Fragen und Antworten RHEINPFALZ Plus Artikel Können Daimler Truck und BASF von Erdwärme profitieren?

Für die Tiefeneothermie dringen Bohrgeräte bis zu fünf Kilometer in die Erde ein. Das Bild zeigt Arbeiten an einer Anlage in Nor
Für die Tiefeneothermie dringen Bohrgeräte bis zu fünf Kilometer in die Erde ein. Das Bild zeigt Arbeiten an einer Anlage in Norddeutschland.

Der Lkw-Hersteller Daimler Truck will rund um seinen Standort im südpfälzischen Wörth Energie aus Erdwärme gewinnen. Wäre das auch eine Option für die Ludwigshafener BASF?

Deutschland sucht neue Energiequellen. Denn Gas und Öl sind infolge des Ukraine-Kriegs teuer geworden. Hinzu kommt: Um die Pariser Klimaschutzziele zu erreichen, sollten fossile Brennstoffe größtenteils besser in der Erde bleiben. Beides hat dazu geführt, dass Geothermie im Aufschwung ist. Auch die Industrie prüft nun, was möglich und nützlich ist.

Was ist Geothermie?
Im Innern der Erde ist es in etwa so heiß wie auf der Sonne: 6000 Grad. Auch direkt unter der Erdkruste ist es noch heiß: In zwei bis fünf Kilometern Tiefe sind es noch 60 bis 200 Grad. Geothermiekraftwerke nutzen das und fördern heißes Thermalwasser aus tief gelegenen Gesteinsschichten. Die gewonnene Wärmeenergie kann sowohl zum Heizen als auch zur Erzeugung von Strom genutzt werden. Anschließend wird das Tiefenwasser, dem die Wärme entzogen wurde, wieder in die Erde zurückgepumpt. Geothermie – auch Erdwärme genannt – gilt als CO2-neutral und als eine nahezu unerschöpfliche Energiequelle.

Wie kann die Industrie das nutzen?
„Tiefengeothermie kann für einige Branchen einen wichtigen Beitrag als emissionsfreie und grundlastfähige Wärmequelle leisten“, sagt Malte Küper, Referent für Energie und Klimapolitik am Institut der deutschen Wirtschaft in Köln. Als Tiefengeothermie bezeichnet man die Nutzung der Erdwärme in Tiefen zwischen 400 und 5000 Metern. Im Vergleich zur oberflächennahen Geothermie, die insbesondere von Privathaushalten genutzt wird, sind bei der Tiefengeothermie die Temperaturen weitaus höher. Laut Küper ist insbesondere die Verfügbarkeit rund um die Uhr ein echter Vorteil für Unternehmen, bei denen Prozesse das ganze Jahr über durchlaufen. Küper: „Besonders gut geeignet ist die Tiefengeothermie für Anwendungen, bei denen eher niedrige bis mittlere Temperaturen bis etwa 200 Grad benötigt werden.“

Was plant Daimler Truck?
Der zweitgrößte Arbeitgeber in Rheinland-Pfalz, das Lkw-Werk von Daimler Truck in Wörth, will sich künftig mit Energie aus Geothermie versorgen. Zusammen mit dem Energiekonzern EnBW und der Stadt Wörth soll untersucht werden, wo sich auf Wörther Gemarkung die Förderung von Erdwärme lohnen könnte. Ab 2026 – so die Hoffnung – soll mit ersten Testbohrungen begonnen werden, ab 2028 könnte dann, wenn alles nach Plan läuft, der Bau einer Geothermieanlage folgen.

Was verspricht sich Daimler Truck?
Die gewonnene Energie aus der Geothermie-Anlage will Daimler Truck für die Prozess- und Heizwärme an seinem Standort in Wörth einsetzen. Prozesswärme wird in Fabriken beispielsweise zum Schmelzen, Trocknen oder Erwärmen benötigt. Durch die Nutzung von Geothermie habe Daimler Truck „unabhängig von der Jahreszeit eine kontinuierliche, regionale und regenerative Wärmequelle“, zählt eine Unternehmenssprecherin die Vorteile auf. Außerdem könnten so die CO2-Emissionen der bisherigen Wärmeerzeugung am Standort Wörth massiv reduziert werden, wodurch das Unternehmen „einen großen Schritt“ hin zu einer CO2-freien Produktion mache.

Aber auch die Stadt Wörth soll von mindestens 10 Prozent der erschlossenen Energie profitieren, was in etwa dem Anteil entspricht, den die Stadt an Geld für das Projekt beisteuert. Wie hoch die Investitionssumme insgesamt ist, wollte EnBW „zum jetzigen Zeitpunkt“ nicht beantworten. Nur so viel: Man habe einen Antrag auf Förderung beim Bund eingereicht. Wie es heißt, beläuft sich die Investitionssumme auf 57 Millionen Euro, die Stadt soll davon maximal 7 Millionen beisteuern, den Rest teilen sich Daimler Truck und EnBW.

Welche Hürden gibt es?
Der Oberrheingraben, in dessen Gebiet die Stadt Wörth liegt, hat laut Experten sehr viel geothermisches Potenzial. Dennoch könne man bei der Erkundung und Erschließung von Erdwärme Fehler machen, die ein Projekt scheitern lassen, sagt André Deinhardt, Geschäftsführer des Bundesverbands Geothermie in Berlin im Gespräch mit der RHEINPFALZ. In Bezug auf das Projekt in Wörth ist er aber zuversichtlich: „Ich glaube, dass die Akteure, die dort vor Ort sind, erfahren sind, dass das ein gutes Team ist und sie deswegen auch gute Chancen haben.“

Allerdings weiß man auch in Wörth, wie viel Ärger es im 25 Kilometer entfernten Landau noch immer gibt. Dort war das Geothermiekraftwerk 2007 als erstes Erdwärmekraftwerk in Rheinland-Pfalz in Betrieb gegangen. Doch 2013/2014 kam es nach einer Panne zu massiven Bodenhebungen, Anwohner meldeten Risse an Straßen und Häusern, was das Vertrauen in die Technik erschütterte. Inzwischen setzt die Stadtverwaltung wieder stark auf Geothermie: als Lieferant von Fernwärme. Eine Bürgerinitiative kämpft weiter dagegen an.

Um derlei Widerstand zu vermeiden, haben Daimler Truck, EnBW und die Stadt Wörth vereinbart, das Gespräch mit den Bürgern zu suchen und diese über alle Schritte transparent zu informieren.

Was plant die BASF?
Der größte Arbeitgeber in Rheinland-Pfalz, der Ludwigshafener Chemiekonzern BASF, prüft nach Angaben einer Sprecherin die Nutzung von Geothermie und von größeren Wärmepumpen als Möglichkeit zur Erzeugung von emissionsfreiem Dampf für seine Fertigungsprozesse. In Sachen Wärme- und Stromversorgung liege der Fokus derzeit aber auf der Nutzung von Abwärme, Photovoltaik und Wind. Indes könne die Geothermie im Oberrheingraben – politische und gesellschaftliche Unterstützung vorausgesetzt – eine sehr relevante Rolle bei der emissionsfreien Wärmeversorgung von Industrie und Haushalten spielen.

André Deinhardt vom Bundesverband Geothermie sieht das ganz ähnlich: „Die Industrie in Deutschland kann stark von Geothermie profitieren. Denn der Großteil unseres Wärmebedarfs liegt im Gewerbe- und Industriebereich.“ Dazu gehörten Gebäude, die beheizt werden müssen, aber auch die klassische Prozesswärme für die Produktion.

Kann die BASF Geothermie nutzen?
„Ja“, sagt André Deinhardt. Allerdings sei der Energiebedarf einer riesigen Chemie-Fabrik wie der BASF in Ludwigshafen schon ein anderer als der einer großen Lkw-Fabrik: „Tatsächlich ist Geothermie bis zu 200 Grad mit Großwärmepumpen etwas, das für die BASF nutzbar wäre. Aber darüber hinaus wird es wohl, zumindest beim derzeitigen Stand der Technik, für die BASF schwierig.“

Warum zögern manche noch?
Selbst Industrie-Betriebe, für deren Fertigungsprozesse sich Tiefengeothermie lohnen könnte, zögern noch. Denn zum einen entstehen bis zur Inbetriebnahme eines Erdwärmekraftwerks hohe Kosten, beispielsweise durch die Bohrungen in mehreren Kilometern Tiefe (etwa 1 bis 1,5 Millionen Euro pro Kilometer Bohrtiefe). Und nicht immer ist klar, ob die Bohrung erfolgreich sein wird. Allerdings: In geologisch aktiveren Regionen wie dem Oberrheingraben ist dieses Risiko erheblich kleiner.

Zum anderen kann nie ausgeschlossen werden, dass es durch den Druck, mit dem das Wasser nach der Energieentnahme wieder in den Boden gepresst wird, zu Erschütterungen kommt. Viele Experten argumentieren jedoch, dieses Risiko sei inzwischen kontrollierbar.

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