Druckmaschinen
Heidelberg will großes Stück vom Kuchen
Aus kleinen Anfängen hat sich inzwischen ein Geschäftsfeld entwickelt, von dem sich Heidelberg sehr viel verspricht und Vorstandssprecher Rainer Hundsdörfer „schon fast euphorisch stimmt“: Ladestationen für E-Automobile, sogenannte Wallboxen. Der Umsatz hat sich innerhalb dreier Jahre mit rund 100 Mitarbeitern auf 20 Millionen Euro vervierfacht und soll jährlich im mittleren zweistelligen Prozentbereich zulegen, hat derzeit aber noch einen geringen Anteil am Gesamtumsatz von 1,93 (2019/20: 2,34) Milliarden Euro. Mit dem Ausbau der Produktion, was weitere Stellen schaffen könnte, reagiert das Unternehmen auf das zunehmende Interesse. Inzwischen ist die Druckmaschinen AG mit einem Anteil von 20 Prozent bei privaten Ladestationen Marktführer bei Ladeinfrastruktur.
Das Geschäft ist nun in eine eigene Gesellschaft – HEI Charge GmbH – ausgegliedert und seit Mittwoch im Handelsregister eingetragen. Neben dem Ausbau strebt das Unternehmen auch strategische Partnerschaften an. Einen Gang an die Börse hält Hundsdörfer für möglich. In der E-Mobilität werde der Kuchen gerade aufgeteilt „und wir sind dabei, uns ein großes Stück herauszuschneiden“.
Plus im Digitalgeschäft
Im größten Einzelmarkt China, dem nicht zuletzt durch gestiegenes Umweltbewusstsein und den boomenden Onlinehandel prosperierenden Verpackungsdruck, aber auch digitalen Geschäftsfeldern sieht das Unternehmen Potenzial, profitabel zu wachsen. Deutliche Umsatzzuwächse von mehr als 140 Millionen Euro erhofft sich Heidelberg im Verpackungsdruck. Die Erlöse aus digitalen Geschäftsmodellen sollen sich auf 450 Millionen mehr als verdoppeln. Dabei setzt Heidelberg auf die Umstellung von Vertragsmodellen vor allem in China. Dort habe man eine Softwarelizenz eigentlich nur einmal verkaufen können, bemerkte Hundsdörfer, weil dort viel kopiert werde. Künftig sollen Kunden auch dort für die Maschinennutzung inklusive Software bezahlen. „Davon versprechen wir uns viel“.
Beim Druck von Faltschachteln und Etiketten ist Heidelberg inzwischen weltweit die Nummer 1. Nicht zuletzt durch die Gallus-Gruppe, in der das Etikettendruckgeschäft gebündelt ist. Die Corona-Pandemie, die die Druckmaschinen AG rund 220 Millionen Euro gekostet habe (etwa die Hälfte davon durch Kurzarbeitergeld kompensiert), verstärkte den Wunsch, Gallus zu verkaufen. Doch das Geschäft platzte, weil die Schweizer Benpac AG den Kaufpreis von 120 Millionen Euro bis Ende Januar nicht gezahlt hat. Zwei Verfahren auf Schadenersatz – gegen den Eigentümer sowie gegen die Benpac-Holding – sind anhängig. Einen neuen Anlauf zum Verkauf will das Unternehmen aber nicht mehr starten. „Die Notwendigkeit ist nicht mehr da“, sagte Hundsdörfer.
Stärkerer Stellenabbau
Dem Ziel, ab 2023 dauerhaft 170 Millionen Euro einzusparen, vor allem durch Stellenabbau, ist das Unternehmen ein großes Stück näher gekommen. 85 Millionen Euro seien im abgelaufenen Geschäftsjahr bereits erreicht worden. Der Stellenabbau werde aber stärker ausfallen als zunächst angekündigt. Weltweit 1900, statt 1600 (davon 1000 am größten Produktionsstandort Wiesloch-Walldorf), sollen es sein und am Ende werde die Belegschaftsgröße deutlich unter 10.000 liegen, sagte Finanzvorstand Marcus A. Wassenberg. Zum Vergleich: Im Jahr 2000, vor dem globalen Einbruch des Markts mit klassischen Druckmaschinen und lange vor der Wirtschafts- und Finanzkrise, waren noch rund 25.000 Menschen bei Heidelberg beschäftigt. Derzeit sind es weltweit noch 10.212 (2020: 11.316), davon 4401 (4931) in Wiesloch.
Nicht nur bei der Kostensenkung, auch beim Abbau von Finanzverbindlichkeiten von 471 auf jetzt 271 Millionen Euro, ist das Unternehmen vorangekommen und hat sich damit weiter Luft verschafft. Trotz Pandemie stieg das operative Ergebnis (ohne Restrukturierungskosten) im Vergleich zum Geschäftsjahr 2019/20 um 25 Prozent auf 146 Millionen Euro. Nach Steuern weist Heidelberg zwar immer noch einen Verlust aus. Doch der ist mit 43 Millionen Euro deutlich geringer als im Vorjahr, als unterm Strich Minus 343 Millionen Euro standen.
Durchbruch nach vielen Anläufen
Die Geschichte der Heidelberger Druckmaschinen AG entwickle sich „von einer Restrukturierungs- zu einer Wachstumsstory“, sagte Hundsdörfer. Er ist sicher, dass der Weltmarktführer bei Bogenoffset-Maschinen nach vielen Anläufen „endlich“ den Durchbruch geschafft hat und jetzt aufgrund des Know-hows auch bei Software zum „Gamechanger“ für die Verpackungsindustrie werde.