Interview RHEINPFALZ Plus Artikel BASF-Betriebsratschef: „Reserven der Menschen schwinden“

„Wollen wir noch eine wettbewerbsfähige Industrie in Deutschland?“, fragt der BASF-Betriebsratsvorsitzende Sinischa Horvat. „Wen
»Wollen wir noch eine wettbewerbsfähige Industrie in Deutschland?«, fragt der BASF-Betriebsratsvorsitzende Sinischa Horvat. »Wenn ja, dann müssen wir auch etwas dafür tun«, sagt er.

Die Herausforderungen, vor denen das Stammwerk des Chemiekonzerns in Ludwigshafen steht, sind so groß wie seit Jahrzehnten nicht, sagt der Betriebsratsvorsitzende der BASF SE, Sinischa Horvat. In der Politik geht ihm manches zu langsam. Und für die Chemie-Tarifverhandlungen im Herbst fordert er mehr Kaufkraft für die Menschen. Mit ihm sprachen Adrian Hartschuh, Ralf Joas und Olaf Lismann.

Sie erhalten im September den Medienpreis Goldene Zeile des Bezirksverbands Pfalz des Deutschen Journalisten-Verbands. Sie scheuten sich nicht davor, gegenüber Medien öffentlich Stellung zu beziehen, heißt es dort. Ist das Ihr Naturell oder ist das Ihre Job-Beschreibung?
Anfangs gab es da durchaus eine gewisse Scheu. Andererseits ist es wichtig für mich, als Betriebsratsvorsitzender die Positionen der Arbeitnehmervertretung nicht nur nach innen, sondern auch gegenüber der Gesellschaft zu vertreten. Als ich 2016 Betriebsratsvorsitzender geworden bin, war ich mir nicht sicher, was mich im Umgang mit Journalisten erwarten würde. Davor hatte ich Respekt. Und ich musste da einiges erst einmal kennenlernen und Erfahrungen mit Medien machen. In den vergangenen sechs Jahren waren die aber überwiegend positiv.

Auch Tarifverhandlungen sind ein Anlass, öffentlich Stellung zu beziehen. Im Frühjahr haben sich die Tarifpartner in der Chemieindustrie wegen des Ukraine-Krieges über eine Brückenlösung auf den Herbst vertagt. Wie hat sich die Situation inzwischen verändert?
Auf Zeit zu spielen, war im Frühjahr ein geschickter Schachzug. Über allen Köpfen schwebt immer noch das Damokles-Schwert: Was passiert, wenn der Gashahn ganz zugedreht wird? Das wird sich auch nicht verändern, solange Krieg ist in der Ukraine. Was sich gegenüber damals allerdings dramatisch verändert hat, das ist die Kostenbelastung der Haushalte durch die hohe Inflation. Die Reserven der Menschen schwinden, sie sind vielfach aufgebraucht. Die Belegschaft gibt mir zu verstehen: Es wird schwierig. Das wird in der Tarifrunde eine Rolle spielen müssen.

Wir müssen einen Abschluss erreichen, der die Kaufkraft stärkt. Wenn ich nichts mehr in der Tasche habe, weil ich meine Strom- und Gasrechnung bezahlen muss, dann lässt der Konsum nach. Das bremst die Wirtschaft. Da haben die Menschen eine Erwartungshaltung: Wir brauchen Kaufkraft, sonst geht es weiter nach unten.

Wir haben dabei immer auch ein Augenmerk darauf, bei den Tarifabschlüssen nicht zu überziehen. Wir müssen einen Abschluss erreichen, der den Menschen und den Unternehmen hilft.

Wie ist das Stammwerk auf einen noch schärferen Gasmangel in Deutschland vorbereitet? Für wie groß halten Sie die Gefahr, dass das Stammwerk heruntergefahren werden muss, wenn Putin den Gashahn ganz zudreht?
Die Szenarien sehen Maßnahmen zur Gaseinsparung vor, das funktioniert bis runter auf etwa 50 Prozent der Gasmenge. Bei einem Lieferstopp sind wir vermutlich früher oder später auf die Zuteilung durch die Bundesnetzagentur angewiesen. Deshalb ist es wichtig zu verstehen: Wenn die Chemieindustrie stillsteht, dann werden viele Wertschöpfungsketten unterbrochen – in der Pharmaproduktion, in der Automobilherstellung und an vielen anderen Stellen. Das Stammwerk der BASF in Ludwigshafen ist hier ganz klar systemrelevant. Das sage ich nicht nur als Betriebsratsvorsitzender, der an die Mitarbeiter denkt. Es muss klar sein: Der Strom kommt nicht aus der Steckdose, der Kühlschrank nicht aus dem Elektromarkt und die Arznei nicht aus der Apotheke.

Die BASF ist in China geschäftlich stark engagiert. Dieses Engagement soll mit einem weiteren Verbundstandort dort kräftig ausgebaut werden. Angesichts der Drohungen der Volksrepublik gegenüber Taiwan: Wie bewerten Sie das China-Geschäft der BASF in dieser Hinsicht?
Als Betriebsratsvorsitzender in Ludwigshafen ist es mir wichtig, dass unsere internationalen Engagements nicht zu Lasten des Verbundstandorts in Ludwigshafen gehen. Immerhin reden wir hier über einen Produktions- und Versorgungshub in Deutschland und Europa, den wir aus Krisenerfahrungen heraus so haben wollen. Deshalb haben wir immer wieder Investitionen für Ludwigshafen in Standortvereinbarungen festgeschrieben. Ich kann nachvollziehen, dass die BASF am starken Wachstum der Chemie in China teilhaben will. Man sollte nur nicht naiv sein und das Risiko unterschätzen. Das ist Teil des Risikomanagements.

Wie schätzen Sie die künftige Beschäftigungsentwicklung im Stammwerk Ludwigshafen ein?
Ich bin jetzt 29 Jahre im Unternehmen. Aber wir standen noch nie vor derart großen Herausforderungen wie derzeit. Wir haben den Gasmangel, wir wissen nicht, wo die Energiepreise landen werden. Wir haben die große Transformation vor uns, das Werk CO 2 -neutral zu machen und in großer Menge grüne Energie nach Ludwigshafen zu holen. Da müssen sehr viele Räder ineinandergreifen, damit das funktioniert. Deshalb werbe ich auch in der Politik für Offshore-Windparks, Ausbau des Stromnetzes, eine Wasserstoffleitung vom Norden in den Süden, schnellere Genehmigungsverfahren. Das sind Themen, die müssen jetzt viel schneller angegangen werden, als es bisher geplant war. Wenn wir das nicht hinbekommen, dann sieht es für die Beschäftigung nicht rosig aus. Wollen wir noch eine wettbewerbsfähige Industrie in Deutschland? Wenn ja, dann müssen wir auch etwas dafür tun. Wir brauchen jetzt Geschwindigkeit.

Ist das in der Politik angekommen?
Ich bin überzeugt: Es ist verstanden worden. Aber in der Umsetzung scheint mir einiges noch zu behäbig voranzukommen.

Für viele Unternehmen der deutschen Wirtschaft ist der Fachkräftemangel aktuell eines der größten Probleme? Leidet darunter auch die BASF?
Das trifft die BASF genauso wie andere Unternehmen auch. Wir spüren das im Bereich Produktion, bei den Chemikanten. Dort ist Wechselschicht-Arbeit erforderlich. Und das ist ein harter Job. Aber der Beruf ist in den vergangenen Jahren massiv attraktiver geworden. Die Tätigkeit ist technisch sehr anspruchsvoll, es ist sehr viel IT dazugekommen, da bekommt jeder ein iPad in die Hand. Wir müssen mehr darüber reden, wie attraktiv Industriearbeitsplätze oder technische Berufe sind. Nicht nur, weil gut bezahlt wird. Wir haben die Akademisierung vorangetrieben und ohne Not die Duale Ausbildung vernachlässigt und das Gefühl vermittelt, dass solche Berufe nichts mehr wert sind. Das tut mir weh.

Stichwort Homeoffice: Was ist hier für die BASF die wichtigste Erkenntnis aus den Corona-Jahren?
Der Glanz von Homeoffice ist etwas verblasst. Da hat man sich vor Corona einiges erträumt. Einige Vorstellungen waren überzogen, etwa wie gut damit Beruf und Familie unter einen Hut zu bringen sind. Die Erfahrung zeigt, Home-Office mit kleinen Kindern zu Hause, das geht gar nicht. Schon gar nicht wochenlang ohne geöffneten Kindergarten und geöffnete Schulen. Da sind viele Mitarbeitende auf dem Zahnfleisch gegangen. Da brauchen wir andere Lösungen.

Wir haben aber gelernt, dass wir rasend schnell digitalisieren können, um Homeoffice zu ermöglichen und miteinander zu interagieren. Wir haben auch gelernt, dass die eine oder andere Dienstreise nicht nötig ist. Eine weitere Erkenntnis: Fünf Tage Homeoffice am Stück wollen viele Mitarbeiter nicht. Der soziale Kontakt ist ihnen wichtig. Zwei oder drei Tage pro Woche, das passt vielen besser.

Zur Person

Sinischa Horvat (46) ist seit 2016 Vorsitzender des Betriebsrats der Ludwigshafener BASF SE. Der in Pirmasens geborene und in Ludwigswinkel im Wasgau aufgewachsene Horvat kam 1993 als Auszubildender für Prozessleitelektronik zur BASF und studierte berufsbegleitend Betriebswirtschaftslehre an der Verwaltungs- und Wirtschaftsakademie in Mannheim. Damals trat er gleich in die Chemiegewerkschaft IG BCE ein, wurde Vorsitzender der Jugendvertretung und kam 2002 in den Betriebsrat. Vor seiner Freistellung 2007 war er kaufmännischer Angestellter im Informationsmanagement in Ludwigshafen. Horvat ist verheiratet und hat zwei Kinder.

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