Wirtschaft Kommentar: Mehr Offenheit gefragt

Die BASF hat mehr
Kompetenz im Umgang
mit gefährlichen Stoffen als
mit schlechten Nachrichten.
Keine Frage, Phosgen ist ein höchst giftiges Teufelszeug. Und dass Menschen, die in der Nähe von Phosgen-Anlagen wohnen, Angst, ein ungutes Gefühl und Fragen nach der Sicherheit haben können, ist normal. Offenheit und Transparenz der Chemiefirmen, die Phosgen verwenden, ist die Basis für Akzeptanz im Umfeld. Der weltweit größte Chemiestandort in Ludwigshafen ist für die Region ein wichtiger Wirtschaftsfaktor, der allein im BASF-Stammwerk gut 35.500 Arbeitsplätze bietet. Zusammen mit weiteren Standorten in der Nähe und mit Tochtergesellschaften sind es knapp 39.000 Stellen. Der Ludwigshafener Chemieweltmeister hat eine hohe Kompetenz im Umgang mit gefährlichen Stoffen, gerade auch mit Phosgen. Das Unternehmen genießt einen guten Ruf in seiner Nachbarschaft. Aber im Fall des Phosgen-Ereignisses in Ludwigshafen – ein Unfall war es ja nicht, weil niemand verletzt wurde und weil keine Chemikalien austraten – und im Fall des tödlichen Arbeitsunfalls in Südkorea hat der Konzern zwar nach Recht und Gesetz und entsprechend der internen Richtlinien reagiert. Aber dennoch hat er nicht sensibel genug gehandelt. Die Vorfälle wurden in Ludwigshafen nicht aktiv mitgeteilt, sondern erst auf Nachfrage eingeräumt – dann allerdings offen kommuniziert. Die Welt ist offener geworden. Viele BASF-Mitarbeiter bis hinauf ins mittlere Management sind zurecht unzufrieden mit der Öffentlichkeitsarbeit ihrer Firma. Deshalb übernehmen sie einen Teil davon selbst, wenn sie meinen, das Unternehmen sei nicht transparent genug. Dass ihr Arbeitgeber das als Kompetenzanmaßung ahnden könnte, wenn er der Quelle auf die Spur kommen würde, nehmen sie dabei in Kauf. Beispiele in jüngerer Vergangenheit waren neben den aktuellen Phosgen-Vorgängen die lange Verzögerung bei der Inbetriebnahme der TDI-Anlage in Ludwigshafen durch technische Probleme oder das Abrücken vom Versprechen, einen würdigen Nachfolger für das abgerissene BASF-Hochhaus zu bauen.