Wirtschaft
Start-ups in der Pfalz: Vom Sprachassistenten bis zum Honigversand
Berlin? München? Ach was! Kreative Existenzgründer findet man auch bei uns. Wir zeigen, was in der Start-up-Szene bei uns geschieht.
Thinking apps: Frage der Zeit
„Wie hat der FCK gespielt?“ – Fragen wie diese beschäftigen Stephan Kurpjuweit und seinen Geschäftspartner Thomas Scherschel. Vor gut zwei Jahren haben die beiden Entwickler in Kaiserslautern das Unternehmen „thinking apps“ gegründet. Für Kunden wie zum Beispiel das Sportmagazin Kicker arbeiten sie an sprachgesteuerten Apps. Sprachassistenten wie Alexa oder Google Assistant sollen dann möglichst viele Formulierungen aus den von ihnen entwickelten Anwendungen verstehen können. „Wichtig ist, dass die digitalen Sprachassistenten nicht auf einem Stand stehenbleiben, sondern zu intelligenten Gesprächspartnern werden“, sagt der 43-jährige Kurpjuweit. Schließlich gibt es jede Menge Möglichkeiten, wie man beispielsweise nach dem Ergebnis des letzten Lautern-Spiels fragen kann.
Die Gründung im Jahr 2017 verlief laut Stephan Kurpjuweit ohne größere Hindernisse: „Wir haben erst einmal klein angefangen und wollten alles ausprobieren. So hatten wir kein großes Risiko und mussten keine Kredite aufnehmen.“ Nach und nach wuchs das Lauterer Start-up, heute arbeiten in der Firma neben Studierenden vier Leute. Die Pfalz sei ein guter Standort für „thinking apps“, sagt Kurpjuweit, vor allem wegen der „vielen guten Hochschulen und Institute im IT-Bereich“. Schwierigkeiten bereitet den Gründern der Fachkräftemangel in der Pfalz, es sei schwierig, passende Entwickler zu finden.
Northwind Visuals: Der richtige Dreh
Fast 140.000 Mal wurde „Feel Rhein-Neckar“, ein Werbefilm über die Metropolregion, inzwischen bei Facebook angeklickt. Produziert hat den knapp dreiminütigen Clip die Ludwigshafener Agentur „Northwind Visuals“, die 2011 von Oliver Hoffmann gegründet wurde. Kurze Zeit später lernte Hoffmann den Filmstudenten Oliver Geibel kennen, der in die Firma einstieg. Seitdem ist das Unternehmen rasant gewachsen, heute beschäftigt „Northwind Visuals“ 14 Mitarbeiter. Der Jahresumsatz liegt laut Hoffmann bei einer halben bis eine Million Euro. Zudem kann sich die Filmagentur inzwischen mit einer ganzen Reihe von Auszeichnungen schmücken. Im Jahr produziert das Unternehmen 100 bis 200 Filme, je nachdem, wie groß die Aufträge sind.
Die Metropolregion sei ein sehr guter Platz für Start-ups, sagt Oliver Hoffmann. Es gebe viele Unternehmer und Nischenplayer, aber auch die ganz Großen. „Die großen Weltmarktführer schätzen die Nähe und den persönlichen Austausch“, erzählt der 33-Jährige. Außerdem sei die Konkurrenz in der Filmbranche hier nicht ganz so groß wie in anderen Regionen Deutschlands. Das Gründen beschreibt Hoffmann als harten Prozess, weil man viel Geld und Zeit investieren müsse. Und das gilt auch weiterhin: „Nach wie vor machen wir viele Extrastunden“, sagt er. Aber das ist es ihm und seinem Geschäftspartner Oliver Geibel wert.
Sturmkind: Fahren wie die Großen
Ein Spielzeugauto, das sich genauso bewegt wie das Original auf der Rennstrecke: Diese Vision hatte Martin Müller schon 2003. Aber erst Ende 2014 war die Technik bei den Smartphones so weit, dass die Spielsteuerung per App entwickelt werden konnte. Ein Jahr später fuhren die ersten „Drift“-Autos im Maßstab 1:43 und das Start-up „Sturmkind“ war geboren. Die beliebtesten Modelle sind aktuell das Einsteigermodell Silver V8 Sport Edition und das neue Modell Mercedes 190 Evo2 Black.
„Wir haben unser komplettes Geld reingesteckt“, erzählt Müller, der das Unternehmen gemeinsam mit seiner Frau Stephanie gegründet hat. Gerade am Anfang sei es schwer gewesen, Investoren und vor allem passende Partner für die Produktion zu finden, da alle Teile komplett in Deutschland hergestellt werden sollten. Speyer als Standort ergab sich, weil der 44-Jährige und seine Frau dort aufgewachsen sind. „Klar gibt es hier keine allzu große Start-up-Kultur, aber die Szene verteilt sich eh immer mehr“, sagt Martin Müller. Und die Partner suche man sowieso deutschlandweit. Mittlerweile hat „Sturmkind“ 17 Mitarbeiter, acht von ihnen arbeiten Vollzeit. „Gründen ist sehr zeitaufwendig. Wir haben drei Jahre mit Sieben-Tage-Wochen hinter uns, darüber muss man sich klar sein“, sagt Stephanie Müller. Ihr Mann ergänzt: „Man muss zu 100 Prozent für seine Vision brennen. Hürden wie die Frage, ob es sich gerade lohnt zu investieren, oder technische Probleme in der Produktion kommen immer.“
Imkerglück: Im Mondschein
Die Landauer Lisa Hoffmann und Fabian Rink haben 2017 ein sogenanntes Moonlight-Start-up gegründet. Was romantisch klingt, bedeutet im Alltag, dass die beiden meist am Abend oder bis tief in die Nacht hinein für den Erfolg ihres Unternehmens schuften. Denn die eigene Firma ist nur ein Nebenerwerb. „Die Idee zur Gründung hatte ich schon während meines Studiums“, erzählt die 26-jährige Hoffmann. Ein Gründungsbüro an der Uni half ihr, die ersten Schritte zu gehen. Ihr Freund Fabian Rink (29), der ursprünglich aus dem IT-Bereich kommt, kümmert sich vor allem um die technischen Dinge, Hoffmann um die Organisation.
Die Idee: Der Honig soll direkt vom Landauer Imker im Briefkasten des Kunden landen – und das im praktischen Nachfüllbeutel. Die Imkerei, von der Edelkastanien-, Weißtannen- und Blütenhonig stammen, gehört Hoffmanns Vater. Neben der Geschäftsidee eines neuen Honigvertriebs wollen die Landauer mit „Imkerglück“ eine weitere Mission erfüllen: zeigen, wie wichtig und wertvoll Bienen für die Natur sind.
Beide finden, dass die Pfalz ein guter Standort für Start-ups ist. Zwar gebe es kein großes Netzwerk, allerdings würden neue Unternehmen hier auch nicht aus dem Boden sprießen wie in Berlin, es gebe kaum Konkurrenz. Hoffmann empfiehlt jungen Gründern, das Unternehmertum zunächst im Nebenerwerb zu versuchen: „Einfach erst mal was starten, um weiterzuwachsen, das ist gar nicht so schwer. Denn Lernen kann man am besten in der Praxis. Und man kann nicht viel verlieren, sondern sich und seine Idee einfach mal ausprobieren.“
ZReality: Neue Welten
In Ruhe durchs Museum schlendern ohne Menschentrauben vor jedem Kunstwerk? Und das vom Sofa aus? Das geht zum Beispiel in der ZDF-Kunsthalle, einem digitalen Museum. Ergänzt durch eine Virtual-Reality-Brille ist das Erlebnis noch authentischer. Ermöglicht hat dies das Kaiserslauterer Unternehmen „ZReality“, das sich darauf spezialisiert hat, virtuelle Umgebungen zu erschaffen. Unter anderem hat das Team rund um die Geschäftsführer Michael Neidhöfer und Jan Knieriemen sowie Marketing- und Vertriebsleiter Adrian Dietrich ein Baukastensystem für Virtual Reality entwickelt. So können Kunden ihre Internetauftritte selbst mit dreidimensionalen Inhalten füllen. „Dazu braucht man normalerweise Programmierer“, sagt Adrian Dietrich. Zu den Kunden gehören neben dem ZDF unter anderem die BASF und die Pfalzwerke.
Gegründet wurde das Unternehmen Ende 2015. Heute hat „ZReality“ zwölf Mitarbeiter in Kaiserslautern. Hindernisse beim Gründen sieht Neidhöfer (47) vor allem darin, die ersten Kunden und das richtige Team zu finden. Aber dann werde es einfacher: „Mit immer mehr Referenzen wächst ein Unternehmen stetig, solange man einzigartig ist mit dem Produkt im Markt.“
Was Neidhöfer an Kaiserslautern mag, sind die loyalen Mitarbeiter und eine geringe Fluktuation innerhalb des Teams. Durch die Hochschule finde man gute Informatiker und Virtual Designer. Hingegen würden gute und erfahrene Marketing-, Vertriebs- und Betriebswirtschaftler fehlen. Weiteres Wachstum ist ein großes Ziel für das Start-up. Demnächst soll ein Büro in Luxemburg eröffnet werden. 2019 ist ein Umsatz von einer Million Euro angepeilt, etwa 40 Prozent davon stammen aus Lizenzeinnahmen ihres Content-Management-Systems für virtuelle Welten. www.zreality.com