Nahverkehr RHEINPFALZ Plus Artikel KI soll Randalierer in Zügen erkennen

Auf dem Frankfurter Hauptbahnhof erklärt Harmen von Zijderveld, der für die DB Regio zuständig ist, wie der Konzern die Sicherhe
Auf dem Frankfurter Hauptbahnhof erklärt Harmen von Zijderveld, der für die DB Regio zuständig ist, wie der Konzern die Sicherheit der Zugbegleiter verbessern will. Gesamtbetriebsratsvorsitzender Ralf Damde (rote Schuhe) lobt den Arbeitgeber für seine Bemühungen.

Die Deutsche Bahn will ihre Zugbegleiter im Nahverkehr schützen. Sie probiert dafür viel aus. Und fordert, dass Sicherheit auch bezahlt wird.

„Angst hat in unseren Zügen keinen Platz“ – das sagt Harmen von Zijderveld am diesem Montagmorgen am Frankfurter Hauptbahnhof. Und dass der Vorstandsvorsitzende der DB Regio AG diesen Satz überhaupt in einer Pressekonferenz betonen muss, sagt viel aus. Die Tötung des Zugbegleiters Serkan Çalar im Februar in Landstuhl (Kreis Kaiserslautern) hat die Sicherheit der Zugbegleiter noch einmal in den Mittelpunkt des öffentlichen Interesses gestellt. 3000 Übergriffe auf Mitarbeiter zählt die Deutsche Bahn laut Betriebsrat für 2025, im Regionalverkehr ist die Anzahl der körperlichen Übergriffe bundesweit zwar zuletzt gesunken – doch in der Region Mitte, zu der Rheinland-Pfalz, Nordbaden, das Saarland und Hessen gehören, ist die Anzahl der Übergriffe von 2024 auf 2025 laut Bahn um 15 Prozent gestiegen.

Verschiedene Modelle werden probiert

Die Deutsche Bahn probiert derzeit verschiedene Modelle aus, wie sie die Schaffner besser schützen und damit auch den Fahrgästen ein besseres Gefühl vermitteln kann: In Rheinland-Pfalz fahren die Zugbegleiter seit Mitte April zu zweit im Regionalverkehr mit, was allerdings auch heißt, dass in anderen Zügen am selben Tag kein Personal mitfährt. In Hessen sind ein Zugbegleiter und ein Sicherheitsmann einer Privatfirma gemeinsam im Zug, die Bahn nennt das „Tandemstreife“. Es handelt sich bei den Doppelbesetzungen mit Zugpersonal und bei den Tandems um Pilotprojekte, die bei den Mitarbeitern gut ankommen. Die Hoffnung der Bahn-Verantwortlichen ist, dass sie zum Standard werden. Denn Sicherheit kostet. Und so sagt der DB-Regio Vorstandsvorsitzende von Zijderveld: „Jetzt gilt es, die Konzepte aus der Pilotphase in die Verkehrsverträge mit den Aufgabenträgern, die die Verkehrsleistungen bestellen, zu integrieren und so auch langfristig abzusichern.“ Den Nah- und Regionalverkehr im südlichen Rheinland-Pfalz finanziert der Zweckverband Öffentlicher Personennahverkehr Rheinland-Pfalz Süd, dessen Mitglieder das Land, Städte und Kreise sind.

Verantwortung wird weitergeschoben

Ralf Damde, der Gesamtbetriebsratsvorsitzende der DB Regio AG, macht mit Blick auf die Kostendiskussion deutlich, dass die Bahn hier „leidvolle Erfahrungen“ mit der Politik habe, da jeder die Verantwortung weiterschiebe: Die Kommunalpolitiker sagten, das Land sei zuständig, die Länder zeigten auf den Bund. Mit Blick auf Artikel 2 des Grundgesetzes („Jeder hat das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit“) sagt er: „Meine Erwartung ist, dass ihr was tut.“ Für die Sicherheitsbemühungen der DB Regio, deren Mitarbeiter (700 sind es in der Region Mitte) er vertritt, findet der Chef-Betriebsrat indes lobende Worte: „Die DB Regio ist vorbildlich.“

Damde kritisiert allerdings die Verkehrsverbünde, die von den Zugbegleitern gewisse Kontroll-Quoten verlangten, aber gleichzeitig selbst nicht dafür sorgten, dass das Deutschland-Ticket fälschungssicher ist. Er moniert, dass man das Kontroll-Thema „auf die Kundenbetreuer auskippt“ und dass die Verbünde die Zugbegleiter überprüften, ob diese Kontrollen vornähmen.

Erst kommt der Datenschutz, dann darf gefilmt werden

Er habe lang für den Einsatz der Bodycam – eine kleine Kamera, die der Zugbegleiter an der Jacke trägt – gekämpft, sagt Damde. Die Mitarbeiter müssen diese nicht tragen. Sie müssen aber an einer Schulung teilnehmen, in der sie lernen, wie man sie benutzt. Es klingt absurd, aber: Bevor die Zugbegleiter die Mini-Kameras einschalten, müssen sie demjenigen, der aufgenommen wird – zum Beispiel, weil er aggressiv ist –, eine Info-Visitenkarten mit Datenschutz-Hinweis geben oder mündlich belehren, dass ab jetzt gefilmt wird. In Notsituationen – etwa wenn zwei Fahrgäste handgreiflich werden – müsse man jedoch nicht noch erst eine Datenschutz-Belehrung geben, sagt Peter Denig, der seine Kollegen in Ein-Tages-Schulungen im Umgang mit der Kamera fit macht.

Peter Denig schult seine Kollegen im Umgang mit der Bodycam.
Peter Denig schult seine Kollegen im Umgang mit der Bodycam.

1750, und damit 30 Prozent der Zugbegleiter im Regionalverkehr, nutzten die Kamera nach Aussage der Bahn jetzt schon. Denig sagt, die Hoffnung sei, dass durch die Schulungen noch mehr Mitarbeiter von deren Nutzen überzeugt werden könnten. Bei einem Preis von 300 bis 400 Euro pro Kamera könne man doch froh sein, dass der Arbeitgeber sie zur Verfügung stelle. Bislang ist es allerdings so, dass die Kamera keinen Ton aufzeichnet, was von Zugbegleitern immer wieder kritisiert worden ist. „Am Ton sind wir dran“, sagt von Zijderveld. Da es sich bei Tonaufnahmen um einen Graubereich handle, bedürfe das einer juristischen Klärung, auch mit dem Bund. Von Herbst an sollen die Kameras, die seit 2024 im Einsatz sind, aber auch Ton aufnehmen. „Von über 500 Vorfällen, bei denen die Bodycams eingeschaltet werden mussten, kam es lediglich in einem Fall zu einem schweren Übergriff“, sagt der Vorstandsvorsitzende der DB Regio.

Die Bahn prüft derzeit auch den Einsatz von künstlicher Intelligenz, Aufnahmen aus den Kameras in den Zügen könnten künftig in Echtzeit an die Verkehrszentralen weitergeleitet werden. Die KI soll die Aufnahme auswerten und Randalierer und Streitende melden. So könnten schnell Einsatzkräfte alarmiert werden. Und sonst? Gibt es Deeskalations- und Selbstbehauptungstrainings und ab Juli auch Versuche mit dem Tragen von stichfesten Westen. Züge sollen, so sagt es DB-Regio-Vorstandsvorsitzender van Zijderveld, „Orte der Sicherheit und des Respekts“ sein.

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