Wirtschaft So politisch wie noch nie

Ein Geheimtipp ist die Computer- und Videospielemesse Gamescom in Köln längst nicht mehr. Seit Jahren ist sie in ihrem Bereich die größte Publikumsmesse der Welt. Milliardenschwere Spieleverlage und unabhängige Entwicklerstudios nutzen sie, um ihre Neuerscheinungen zu zeigen. In diesem Jahr sind außergewöhnlich viele Politiker an der Messe interessiert: Kanzlerin Angela Merkel hat die Gamescom eröffnet.
Nur wenige Tage vor der Messe, die am Dienstag mit einem Fachbesuchertag gestartet ist und noch bis morgen läuft, hat der Bundesverband für Interaktive Unterhaltungssoftware (BIU) aktuelle Zahlen auf den Tisch gelegt: Allein im ersten Halbjahr 2017 betrug der Umsatz für Computer- und Videospiele in Deutschland rund 1,08 Milliarden Euro (die RHEINPFALZ berichtete). Zudem ist laut BIU die Bekanntheit von E-Sports in Deutschland innerhalb eines Jahres um 5 Prozentpunkte auf 29 Prozent gewachsen. Bei den 16- bis 24-Jährigen kennt mehr als die Hälfte, 56 Prozent, den digitalen Sport. Diese Entwicklung scheint an der Politik nicht spurlos vorbeigegangen zu sein. Die diesjährige Gamescom ist so politisch wie keine zuvor: Kanzlerin Angela Merkel hat die Spielemesse eröffnet. Beim anschließenden Rundgang ging’s an verschiedenen Messeständen, unter anderem am Stand von Ubisoft Blue Byte aus Mainz, um die Entwicklungsförderung in der deutschen Spielebranche. Stefan Böhne von Blue Byte sagte der RHEINPFALZ: „Der Besuch der Kanzlerin zeigt, welchen Stellenwert die Spieleindustrie mittlerweile hat – unabhängig vom Wahlkampf.“ Am Mittwoch brach dann allerdings offen Wahlkampf aus, als die Generalsekretäre von CDU, SPD, Die Linke, Bündnis 90/Die Grünen und FDP in einer Wahlkampf-Arena den Youtubern Peter Smits (PietSmiet), LeFloid und Colin Gäbel (Rocket Beans TV) Rede und Antwort standen. Doch an den meisten Messebesuchern dürften die Auftritte der Politikprominenz vorbeigegangen sein – schließlich strömen sie zu Tausenden in die Kölner Messehallen, um ihre Lieblingsspiele Monate oder Wochen vor der Veröffentlichung zu spielen. Dazu müssen die Besucher, je nachdem wie beliebt ein Spiel ist, bis zu drei Stunden Wartezeit einplanen – für 15, 20 Minuten Spielspaß. Vor allem bei den großen Spieleverlagen Activision Blizzard, Electronic Arts, Ubisoft oder Square Enix und bei den Konsolenherstellern Microsoft, Nintendo und Sony sammeln sich die Fans in Scharen. Wie gut, dass die Aussteller oft aufwendige Bühnenshows im Programm haben, die die Wartezeiten unterhaltsamer gestalten. Vor wenigen Jahren noch eine Nische, mittlerweile eine sprudelnde Einnahmequelle für die Spieleverlage: Merchandising-Artikel wie T-Shirts, Tassen, Sammelfiguren oder Plüschtiere zu den eigenen Spielen. In einer Halle, der Fanshop-Arena, reiht sich Verkaufsstand an Verkaufsstand. Öffentlich werden keine Umsatzzahlen genannt. Doch der rege Betrieb an den Ständen und die vielen Geldscheine, die über die Theken wandern, sprechen eine eindeutige Sprache. Weit kleiner als die deckenhohen, riesigen Ausstellungsstände der großen Spieleverlage zeigen unabhängige Entwickler, Indies genannt, in der Indie Arena Booth ihre Spiele. Dort präsentieren die Entwickler persönlich den Besuchern die Spiele. Dabei entstehen für beide Seiten oft fruchtbare Unterhaltungen. So viel Nähe zum Kunden ist für kommerziell besonders erfolgreiche Produzenten wie Capcom oder Bethesda allerdings nicht möglich – die Entwickler würden von den Fans schlicht überrannt. Apropos überrannt: Die Tagestickets für Privatbesucher waren bereits am Dienstag komplett ausverkauft. Auch in diesem Jahr dürften weit über 300.000 Menschen zum Spielen nach Köln strömen.