Brauereien
Bier-Weltmeister? Nicht wir!
Die Deutschen fühlen sich in vielen Belangen an der Spitze, etwa im Export und in puncto politische Stabilität. Sie gelten als Urlaubsweltmeister, haben das Oktoberfest zu einer globalen Vergnügungsmarke gemacht und rühmen sich auch sonst in Sachen Bier einer umfassenden Autorität. Mythisch gar ist dieser Anspruch dank des deutschen Reinheitsgebots aus dem Jahr 1516.
Doch ausgerechnet beim Blick ins golden blinkende Glas machen die Schweizer ihren nördlichen Nachbarn einen Strich durch die Rechnung. Bezogen auf die Einwohnerzahl zählen sie nämlich heutzutage die meisten Brauereien. Aktuell sind es nach den Angaben der Eidgenössischen Zollverwaltung 1215, das sind gut 130 Braustätten auf eine Million Einwohner im Land.
Auch die Tschechen sind stark
Das bedeutet die Goldmedaille. Danach kommt lange nichts, erst in weiter Ferne tauchen Länder wie Tschechien mit einer Brauereidichte von 58 und Slowenien mit 50 Betrieben auf. Von Deutschland gar nicht zu reden. Die Bundesrepublik muss sich mit 19 Brauereien je eine Million Einwohner und damit Rang 17 in Europa zufriedengeben. Man liegt damit sogar hinter dem großen Konkurrenten Belgien, der den elften Platz innehat.
Wie kommt es, dass die Eidgenossen unter so vielen Brauereien wählen können? Wie in anderen Ländern beherrschen große Konzerne den Markt, in diesem Fall sind es vor allem Carlsberg mit Feldschlösschen in Rheinfelden an der Grenze zu Deutschland und Heineken mit Calanda in Chur. Aber selbst in Bündner Bergtälern und anderen Randregionen gibt es lokale Brauereien. Und das prägt die Schweiz als Bierland, nicht der eher unterentwickelte Durst auf den Gerstensaft – hier blieben die Eidgenossen übrigens 2020 klar hinter dem EU-Durchschnitt zurück.
Craft Beer liegt im Trend
Dass aber in der Schweiz allerorts die Kleinbrauereien mit ihren „Craft Bieren“ gedeihen, wird durch den ungebrochenen Wunsch der Konsumenten nach besonderen, nachhaltigen und regional verankerten Produkten begünstigt. Viele eidgenössische Hobby-Braumeister stehen bereit, den Wunsch zu befriedigen – obwohl viele Mini-Betriebe unter oder nur hart an der Gewinnschwelle arbeiten dürften. Die Begeisterung für das Metier stehe im Vordergrund, meint Christoph Lienert vom Schweizer Brauerei-Verband.
Der langjährige Aufschwung spricht für sich. Selbst im Corona-Jahr 2020 sind rund 80 Brauereien entstanden. Eine ähnliche Anzahl in diesem Jahr würde Lienert nicht überraschen. Von den gut 1200 Betrieben im Land verkaufen schon jetzt knapp 900 weniger als 20 Hektoliter im Jahr. Die Marktführer bringen es dagegen auf über 100.000 Hektoliter.
Noch müssen die deutschen Bierbrauer aber nicht verzweifeln. Ihr Gerstensaft ist und bleibt ein Exportartikel, der auch in der Schweiz seine Kunden findet. So locken in Coop-Supermärkten unter anderem Erdinger Weißbier und das „Tannenzäpfle“ der Rothaus Bräu im Schwarzwald.