Meinung BASF kündigt neue Strategie an: Industrie-Land unter Druck
Von selbst läuft nichts mehr. Die Bedingungen auf den Weltmärkten sind härter geworden. Das merken viele Unternehmen längst sehr deutlich. Das betrifft auch und gerade deutsche Aushängeschilder wie Volkswagen oder BASF. VW hat sich zu lange auf Autokäufer aus China verlassen. Inzwischen haben die Chinesen selbst eine E-Autoindustrie auf- und ausgebaut, die staatlich stark gefördert wird. Auch ausländische Unternehmen können in China effizienter produzieren als in der EU, wenn sie sich mit den höchst umstrittenen politischen Verhältnissen, mit dem System einlassen. Energie ist viel günstiger, es gibt deutlich weniger bürokratische Hürden als hierzulande.
Martin Brudermüller berichtete zudem bei seiner letzten Bilanzpressekonferenz als BASF-Chef im Februar, wie motiviert die chinesischen Arbeiter auf der Großbaustelle im rund zehn Milliarden Euro teuren neuen BASF-Verbundstandort Zhanjiang morgens zur Arbeit fahren würden – und abends nach langer Maloche wieder nach Hause. In Deutschland dagegen werde zu viel Energie darauf verwendet, nach der Vier-Tage-Woche zu rufen.
Die Musik spielt in den USA und in China
Konjunktur und Nachfrage hierzulande schwächeln weiter, Wirtschaftsforscher gehen für 2024 von Nullwachstum aus. Die Musik spielt in den USA und in China. Dort hat die Zentralbank gerade eine Zinssenkung angekündigt, um die Wirtschaft anzukurbeln, die 2023 immerhin um 5,2 Prozent zugelegt hat. China ist der größte Chemiemarkt und der trotz der allgemeinen leichten Eintrübungen der am schnellsten wachsende. Durch die Gewinne in China, so sagte es Brudermüller, könne die BASF Investitionen in Wind- und Solarparks auch in Deutschland und Europa stemmen. Auf grüne Energie zu setzen, ist der einzig richtige Weg. Zunächst aber braucht es dafür viel Geld, das die BASF, die weltweit weiter gut verdient, gerade in Deutschland jedoch nicht erwirtschaftet. Zahlreiche Anlagen im Stammwerk Ludwigshafen sind ob mangelnder Nachfrage aus Deutschland und Europa nicht mehr voll ausgelastet.
Schön für den Standort Deutschland ist das nicht. Es ist die Rechnung für eine jahrelange Party mit dem Glauben vieler, das Wachstumspotenzial sei grenzenlos. Probleme anderswo, etwa hohe Lohn- und Produktionskosten hierzulande, ließen sich lange mit dem in China verdienten Geld übertünchen.
Hohe Qualifikation der Arbeitnehmer eine deutsche Stärke
Deutschlands Stärke ist vor allem die hohe Qualifikation der Mitarbeiter. Mit diesem Pfund und ausreichend Fleiß müssen Arbeitnehmer wuchern. Die Politik, sprich die Ampel, ist nicht an allem schuld. Viele Unternehmen haben interne Fehlentwicklungen und Nachlässigkeiten zu spät registriert. Die BASF intensiviert seit Februar 2023, seit der Ankündigung eines Sparkurses inklusive Stellenabbau, ihr Bemühen um Kostenminderung auch mit der Stilllegung nicht mehr rentabler Produktionsanlagen. Das betrifft in hohem Maße den Standort Ludwigshafen, die Zentrale des weltgrößten Chemiekonzerns. In Ludwigshafen schreibe man schon länger rote Zahlen, war von der BASF-Spitze zu hören. Jährlich rund 2 Milliarden Euro sollen eingespart werden, hieß es bisher. Im Februar 2023 wurde der Abbau von 2600 Stellen kommuniziert, 1800 in Ludwigshafen. Weitere sollen folgen.
Finanziell gebeutelte Stadt blickt gebannt auf die BASF
Nun soll an diesem Donnerstag ein neues Leitbild für Ludwigshafen vorgestellt werden – die Skizze könnte sein: immer noch extrem wichtig, aber wohl etwas kleiner und vorbildlich, was Innovation und Nachhaltigkeit angeht. Die finanziell ohnehin gebeutelte Stadt blickt gebannt bis verängstigt auf das, was der neue BASF-Chef Markus Kamieth verkünden wird. Betriebsbedingte Kündigungen sind Stand jetzt bis Ende 2025 ausgeschlossen.