Russland
Der Rubel stürzt ab
Die Wechselkasse in der Bank „Oktrytije“ in Tscheboksary an der Wolga hatte vor ein paar Tagen ein günstiges Angebot: Sie zahlte für einen Euro 96,30 Rubel und verkaufte ihn für 102 Rubel. Kundschaft war aber nicht zu sehen. Mit großer Nachfrage der Bevölkerung ist der steigende Euro-Kurs also kaum zu erklären. Igor, ein örtlicher Autoreifenhändler, erklärt: „Wer kann noch etwas mit Hartwährung anfangen? Ich weiß gar nicht mehr, wie ein Euro-Schein aussieht?“
Ende vergangener Woche war der Euro an der Moskauer Börse bei 102 Rubel gehandelt worden. Damit kletterte die EU-Währung zum ersten Mal seit dem 29. Februar 2022 auf über 100 Rubel – und hält sich seither in dem Bereich. Auch der US-Dollar gewann an Wert. „Panik hat den Markt erfasst“, kommentierte Michail Selzer vom Börsenportal BKS Ekspress vergangene Woche die Entwicklung.
Schon nach dem Beginn der „Kriegsspezialoperation“ Putins im Februar 2022 gegen die Ukraine trieb spontane Panik den Euro-Preis auf über 100 Rubel. Dann aber erholte sich die russische Währung mit enormem Tempo, zwischenzeitlich sank der Euro auf 57 Rubel. Vor allem, weil Russlands Importe wegen der westlichen Sanktionen einbrachen, während Europa weiter russische Rohstoffe zu hohen Krisenpreisen kaufte.
Sanktionen treffen Exporte
Aber inzwischen richten sich die Sanktionen vor allem gegen die Exporte. Europa konsumiert kaum noch russisches Gas, der Ölpreis wurde gedeckelt, Russland muss seine Brennstoffe oft halblegal und mit großen Preisnachlässen verkaufen.
Nach Angaben des russischen Finanzministeriums sanken die Steuereinnahmen durch Öl- und Gasexporte im ersten Halbjahr 2023 gegenüber dem gleichen Vorjahreszeitraum um fast die Hälfte auf 3,38 Billionen Rubel (also 33,8 Milliarden Euro). Auch weil die Exporteure aufgrund der vom Kreml ausgerufenen „Dedollarisierung“ jetzt statt Dollar nur Rubel bekommen.
Umgekehrt erhöhen wieder wachsende, wenn auch oft graue Importe den Bedarf an Dollar und Euro. „Wenn wir die Zeit zwischen Januar und Mai dieses und vergangenes Jahr vergleichen, ist der Export um ungefähr 40 Prozent gefallen, der Import um etwa 15 Prozent gestiegen“, sagte Zentralbankchefin Elvira Nabiullina und erklärte den Rubelsturz mit „objektiven Wirtschaftsfaktoren“. Die Vermutungen, der Staat drücke absichtlich den Rubel, seien Verschwörungstheorien, betonte sie.
Haushaltsdefizit sinkt
In der Tat profitiert der russische Fiskus zumindest kurzfristig von steigenden Hartwährungskursen. Seine Rubeleinnahmen aus jedem Öl-Dollar stiegen seit Jahresbeginn um 30 Prozent. Laut einer Verlautbarung des Finanzministeriums ist das Loch im Jahreshaushalt, das im Mai bei 34 Milliarden Euro lag, wieder auf 29 Milliarden Euro gesunken. Stimmt das, dürfte das vor allem am schwachen Rubel liegen.
Aber die Rubel, die der Staat jetzt Rentnern oder Rüstungsarbeitern zahlt, verlieren auch im Inland an Wert. Die offizielle Jahresinflationsrate von zurzeit 3,43 Prozent wirkt immer fragwürdiger. Nur noch wenige Russen machen Urlaub oder shoppen gar im Ausland, vor allem Menschen vom Land sehen Dollar oder Euro als unnützen Luxus.
Preiserhöhungen angekündigt
Erst im April stiegen etwa die Pkw-Preise um rund 10 Prozent. Jetzt sagten Autohändler der „Rossijskaja Gaseta“ weitere Erhöhungen um 10 bis 20 Prozent voraus. Und laut der Zeitung „Kommersant“ kündigten Großhändler Haushalts- und Elektronikketten schriftlich schon 10-prozentige Preiserhöhungen für August an.
Igor, der Reifenhändler, sagt, er verkaufe fast nur noch russische, chinesische und koreanische Produkte. Aber auch er argwöhnt, seine Zulieferer könnten die Preise erhöhen. „Der steigende Dollar ist immer ein glänzender Vorwand.“