Wirtschaftskrimi
Krimineller Pfälzer Familie das Handwerk gelegt: Schaden in Millionenhöhe
Nach außen hin machte alles einen friedlichen Eindruck. Ein Ehepaar vom Dorf mit Sohn lebt in einem gewöhnlichen Neubaugebiet. Offiziell handelt die Familie mit Garten- und Heimprodukten. Mit Blumentöpfen, Blumenerde, Schirmständern, Stühlen, Tischen, Mikrowellengeräten.
Doch was niemand weiß: Die Familie beschäftigt seit mindestens zehn Jahren immer wieder Polizei und Justiz. Die Masche: Sie bestellt Waren – und bezahlt nicht. Sie mietet Hallen und andere Räumlichkeiten – und überweist keine Miete. Sie nimmt Diensteistungen in Anspruch – und begleicht die Rechnung nicht. Sie nimmt Bestellungen und das Geld dafür entgegen – und liefert die Ware oder erbringt die Dienstleistung nicht.
Leidtragende: Gutgläubige Menschen aus der Westpfalz
Die Geschädigten und Leidtragenden: Firmen und gutgläubige Menschen aus der Westpfalz und dem Saarland, sogar aus dem persönlichen Umfeld der Familie. Aber auch Firmen in Nord- und Ostdeutschland, Krankenkassen, Banken, Berufsgenossenschaften, Stadtwerke, Verbandsgemeinden, Vermieter, Autohäuser, Werkstätten, eine Spedition, Steuerberater – und eine ganze Latte von Rechtsanwälten. Die Liste der Gläubiger in nur einem von mehreren Insolvenzverfahren ist drei Seiten lang und nennt 81 Gläubiger. Sie liegt der RHEINPFALZ vor.
Was aus der Liste nicht hervorgeht: Wie viele dieser Gläubiger durch die Machenschaften der Familie in finanzielle Schwierigkeiten oder gar in die Insolvenz gerieten.
Sie fährt in der Luxuslimousine durchs Dorf
Das Ehepaar und sein Sohn aus einem kleinen Dorf im Westen der Pfalz kamen wohl auch deshalb so lange ungeschoren davon, weil das Trio ein kompliziertes Geflecht aus sechs Firmen gebildet hatte, die ihren Sitz immer mal wieder von hie nach da verlegten. So narrte die Familie Gläubiger und Justiz. Die Strafverfolger erwischten mal ein Familienmitglied sozusagen am Rockzipfel, so 2017, aber es kam mit einer Bewährungsstrafe davon.
Ungerührt machte das Trio weiter. Im Jahr 2021 war die Justiz der Familie wieder einmal dicht auf den Fersen. Und wie reagierten die Bedrängten? Unbeeindruckt und vielleicht auch trotzig: Jedenfalls fuhr die Frau auf einmal mit einem Porsche Panamera GTS durchs Dorf, der deutlich über 100.000 Euro gelistet ist. Mann und Sohn entstiegen plötzlich jeweils einem 5er BMW, einmal Kombi, einmal Cabriolet.
Dreieinhalb Stunden das Haus durchsucht
An einem nieselregnerischen Herbsttag aber zogen Polizei und Justiz die Schlinge zu: Am 20. November 2023 gegen 7.30 Uhr fuhren fünf zivile Polizeifahrzeuge vor dem Anwesen der Familie in dem Westpfälzer Dorf vor, mit Saarbrücker, Kaiserslauterer und Kuseler Kennzeichen. Dreieinhalb Stunden lang hielten sich rund zehn Beamte in dem Haus auf, trugen Computer und andere Gegenstände raus und verluden sie. Das Polizeipräsidium des Saarlandes teilte damals auf Anfrage der RHEINPFALZ mit, dass saarländische Ermittler einen Durchsuchungsbeschluss „in einem laufenden Verfahren“ vollstreckten.
Drei Jahre Haft für die Frau
Vor Gericht kam die Sache dann aber weder in Saarbrücken noch in Zweibrücken noch in Landstuhl, sondern am 8. Mai in Kaiserslautern. Das dortige Amtsgericht verurteilte die Frau vom Dorf zu drei Jahren Gefängnis. Ihr Ehemann erhielt eine zweijährige Haftstrafe, die zur Bewährung ausgesetzt wurde, zudem eine Geldstrafe von 360-mal zehn Euro. Der gemeinsame Sohn erhielt eine Haftstrafe von einem Jahr zur Bewährung sowie eine Geldstrafe von 360-mal fünf Euro. Das Gericht erkannte das Trio dieser Straftaten für schuldig: Insolvenzverschleppung, Bankrott, Betrug, Urkundenfälschung und Subventionsbetrug, zum Teil „im besonders schweren Fall“.
Es hielt die Eheleute, aber nicht den Sohn, zudem für schuldig der Untreue und der versuchten Steuerhinterziehung, zudem weiterer Fälle von Insolvenzverschleppung und des Bankrotts. Laut Staatsanwaltschaft beläuft sich der Schaden, den das Trio verursachte, auf einen siebenstelligen Betrag.
Die Angeklagten waren geständig, so dass das Gericht schnell urteilen konnte. Das Urteil ist rechtskräftig. Die Rechtsanwaltskanzlei Motzenbäcker und Adam aus Kaiserslautern teilte auf Anfrage mit, dass die drei Mandanten das Urteil akzeptiert hätten. Darüber hinaus wollte sich die Kanzlei zu dem Fall nicht äußern.
Zäune zweimal versteckt und dem Gerichtsvollzieher entzogen
Zum Verhängnis wurde der Familie letztlich dieser Fall: Sie hatte bei einer Firma im nördlichen Deutschland Zaunelemente, Tore, Türen, Pfosten und ähnliches für über 400.000 Euro bestellt und in eine Halle im Kreis Kusel transportieren lassen, die Ware aber nie bezahlt. Da das Trio dem Besitzer der Halle auch keine Miete überwies, setzte der es mit gerichtlicher Hilfe vor die Tür. Daraufhin schaffte die Familie das Zaun-Material in eine Halle nach Homburg ins Saarland. Hier wollte ein Gerichtsvollzieher das Material per Zwangsvollstreckung einziehen. Doch als er kam, war alles weg. Die Familie hatte es zwischen Tag und dunkel in und vor eine andere Halle in Homburg transportiert, um es doch noch weiterverkaufen zu können.
Das war der Justiz dann doch zu viel an Dreistigkeit. Es folgte die Hausdurchsuchung – und schließlich der Prozess.
