Wirtschaft Leitartikel: Glückliche Wintershall

Die jetzt eingeleitete Abspaltung des Öl- und Gasgeschäfts aus dem
BASF-Konzern entlässt die bisherige Kasseler Energietochter Wintershall
in eine neue Freiheit. In Ludwigshafen ist niemand traurig darüber. Die bisherige Energiesparte hat für den Ludwigshafener Chemiekonzern keine große Bedeutung mehr.
Fast 50 Jahre lang mussten sich die Chefs der Ludwigshafener BASF halbwegs passende Antworten auf die Frage einfallen lassen, was denn bitte ein innovativer Chemiekonzern mit Bohrlöchern über Öl- und Gasfeldern am Hut habe. 1969 kaufte der Chemieriese – damals unter der Leitung des Chemikers und Physikers Bernhard Timm – einen Energiezwerg: die Kasseler Wintershall AG. Der jetzige BASF-Chef Kurt Bock hat mit dem Öl- und Gasgeschäft schon seit Jahren nicht mehr viel im Sinn. Kürzlich ließ er mitteilen, dass die Wintershall – 2000 Mitarbeiter, 2,8 Milliarden Euro Jahresumsatz und 500 Millionen Euro Betriebsgewinn – mit der Hamburger Dea Deutsche Erdöl AG fusionieren und dass die neue Wintershall Dea später an die Börse gebracht werden solle. Die Dea bringt es mit 1150 Beschäftigten auf einen Jahresumsatz von 1,5 Milliarden Euro und einen Betriebsgewinn von 44 Millionen Euro. Zum müden Rohstoffladen sei die BASF mit dem Einstieg in die Öl- und Gasförderung geworden, musste sich BASF-Chef Timm damals von Kritikern anhören. „Onkel Timms Hütte“ nannten sie die BASF abschätzig. Timm und seine Nachfolger rechtfertigten den Zukauf damit, dass so die Rohstoffversorgung des Petrochemie-Konzerns gesichert werde. Tatsächlich war die Übernahme 1969 keine strategische Entscheidung, sondern ein Gelegenheitskauf, mit dem die BASF der damaligen Bundesregierung einen Gefallen tat. Als die seinerzeitigen Eigentümer – darunter die Industriellenfamilie Quandt – sich von Wintershall trennen wollten, sollte sie nicht in ausländische Hände fallen. Nach Absagen anderer Konzerne griff schließlich die BASF zu. Nebenbei kamen die Ludwigshafener dadurch zu ihrem Standort Friesenheimer Insel auf der rechten Rheinseite gegenüber dem Stammwerk. Dort betrieb die Wintershall früher einmal eine Erdölraffinerie. BASF-Chefs rechtfertigten den Betrieb ihres Energiegeschäfts bis vor Kurzem mit einem willkommenen Ausgleichsmechanismus. Bei stark steigenden Preisen für Erdöl und Petrochemie-Rohstoffe sinken in der Regel zwar die Gewinne im klassischen Chemiegeschäft. Aber die Profite in der Öl- und Gassparte legen zu. So richtig funktionierte das in letzter Zeit aber auch nicht mehr. Dass der Ölpreis in absehbarer Zeit wieder über 100 Dollar je Barrel (159 Liter) klettert, ist unwahrscheinlich. Hauptgrund dafür sind neuartige Fracking-Techniken, mit denen vor allem in den USA Öl und Gas gefördert werden. Immer, wenn die Förderländer des Opec-Kartells die Produktion drosseln und der Preis zu steigen beginnt, wird in den USA an den Fracking-Bohrlöchern Gas gegeben – und der Preis fällt wieder. Börsenanalysten und Großinvestoren lieben die Ausgliederung von Firmenteilen. Die Trennung vom Energiegeschäft und die Gründung der Wintershall Dea, an der die BASF zunächst 67 Prozent der Anteile halten wird, kam am Kapitalmarkt gut an. Auch am Ludwigshafener BASF-Stammsitz und in der Wintershall-Heimat Kassel dürfte kaum jemand der bisherigen Konstruktion nachtrauern. Die Wintershaller waren schon immer etwas Exotisches im BASF-Konzern. Jetzt winken neue Freiheiten. Und für das Ludwigshafener Stammwerk hat die Abspaltung keine Bedeutung. Die Auslagerung der Wintershall ist einer von vielen Schritten des Konzernumbaus. Und er wird nicht der letzte sein.