Wirtschaft Betriebe fühlen sich eingeengt
Ludwigshafen. In der Debatte um neue Arbeitsregeln fordern die Arbeitgeber der Metall- und Elektroindustrie die Möglichkeit, die tägliche Arbeitszeit ausdehnen zu können. Auch die derzeit geltenden Ruhezeiten werden infrage gestellt.
40 Stunden oder lediglich 35 Stunden pro Woche arbeiten – auf solche einfache Formeln lässt sich die Debatte um die Arbeitszeit heute nicht mehr reduzieren. Flexible Arbeitszeiten sind in vielen Betrieben und Behörden längst Realität, manch einer arbeitet nicht nur im Büro, sondern auch von zuhause aus, das Handy ermöglicht Erreichbarkeit quasi rund um die Uhr. Längst geht es nicht mehr nur um die Frage, wie lange gearbeitet werden soll, sondern auch wann und wo – und darum, was überhaupt unter Arbeitszeit zu verstehen ist. All das macht Lösungen des Streits nicht einfacher. Das weiß auch die IG Metall. Die größte deutsche Einzelgewerkschaft hat die pauschale Arbeitszeitverkürzung für alle ad acta gelegt. Stattdessen fordert sie, dass die Beschäftigten stärker als bisher mitentscheiden können, wann und wie viel sie arbeiten. Die Arbeitgeberseite hält dagegen, fordert mehr Flexibilität für die Betriebe und eine Lockerung bestehender Arbeitszeit-Regeln. Um ihren jeweiligen Forderungen Nachdruck zu verleihen, greifen beide Seiten zum gleichen Mittel: Sie befragen die Betroffenen, also Beschäftigte und Unternehmen. Während die IG Metall die Ergebnisse einer großangelegten Arbeitszeit-Umfrage erst in einigen Wochen präsentieren wird, treten der Arbeitgeberverband Gesamtmetall und seine regionalen Verbände schon einmal mit eigenen Zahlen an die Öffentlichkeit. Demnach sind 43 Prozent der befragten Betriebe in der Pfalz dafür, die gesetzliche Zehn-Stunden-Grenze bei der täglichen Arbeitszeit aufzugeben, nennt Pfalzmetall-Präsident Johannes Heger eines der Ergebnisse. Statt dieser täglichen Höchstgrenze plädieren die Arbeitgeber für eine „wochenbezogene Betrachtung“ der Arbeitszeit – wobei an der wöchentlichen Höchstgrenze von 48 Stunden nicht gerüttelt werden soll. Auch die vorgeschriebenen Ruhezeiten passten „nicht mehr in unsere Zeit, die durch Smartphones, mobiles Arbeiten“ und hohe Flexibilisierungsansprüche geprägt sei, sagt Heger. So sei ein Drittel der Metall- und Elektrobetriebe in der Region dafür, die per Gesetz vorgeschriebene Ruhezeit von mindestens elf Stunden zu reduzieren. Was aber sagen die Mitarbeiter zu solchen Vorstellungen, die die IG Metall umgehend zurückwies? Auch darauf hat Gesamtmetall eine Antwort – in Form einer bundesweiten Umfrage unter 1000 Arbeitnehmern. Demnach können sich gut drei Viertel der Befragten (77 Prozent) vorstellen, an manchen Tagen länger als zehn Stunden zu arbeiten. 62 Prozent sind dazu allerdings nur bereit, wenn sie das selbst wollen; die übrigen 15 Prozent würden auch auf Anordnung länger arbeiten. Gut die Hälfte der Befragten (52 Prozent) könnte zudem mit kürzeren Ruhezeiten leben – wobei das wiederum 40 Prozent an die Bedingung knüpfen, dass sie ihre Arbeitszeit mitgestalten können. Die „ständige Erreichbarkeit“ ist ausweislich der Umfrage ein weit verbreitetes Phänomen – 70 Prozent der Befragten gaben an, auch außerhalb der üblichen Arbeitszeit erreichbar zu sein. Allerdings werde diese Erreichbarkeit nur bei 2 Prozent der Befragten vom Arbeitgeber gefordert. Gesamtmetall-Präsident Rainer Dulger zieht aus beiden Befragungen den Schluss: Die Beschäftigten in der Branche seien beim Thema Arbeitszeit überwiegend zufrieden, die Situation sei „rundweg gut“. Johannes Heger von Pfalzmetall sieht seinerseits Arbeitgeber und Arbeitnehmer einig darin, dass die Arbeitszeitregeln „an die betrieblichen und individuellen Bedürfnisse“ anzupassen seien, weshalb jetzt der Gesetzgeber aktiv werden müsse. Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles (SPD) legte im vergangenen Herbst ein „Weißbuch Arbeiten 4.0“ vor. Nahles schlug vor, dass Gewerkschaften und Arbeitgeber auf betrieblicher Ebene in einer zweijährigen Probephase flexiblere Arbeitszeiten testen sollten. Dabei müsse es aber bei klaren Regeln für die maximale Arbeitszeit und die Ruhezeiten bleiben.