Griechenland
Mehr Wirtschaftskraft durch Fusionen
Eine kleine Halle im Athener Gewerbegebiet Votanikos, ein betagter Lieferwagen, fünf Mitarbeiter: Die Firma von Philippos Psaropoulos, ein Fachbetrieb für Aluminiumbau, ist ein typisches griechisches Kleinunternehmen. Psaropoulos und seine Leute sind handwerklich geschickt und fleißig. Über Aufträge kann der 43-Jährige nicht klagen angesichts des Immobilienbooms in Griechenland. Aber manchmal ist er überfordert. Als Psaropoulos kürzlich die Fenster für einen sechsstöckigen Hotel-Neubau liefern sollte, musste er abwinken: „Das kann ich mit meinen Finanzmitteln, meinen Maschinen und meiner Mannschaft nicht stemmen.“
Unternehmern wie ihm will die Regierung des konservativen Premierministers Kyriakos Mitsotakis jetzt unter die Arme greifen. Firmen, die fusionieren oder miteinander kooperieren, zahlen für die nächsten drei Jahre ein Drittel weniger Steuern auf ihre Gewinne, nur 15,5 Prozent statt der üblichen 22 Prozent. Das sieht ein Gesetzentwurf vor, der dem Parlament in Athen zur Beratung vorliegt. Die Regelung soll am 1. Januar in Kraft treten.
In 95 Prozent aller Betriebe weniger als zehn Beschäftigte
Daten des staatlichen Statistikamtes Elstat von Ende September zeigen: 95 Prozent aller griechischen Firmen beschäftigen weniger als zehn Mitarbeitende. Zum Vergleich: Im EU-Durchschnitt macht der Anteil von Kleinstunternehmen etwa 30 Prozent aus. Von den knapp 719.000 Unternehmen in Griechenland haben lediglich 550 mehr als 250 Beschäftigte. Die wenigen Großen erwirtschaften 32 Prozent des Gesamtumsatzes. Aus eigener Kraft zu wachsen, ist für die meisten kleinen und mittelgroßen Unternehmen des Landes sehr schwer. Denn sie verfügen über wenig Kapital und knappe Barmittel.
Der Zugang zu Bankkrediten scheitert meist an der mangelnden Bonität. Überdies sind diese Unternehmen oft gar nicht in der Lage, die von den Kreditinstituten geforderten Geschäftspläne auszuarbeiten. „Wir wollen diesen kleinen und mittleren Unternehmen helfen, damit sie wachsen können“, erklärt Alex Patelis, Chef-Wirtschaftsberater von Ministerpräsident Kyriakos Mitsotakis. Die Firmen sollen „in die Lage versetzt werden, ihre Produktivität zu steigern, innovativer zu werden und mehr zu investieren“, sagt Patelis.
Förderkonzept ist Teil von EU-Vorgabe
Gefördert werden nicht nur Fusionen und Übernahmen, sondern auch Plattformen für die Bildung von Unternehmens-Clustern, etwa bei der Beschaffung, im Marketing und im Vertrieb. In den Genuss einer Förderung kann ein großer Teil der griechischen Wirtschaft kommen. Denn Unterstützung erfahren Zusammenschlüsse von Firmen, die weniger als 250 Mitarbeitende beschäftigen und nicht mehr als 50 Millionen Euro Jahresumsatz erwirtschaften. Allerdings gibt es auch eine Untergrenze: Der Jahresumsatz der fusionierenden Firmen muss zusammen mindestens 450.000 Euro betragen. Beabsichtigt ist, Fusionen jeweils ähnlich großer Firmen zu fördern.
Das griechische Förderkonzept für Unternehmensfusionen ist nicht ganz freiwillig entstanden. Vielmehr ist es eine von 15 Vorgaben, die Griechenland für die Bewilligung der Mittel aus dem Corona-Aufbauplan der EU (RRF) umsetzen muss. Aus dem Fonds erwartet Athen in den nächsten Jahren Zuschüsse von 17,8 Milliarden Euro sowie zinsgünstige Kredite über 12,7 Milliarden Euro. Mit einem Teil dieser Darlehen will die Regierung Investitionen fusionierter Unternehmen fördern.