Wirtschaft
Mystery-Packs: Überraschungseier für Erwachsene
Wie Kuchenstücke in der Kühlvitrine eines Cafés liegen die Päckchen im Automaten. Statt Käsesahnetorte, Frankfurter Kranz oder Schwarzwälder Kirsch sind weiße Umschläge durch kleine Fenster erkennbar. Sie sind dicker und dünner, manche rechteckig, andere unförmig. Die Wahl fällt, nachdem der 10-Euro-Schein angenommen ist, auf einen zur Hälfte ausgefüllten, etwas gewölbten Umschlag, der nicht so aussieht, als enthalte er ein rosafarbenes Polyesternachthemd oder ein Ladekabel für ein im eigenen Haushalt nicht vorhandenes Elektrogerät. Mit allem anderen dürfte man doch wohl etwas anfangen können. Taste gedrückt, Klappe auf, und jetzt erst kommt der Fühltest: Im Umschlag befindet sich ein festes, aber nicht ganz hartes Teil, Rundungen sind spürbar. Ein Schütteltest, der bei Überraschungseiern an der Supermarktkasse weiterhelfen mag, bringt nichts.
Die lange Reise einer Rolle Schnur
Zum Vorschein kommt eine Rolle schwarze Nylonschnur. Wie viele Meter, steht nirgends. Und auch kein Hersteller oder Händler. Man könnte damit Perlenarmbänder herstellen (hätte man doch die Zeit!), Geschenke verpacken oder einen Einbrecher fesseln. Die 10 Euro sind nicht komplett sinnlos verschwendet wie all das Geld, das schon für Geblitztwerden oder Falschparken draufgegangen ist. Aber tatsächlich gebraucht hätte das Band jetzt auch niemand. Außer dem, der es einst bestellt hat.
Denn das Päckchen war einmal für jemand anderen bestimmt und konnte – so viel verrät der Aufkleber, auf dem sämtliche Personendaten geschwärzt sind – nicht zugestellt werden. In München. Also wurde ein gewöhnlicher Verbrauchsgegenstand, den man in vielen Läden einfach kaufen könnte, mehrfach durch Deutschland geschickt – von der Produktion im mutmaßlich asiatischen Ausland und dem Versand nach Europa dabei ganz zu schweigen.
Ein Händler schickte also irgendwann einmal eine bestellte Rolle mit schwarzem Bastelband nach München, wo sie aus nicht nachvollziehbaren Gründen ihren Empfänger nie erreichen sollte. Von da aus landete das Teil – über den Versanddienstleister und einen Großhändler – bei dem Unternehmen in Hannover, das seinen vor wenigen Wochen aufgestellten „Retouromat“ in der Ludwigshafener Rhein-Galerie damit bestückte. Ungeliebte Überraschungen, die über Social-Media-Gruppen oder Portale wie Kleinanzeigen oder Vinted den Besitzer wechseln, werden noch ein weiteres Mal versendet. Andere Quelle, aus der die Dinge in den Automaten stammen, sind Retouren von Online-Händlern oder, das verrät zumindest beim Ludwigshafener Automat ein Aufkleber, Restposten von Geschäften.
„Kein Personal, um Retouren zu bearbeiten“
„Wenn die Sachen noch verwendet werden, ist es natürlich besser, als wenn sie einfach auf dem Müll landen“, sagt Julia Gerhards, Referentin für Verbraucherrecht bei der Verbraucherzentrale Rheinland-Pfalz in Mainz. „Aber nachhaltig ist es nicht, wenn die Dinge mehrfach durch die Republik geschickt werden.“ Sie wünsche sich ein System, in dem es rentabel sei, retournierte Waren ein weiteres Mal in den Verkaufsprozess zu geben, anstatt sie in Form sogenannter Mystery-Packs, Mystery-Bags oder Mystery-Boxen zu verramschen.
Aber genau das lohne sich für Online-Händler nicht, sagt Sascha Theis, Betreiber von zurzeit 23 Retouren-Automaten im Saarland und in Rheinland-Pfalz, unter anderem in Kusel, Otterberg, Rockenhausen und Zweibrücken. Einen Automaten in Pirmasens habe er wegen zu vieler Vandalismus-Vorfälle abgebaut. „Die Händler haben das Personal nicht, um Retouren zu bearbeiten“, sagt er. „Es ist für alle günstiger, die Päckchen ungeöffnet weiterzuverkaufen.“ Neuwertige und einwandfreie Ware vernichten, wie es vor einigen Jahren für Aufregung sorgte: Das dürfen die Händler seit einer Novelle des Kreislaufwirtschaftsgesetzes 2020 und der EU-Ökodesign-Verordnung 2024 eigentlich nicht mehr – wobei eine konkrete Rechtsverordnung fehlt. Händler und Versanddienstleister erkannten irgendwann ein neues Geschäftsmodell und geben heute Retouren an Großhändler, die sie an Automatenbetreiber wie Theis weiterverkaufen.
Anfangs gab Sascha Theis die Päckchen, die er auch aus Frankreich, Belgien und den Niederlanden bezieht, ungeprüft an seine Kundschaft weiter. Das hat sich geändert. Seit sechs Monaten öffnet er nach eigenen Angaben die Päckchen und sortiert Waffen – wie sie Borussia Dortmunds Fußballprofi Karim Adeyemi nach der Bestellung einer Mystery-Box im Internet zum Verhängnis wurden – und andere jugendgefährdende Erzeugnisse aus. „Da waren schon die kuriosesten Sexspielzeuge drin“, erzählt der 49-Jährige. „20 bis 30 Prozent der Sachen werfen wir weg, weil sie Schrott sind.“
Für den Rest der Päckchen, die man für 10 oder 20 Euro ziehen kann, verspricht er einen deutlich höheren Warenwert. Und: Ja, es seien wirklich immer wieder Smartphones darunter.
Stichwort Jugendschutz: Beim Automaten in der Rhein-Galerie weist ein Aufkleber darauf hin, dass unter 18-Jährige ihn nur in Begleitung von Erwachsenen nutzen dürfen. „Das ist ein schwieriges Thema“, sagt Verbraucherschützerin Gerhards. „Eigentlich bräuchte es da eine Altersverifikation wie bei Zigarettenautomaten.“ Allerdings hat sie bisher erst wenige Beschwerden von Verbrauchern registriert. In der Erstberatungshotline der Verbraucherzentrale werde hin und wieder nach dem Widerrufsrecht gefragt oder nach den Rechten bei mangelhafter Ware. Ein Widerrufsrecht habe man beim Bestellen von Mystery-Boxen im Internet, nicht aber bei solchen aus dem Automaten, sagt Gerhards. Ansonsten gelten aber hier wie dort die gesetzlichen Gewährleistungsrechte.
Überall in der Pfalz gibt es Mystery-Automaten, auch in Landau, in Kaiserslautern, ganz neu in Speyer. Sascha Theis glaubt nicht, dass der Hype bald zu Ende sein wird. „Am Anfang dachte ich das“, sagt er. „Aber es reißt nicht ab.“ Seine Erklärung: „Ich habe mir als Kind am Kiosk selbst schon Wundertüten gekauft. Menschen lieben einfach Überraschungen.“