Wirtschaft Die Häutungen der Anilin

Zusammen mit dem russischen Konzern Gazprom fördert die Wintershall schon seit mehr als zehn Jahren Erdgas in Russland. Unser Bi
Zusammen mit dem russischen Konzern Gazprom fördert die Wintershall schon seit mehr als zehn Jahren Erdgas in Russland. Unser Bild zeigt eine Bohrung im Urengoi-Feld in Sibirien.

«Ludwigshafen». Die eingeleitete Trennung der Ludwigshafener BASF von der in der Kasseler Wintershall Holding GmbH konzentrierten Öl- und Gassparte ist eine weitere von vielen – nicht immer gelungenen – Häutungen, die den Zuschnitt des Chemiekonzerns verändert haben.

Die BASF will, wie berichtet, ihre 100-prozentige Tochter Wintershall mit der Dea fusionieren und das neue Unternehmen später an die Börse bringen. Die Dea gehört der Luxemburger Investmentgesellschaft Letter One des Milliardärs Michail Fridman, der als einer der reichsten Russen gilt. Fridman hat 2014 dem Energiekonzern RWE 5,1 Milliarden Euro für die Übernahme ihrer Öl- und Gas-Tochter Dea gezahlt. Der Oligarch hat die Dea damals der BASF, die ebenfalls an einer Übernahme interessiert war, vor der Nase weggeschnappt. Während weltweit die Konzentration von Konzernen auf wenige Geschäftssegmente in Mode ist, steht die BASF mit ihrem Geschäftsmodell des durchintegrierten Konzerns in der Chemiebranche allein auf weiter Flur. Die Segmente reichen noch vom Öl- und Gasfördern bis zur Hightech-Chemie in Feldern wie Pharmawirkstoffen oder Batteriematerialien. Der Umbau durch Verkäufe, Zukäufe und Forschungserfolge zieht sich als roter Faden durch die BASF-Geschichte. Gegründet wurde die einstige Badische Anilin- & Soda-Fabrik (BASF) zur Herstellung von Farbstoffen aus Steinkohlenteer vor allem zur Färbung von Textilien. Anilin wird zur Herstellung des Farbstoffs Indigo eingesetzt. Seit 1973 heißt die Firma nur noch BASF. Die Langform ist Geschichte – genau so, wie es die Textilfarben sind, mit denen alles begann. In ihrem Lebenszyklus werden aus einst teuren Hochtechnologie-Produkten billige Massenwaren. An denen verliert die auf Forschung und hohe Renditen ausgerichtete Anilin, wie die BASF heute noch genannt wird, dann das Interesse. Ein Beispiel für diese Entwicklung sind Düngemittel. Nach der Entwicklung des Haber-Bosch-Verfahrens nahm die BASF 1913 im Werk Oppau die erste Ammoniakfabrik der Welt in Betrieb. Aus Ammoniak kann man Dünger und Sprengstoff machen. Die Erfindung war einerseits ein Schritt zur Bekämpfung des Hungers in der Welt. Andererseits wurde sie im Ersten Weltkrieg von den deutschen Militärs zur Herstellung von Munition genutzt. Ohne die Ammoniak-Synthese wäre Deutschland schnell das Pulver ausgegangen, sagen Historiker. Ohne die BASF wäre der Erste Weltkrieg 1915 vorbei gewesen. Der Konzern hat vom staatlich subventionierten Ausbau der Ammoniak-Anlagen profitiert. Nach dem Krieg war er Weltmarktführer bei Dünger. 2012, fast 100 Jahre danach, schloss das Unternehmen mit dem Verkauf der Dünger-Aktivitäten am BASF-Standort Antwerpen an die russische Euro-Chem-Gruppe den Rückzug aus diesem Geschäft ab. In Ludwigshafen produziert die BASF weiter Dünger – als ohnehin anfallendes Nebenprodukt in der Wertschöpfungskette. Vertrieben wird der Dünger von Partnerfirmen wie Euro-Chem. Seit 2010 hat sich die BASF von Geschäftsteilen mit einem Jahresumsatz von 21 Milliarden Euro getrennt und Aktivitäten dazugekauft, die es auf einen Umsatz von 5,5 Milliarden bringen. Der Verkauf der BASF-Pharmasparte an den US-Konzern Abbott im Jahr 2001 erscheint aus heutiger Sicht als Fehlentscheidung. Denn damit wurden auch die Rechte an Anti-TNF-Wirkstoffen abgegeben, die unter anderem zu den sehr erfolgreichen Rheumamitteln Humira und Enbrel weiterentwickelt wurden. Humira liegt mit einem Jahresumsatz von 16,5 Milliarden Dollar (14,1 Mrd Euro) weltweit auf Platz eins aller Medikamente. Einschließlich Enbrel lag der Umsatz der Entzündungshemmer mit sehr hohen Umsatzrenditen bei knapp 22 Milliarden Euro. Das ist mehr als der Umsatz jedes einzelnen BASF-Segments und auch mehr als der Pharma-Umsatz des Leverkusener Bayer-Konzerns. Es gibt zwei Anhaltspunkte dafür, dass die BASF den Abschied vom Energiegeschäft von langer Hand geplant hat. Erstens hat sie 2013 mit dem russischen Gaskonzern Gazprom ein großes Tauschgeschäft vereinbart. Gazprom bekam den 50-Prozent-BASF-Anteil am gemeinsam betriebenen Gashandel. Damit gab die BASF 12 Milliarden Euro Jahresumsatz ab. Dafür bekam sie Gasförderrechte in Russland. Ohne Gashandel ist die Fusion und Ausgliederung der Wintershall einfacher geworden. Zweitens wurde 2014 der indische BASF-Manager Sanjeev Gandhi in den Vorstand berufen und nicht der damalige Wintershall-Chef Rainer Seele, der ebenfalls als Kandidat für die oberste Führungsebene galt. Damit wurde deutlich, dass der BASF-Führung das Asien-Pazifik-Geschäft, das Gandhi seither leitet, wichtiger ist als das Energiegeschäft. Seele, der in der Branche einen exzellenten Ruf und sehr gute Kontakte zur russischen Energiewirtschaft hat, wechselte 2015 an die Spitze des österreichischen Ölkonzerns OMV. Leitartikel

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