Wirtschaft RHEINPFALZ Plus Artikel Junge Forscher suchen Therapeutikum gegen Corona

165 Corona-Impfstoffprojekte gibt es weltweit, aber nur wenige, die an einem Corona-Therapeutikum forschen.
165 Corona-Impfstoffprojekte gibt es weltweit, aber nur wenige, die an einem Corona-Therapeutikum forschen.

Das bayerische Startup Eisbach Bio kennen derzeit nur Fachleute. Vielleicht bleibt das auch so. Oder aber nächstes Jahr ist der Name in aller Munde. Das liegt am Coronavirus.

An Corona-Medikamenten wird weltweit unter Hochdruck geforscht. 165 Impfstoff-Projekte hat die Weltgesundheitsorganisation bis Ende Juli gezählt. Seitdem sind sieben weitere Impfstoffkandidaten dazugekommen. „Es fallen mir aber weltweit keine fünf ein, die an einem neuen Wirkstoff für bereits Erkrankte forschen“, sagt Adrian Schomburg. Der 37-Jährige ist Mitgründer des Medizin-Startups Eisbach Bio aus Martinsried bei München, das an einem solchen Therapeutikum arbeitet. Schomburg findet die Einseitigkeit fahrlässig. Was, wenn es länger dauert, bis ein wirksamer Impfstoff ohne größere Nebenwirkungen gefunden wird oder wenn das Virus so mutiert, dass der nicht mehr wirkt? Es gibt auch Viren wie HIV oder Krankheiten wie Hepatitis C, gegen die noch keinen Impfschutz gibt. Dann bräuchte man längerfristig einen Wirkstoff für Corona-Erkrankte.

Geht alles gut, hat Eisbach Bio den Mitte 2021 produktionsreif. Womöglich braucht man ihn dann nicht mehr, weil gute Impfstoffe zur Verfügung stehen. Auch bei der weiteren Entwicklung kann noch einiges schiefgehen. Schomburg: „Die Chance liegt bei 10 bis 20 Prozent, dass es funktioniert“, schätzt er. Das entspricht einer Sechs beim Würfeln.

Kommt die, sind die Marktchancen immens. „Das wäre Blockbuster-Potenzial“, sagt der Molekularbiologe. Das hat auch ein Gönner des erst Anfang 2019 von Schomburg und dem Biochemiker Andreas Ladurner gegründeten Unternehmens erkannt. Eine einstellige Millionensumme habe der für die Erforschung des Corona-Medikaments zur Verfügung und noch mehr in Aussicht gestellt, sagt Schomburg. Namentlich wolle der Spender nicht genannt werden. Nach dem antiviralen Wirkstoff haben sich auch schon Regierungen erkundigt, sagt Schomburg. Weil die Forschung in Martinsried weitere Begehrlichkeiten weckt, sei man auch von staatlichen Spezialisten für Cyberkriminalität in Gefahrenabwehr unterrichtet worden. Denn schon der technologische Ansatz von Eisbach Bio ist nach Ansicht seiner Gründer einzigartig.

Gezielte Suche nach Wirkstoff

Zum einen suchen die Martinsrieder gezielt nach einem Corona-Wirkstoff und probieren nicht nur nach dem Zufallsprinzip für andere Krankheiten zugelassene Medikamente aus. Remdesivir der US-Firma Gilead, eigentlich ein Ebola-Medikament, gilt in der Kategorie derzeit als das wirksamste, hat aber erhebliche Nebenwirkungen. Eisbach Bio versucht dagegen, dem Coronavirus die Fähigkeit zur Ausbreitung zu nehmen, indem sie mit speziellen Molekülen ein Eiweiß angreifen und es lahmlegen, das der Erreger zur Reproduktion essenziell benötigt. „Wir kleben ein Schloss zu, mit dem das Coronavirus seine Erbinformationen in unseren Zellen öffnet und ablesbar macht“, veranschaulicht Schomburg. Gegründet wurde Eisbach Bio, um mit dieser Methode ein Mittel gegen Krebs zu finden. Dann kam Corona. „Ich habe mir am Rechner die Gensequenz des Virus angesehen und erkannt, dass da ein Eiweiß ist, das unserem Zielprotein bei Krebs ähnlich ist“, sagt er. Insofern war auch Glück im Spiel. Dann kam der neue Investor, das Team wurde flugs von zehn auf 15 Forscher aufgestockt und im Schichtmodell mit Mundschutz 24 Stunden rund um die Uhr gearbeitet. Gemessen an den in der Branche üblichen Entwicklungszeiten kamen erste Erfolge sehr rasch.

Ein Virus auf diese Art zu bekämpfen sei zudem grundsätzlich arm an Nebenwirkungen und relativ resistent gegen Mutationen, sagt Schomburg. Dazu kämen niedrige Kosten. Eine voraussichtlich ein- bis zweiwöchige Therapie würde deutlich unter 100 Euro kosten, stellt der Jungunternehmer in Aussicht. Bei einem Impfstoff gegen das Virus seien dagegen Preise von 1000 Euro je Dosis im Gespräch. Das könnten sich die Gesundheitssysteme armer Länder nicht flächendeckend leisten, weshalb ein Wirkstoff gegen das Virus auch deshalb Sinn ergibt.

Ziel: Kontrolle behalten

Im Labor habe man das bereits wirksam bekämpft, sagt Schomburg. Demnächst würden Tierversuche beginnen. Bis Ende des Jahres wisse man, ob die Nebenwirkungen im Rahmen bleiben und könnte Anfang 2021 beginnen, den Wirkstoff an ersten Corona-Patienten zu erproben. Denn lax oder gar nicht testen wie derzeit offenbar in Russland der Fall, kommt für die Bayern nicht in Frage. Gleiches gilt für die Optionen, einen Staat bevorzugt zu beliefern oder die gesamte Forschung zu verkaufen. „Für kein Geld der Welt“, wollten er und Ladurner die Kontrolle aus der Hand geben. „Wir wissen, was zu tun ist und sind die einzigen die diese Technologie haben“, sagt Schomburg.

Unsere Meldung über den rheinland-pfälzischen Konzern Boehringer Ingelheim, der ebenfalls an einem Medikament forscht, finden Sie hier.

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