpreise sind in den vergangenen Tagen massiv gestiegen. Wird das so weitergehen oder ist ein Ende der Preissteigerung in Sicht?
Das ist natürlich ein Blick in die Glaskugel. Niemand kann genau sagen, wie stark die Öl- und Gaspreise weiter steigen werden. Denn das hängt natürlich maßgeblich davon ab, wie lange der militärische Konflikt in der Region andauern wird. Die Straße von Hormus ist nun mal das Nadelöhr für die Rohöl- und Gasversorgung. Wenn dieser Seeweg wegen Kampfhandlungen monatelange gesperrt sein sollte, kann das wirklich gravierende wirtschaftliche Folgen haben. Ein Ölpreis von über hundert US-Dollar pro Barrel (rund 159 Liter) ist aus meiner Sicht nicht ausgeschlossen, sollten die militärischen Handlungen noch einige Wochen anhalten. (Anm. d. Red.: Der Ölpreis liegt aktuell bei 78,3 Dollar pro Barrel (Stand: 3. März 2026), Anfang Januar lag er noch bei 59 Dollar pro Barrel.)

Aber wird das Öl nur teurer oder ist es wirklich schon knapp auf dem Markt?
Nein, Öl ist in Deutschland noch nicht knapp. Aber allein die rein spekulative Erwartungshaltung des Marktes, dass Öl knapp werden könnte, sorgt schon dafür, dass die Ölpreise steigen.

Wie abhängig sind wir in Deutschland denn vom Öl aus dem Nahen Osten?
In Deutschland und in Europa praktisch gar nicht. Das Öl, das über die Straße von Hormus transportiert wird, geht weitgehend nach Asien, vor allem nach China und Indien. In Deutschland werden wir über diese Route nicht versorgt. In den 1970er Jahren waren wir noch stark auf das Öl der arabischen Länder angewiesen, aber diese Abhängigkeit existiert schon lange nicht mehr. Die größten Beiträge zu unserer Ölversorgung leisten Norwegen und die USA und es gibt eine Vielzahl an weiteren Ländern, die zu unserer Versorgung beitragen. Das heißt, wir haben in Deutschland aktuell keine Versorgungslücke zu befürchten. Aber weil der Konflikt im Iran die Preise an den Öl- und Gasmärkten steigen lässt, wird eben beispielsweise auch das Tanken für Menschen in Deutschland teurer.

Aber über die Straße von Hormus verlaufen doch nur 20 Prozent des weltweiten Ölhandels. Warum hat das so massive Auswirkungen?
Das stimmt, aber wenn 20 Prozent der weltweiten Nachfrage an Rohöl auf einmal nicht mehr gedeckt werden können und ausfallen, muss man das fehlende Angebot auch erst mal wieder ausgleichen. Das geht nicht so schnell und wirkt sich so lange auf die Preisentwicklung am Ölmarkt aus.

Welche wirtschaftlichen Konsequenzen hat der Krieg im Iran auf andere Branchen und die Weltwirtschaft insgesamt?
Die direkte Auswirkung ist die angesprochene Verteuerung der Energiepreise. Das bedeutet folglich, dass alle Unternehmen, die Gas oder Öl für ihre Produktion verbrauchen, mittelfristig mit deutlich höheren Energiepreisen rechnen müssen. Das wiederum steigert die Produktionskosten der Unternehmen – vor allem in der Chemie-, Pharma- und Metallindustrie. Diese Unternehmen müssen dann ihre Produkte teurer verkaufen, was sich am Ende inflationär auf die Verbraucher auswirkt, auch in Deutschland. Und die gestiegenen Energiepreise haben natürlich unmittelbare negative Auswirkungen auf die Kaufkraft der privaten Haushalte mit entsprechendem Rückgang im Konsum.

Manuel Frondel glaubt, dass der Iran-Krieg eine weltweite Inflation auslösen könnte.
Manuel Frondel glaubt, dass der Iran-Krieg eine weltweite Inflation auslösen könnte.

Also hat dieser Konflikt das Potenzial, eine globale Inflation auszulösen?
Absolut, dieser Krieg im Iran kann eine weltweite Inflation auslösen. Je länger gekämpft wird, umso problematischer ist das für die Weltwirtschaft. Die sprunghaften Steigerungen der Erdgas- und Rohölpreise werden aber in jedem Fall kurzfristig auch inflationäre Folgen haben. Ich gehe davon aus, dass wir in Deutschland in den nächsten Monaten Inflationsraten sehen, die deutlich über drei Prozent liegen – statt wie aktuell bei ungefähr zwei Prozent.

China als wichtiger europäischer und deutscher Handelspartner hat sich in diesem Konflikt nun auf die Seite des Iran geschlagen und ihm Unterstützung zugesagt. Kann dieser Krieg auch die Handelsbeziehungen Europas zu China gefährden?
Das glaube ich nicht. China würde sich ins eigene Fleisch schneiden, wenn es seine Exporte in Ländern zurückfahren würden, die mit Israel und den USA zusammenarbeiten. Das würde ich mir allenfalls als Ultima Ratio vorstellen können. Aber ich glaube, davon ist die chinesische Regierung aktuell noch weit entfernt.

Zwischen die Fronten dieses Konflikts sind auch die kleinen Ölstaaten auf der Arabischen Halbinsel geraten. Länder wie Bahrain, Katar oder die Vereinigten Arabischen Emirate sind aber von Öl- und Gasexporten abhängig. Wie stark ist das Wirtschaftsmodell dieser Staaten gerade gefährdet?
Das Wirtschaftsmodell ist gerade massiv bedroht, wenn der Export von Öl und Gas stillsteht. Das ist deren wesentliche Einnahmequelle, darauf ist auch der Wohlstand dieser Kleinstaaten aufgebaut. Weil die aktuelle Situation für diese Staaten so hochproblematisch ist, drängen sie bei ihren Partnern und vor allem bei US-Präsident Trump auch auf ein schnelles Ende der militärischen Handlungen im Mittleren Osten. Auch hier gilt: Je länger die Kämpfe andauern, desto dramatischer werden die wirtschaftlichen Folgen für diese Ölstaaten.

Wie schätzen Sie die wirtschaftliche Lage im Iran selbst ein? Wie lange ist das Land überhaupt noch in der Lage, den Krieg aufrecht zu erhalten beziehungsweise zu finanzieren?
Man sollte nicht unterschätzen, wie lange der Iran durchhalten könnte. Das Mullah-Regime fördert und verkauft ja weiterhin Öl, insbesondere nach China und andere asiatische Staaten. Es sind weiterhin genügend Absatzmärkte für den Iran vorhanden, an die das Land sein Öl exportieren kann. Und so lange fließt auch das Geld, das für die eigenen militärischen Ziele genutzt werden kann.

Bislang sieht es aber nicht danach aus, dass der Konflikt – wie im Fall der Ukraine – um jeden Zentimeter auf dem Schlachtfeld ausgekämpft wird. Kann dieser Krieg wirtschaftlich entschieden werden und so ein schnelles Ende finden?
Ich hoffe ehrlich gesagt, dass der Konflikt nicht durch Drohnen, Bomben, Raketen und noch mehr menschliche Verluste entschieden wird. Allerdings sehe ich bislang nicht die Basis dafür, dass das Geld für den Iran und seine Kampfhandlungen knapp wird, solange die Mullahs ihr Öl- und Gas weiter nach China und andere asiatische Staaten exportieren können. Diese Staaten – allen voran China – deswegen zu sanktionieren, ist für Europa und Deutschland politisch äußerst heikel. Auch wenn ich es mir wünsche, glaube ich nicht wirklich an ein schnelles Ende dieses Konflikts. Für die Menschen in Deutschland heißt das: Wir müssen uns in den kommenden Wochen und Monaten auf Teuerungen einstellen.

Zur Person

Manuel Frondel (61) ist ein deutscher Ökonom, der sich vor allem mit den Themen Energie- und Ressourcenökonomie beschäftigt. Er ist Professor an der Ruhr-Universität Bochum und forscht gleichzeitig am RWI – Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung, wo er den Kompetenzbereich „Umwelt und Ressourcen“ leitet. Frondels Arbeitsschwerpunkte umfassen unter anderem die Analyse der Auswirkungen energie- und klimapolitischer Maßnahmen. Er war im FAZ-Ökonomenranking mehrfach unter den 20 einflussreichsten Ökonomen Deutschlands.

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