Neustadt
Interview: Musiker Mark Selinger über sein neues Album
Mark, zwischen deinem ersten Album und dem am 29. Mai erscheinenden „Irgendwann“ liegen rund zehn Jahre. Hattest du bewusst das Gefühl, dass jetzt der richtige Zeitpunkt für diese Songs gekommen ist, oder haben sie sich einfach über die Jahre angesammelt?
Tatsächlich haben sich die Songs über die Jahre angesammelt. Der älteste, „Unter einer Decke“, ist zum Beispiel schon 2017 für meine Frau als Überraschung zu ihrem 30. Geburtstag entstanden. Gleichzeitig hatte ich aber seit etwa zwei Jahren dieses klare Gefühl, dass ich diese Songs jetzt veröffentlichen möchte. Irgendwann hat es sich einfach richtig angefühlt, diesen Schritt zu gehen. Auch, weil ich merke, dass meine Fähigkeiten im Producing inzwischen so weit sind, dass die Songs auch klanglich mit aktuellen Produktionen mithalten können. Zumindest empfinde ich das heute so.
Viele Stücke auf dem Album kreisen um Vergänglichkeit, Erinnerung und die Angst davor, dass bestimmte Momente irgendwann zum letzten Mal passieren. Gab es einen konkreten Auslöser für diese Themen oder ist das eher etwas, das mit dem Älterwerden automatisch stärker wird?
Vergänglichkeit ist tatsächlich das zentrale Thema des Albums. Das hat zum einen ganz klar mit dem Älterwerden zu tun, also mit einem veränderten Blick auf Zeit. Zum anderen spielt aber auch die Geburt meiner Tochter eine große Rolle. Seit diesem Moment habe ich das Gefühl, dass Zeit noch einmal anders läuft — vieles wirkt intensiver, aber auch schneller und flüchtiger.
Der Titelsong „Irgendwann“ wirkt sehr persönlich und beschreibt alltägliche Situationen mit großer emotionaler Wirkung. Wie autobiografisch darf man diesen Song lesen?
Der Song ist zu 100 Prozent autobiografisch. Er gehört wahrscheinlich zu den persönlichsten Liedern, die ich je geschrieben habe. Jede Zeile ist eng mit meiner eigenen Lebensrealität verbunden und spiegelt meine Gedanken und Gefühle sehr direkt wider.
Auffällig ist, dass deine Texte oft mit sehr einfachen, alltäglichen Bildern arbeiten — etwa Oktoberabende draußen, Treppenstufen, schlaflose Nächte oder „unter einer Decke liegen“. Entstehen solche Bilder bewusst oder eher intuitiv beim Schreiben?
Das freut mich sehr, dass genau das so ankommt — denn genau das war auch die Idee dahinter. Ich wollte bewusst mit einfachen, alltäglichen Bildern arbeiten, die jeder kennt, um darüber Emotionen zu transportieren. Vereinzelt entstehen diese Bilder aber auch ganz intuitiv im Schreibprozess und entwickeln sich gemeinsam mit der Musik.
Songs wie „Immer nur bei Nacht“ oder „Wo geht die Reise hin“ handeln von Unsicherheit, Grübeln und Orientierungssuche. Ist Songwriting für dich eine Möglichkeit, solche Gedanken zu ordnen?
Auf jeden Fall. Songwriting ist für mich ein Ventil, um solche Gedanken und Gefühle zu verarbeiten. Gleichzeitig ist es aber auch eine Möglichkeit, sie zu sortieren und greifbar zu machen. Und ich hoffe, dass die Songs auch anderen helfen, sich in diesen Themen wiederzufinden.
Obwohl viele Texte melancholisch wirken, haben sie selten etwas Resigniertes. War dir wichtig, dass die Songs trotz aller Nachdenklichkeit immer auch Hoffnung oder Wärme behalten?
Ja, das war mir sehr wichtig. Die Songs dürfen ruhig nachdenklich und melancholisch sein, aber sie sollen nie komplett schwer oder ausweglos wirken. Mir war wichtig, dass immer ein kleiner Funken Hoffnung oder Wärme bleibt — einfach, weil das für mich auch näher am echten Leben ist.
Du bist Lehrer, Familienvater und seit vielen Jahren regelmäßig live auf der Bühne. Wie schwierig ist es, Musik, Alltag und Familie miteinander zu verbinden?
Ehrlich gesagt ist das inzwischen grundsätzlich gut machbar, aber natürlich auch ein ständiger Balanceakt. Familie und Beruf haben völlig zu Recht einen großen Stellenwert im Alltag. Umso dankbarer bin ich, dass ich dabei so viel Unterstützung von meiner Familie bekomme. Das ist wirklich nicht selbstverständlich und ich weiß das sehr zu schätzen. Ohne diesen Rückhalt wäre das in dieser Form nicht möglich.
In deinen Songs geht es oft um Vergänglichkeit, Orientierung, Zweifel und die Frage, was am Ende bleibt. Gleichzeitig arbeitest du als Religionslehrer — also in einem Beruf, in dem solche Themen ebenfalls immer wieder auftauchen. Gibt es für dich einen Zusammenhang zwischen deinem Beruf und deinem Songwriting?
Ja, den gibt es auf jeden Fall. Diese Fragen nach Sinn, Orientierung und Vergänglichkeit begegnen mir im Unterricht regelmäßig. Gleichzeitig merke ich aber auch, wie sehr sich die Lebenswelten von Jugendlichen verändern. Das führt dazu, dass ich selbst immer wieder neu hinschauen und zuhören muss. Diese Erfahrungen fließen dann auch in meine Musik ein.
Das Album ist komplett in Eigenregie entstanden — vom Schreiben bis zum Mixing und Mastering. War das eine bewusste Entscheidung aus künstlerischer Freiheit heraus oder eher aus der Situation entstanden?
Das war eine ganz bewusste Entscheidung. Einerseits wollte ich für mich selbst herausfinden, ob ich in der Lage bin, Songs komplett eigenständig so zu produzieren, dass sie sich auch mit modernen Produktionen messen können. Andererseits hatte ich das Gefühl, dass genau diese Unabhängigkeit dazu beiträgt, dass die Songs ihre persönliche und emotionale Tiefe behalten.
Wenn du heute auf den jungen Musiker zurückblickst, der vor zehn Jahren mit „hauptsache online“ gestartet ist: Was hat sich bei Mark Selinger als Songwriter am stärksten verändert?
Ich glaube, am stärksten hat sich die Tiefe meiner Songs verändert. Sie sind heute persönlicher, ehrlicher und auch mutiger geworden. Gleichzeitig merkt man, denke ich, dass ich musikalisch und menschlich in diesen zehn Jahren gewachsen bin und dadurch eine andere Reife in meine Texte gekommen ist.
Und ganz zum Schluss: Wo geht die Reise hin?
Das kann ich selbst nur teilweise beantworten. Ich glaube, das Leben ist einfach zu vielseitig, um einen festen Plan zu haben. Beruflich und vor allem familiär habe ich aber das Gefühl, gut angekommen zu sein — dafür bin ich sehr dankbar. Musikalisch möchte ich mir weiterhin die Freiheit bewahren, genau das zu machen, was sich für mich richtig anfühlt. Beim Picknick-Konzert in Mußbach geht es genau darum: ein offenes Format, in dem Musik, Literatur und Begegnung zusammenkommen. Begleitet werde ich dort von Peter Ihle am Piano und Lars Müller am Schlagzeug — zwei langjährigen Freunden, mit denen mich nicht nur die Musik, sondern auch eine sehr lange gemeinsame Geschichte verbindet. Genau diese Vertrautheit trägt viel zu dem besonderen Gefühl auf der Bühne bei.
Termin
„Picknick Konzert“ mit dem „Mark Selinger Trio“ am Sonntag, 7. Juni, 17 bis 20 Uhr, Neustadt-Mußbach, Herrenhof, An der Eselshaut 18. Eintritt nach dem Prinzip „Pay What You Want“.
Zur Person: Mark Selinger
Geboren wurde Selinger 1987 als Sohn einer Klavierlehrerin. Er wuchs in Mußbach auf und lebt heute in Rödersheim. Bereits früh kam er mit Musik in Berührung, lernte zunächst Klavier, bevor er sich später autodidaktisch das Gitarrenspiel beibrachte. Erste Bühnenerfahrungen sammelte er als Sänger der Neustadter Coverband „Testsieger“. Parallel dazu entstanden immer wieder eigene Songs. Mitte der 2010er-Jahre veröffentlichte Selinger mit „hauptsache online“ sein erstes eigenes Album, das in Zusammenarbeit mit Produzenten in London entstand. Es folgten Konzerte mit eigener Band, Medienpräsenz und eine wachsende regionale Fangemeinde. 2015 gewann er den „Deutschmusik Songcontest“ und wurde zum „Musiker des Jahres“ gewählt. Danach wurde es musikalisch ruhiger um ihn. Nun kehrt der 38-Jährige mit dem Album „Irgendwann“ zurück. Seinem Stil bleibt er treu: handgemachte deutschsprachige Songs zwischen Singer/Songwriter-Pop und melancholischen Balladen.
Zur Sache: Das 1. Literaturvilla-Herrenhof-Festival
Welche Rolle spielt Freiheit als Wert in unserer demokratischen Gesellschaft? Worin besteht der Begriff der Freiheit und wie wird er umgesetzt? Am 6. und 7. Juni sollen im Rahmen des 1. Literaturvilla-Herrenhof-Festivals „Literatur und Freiheit“ diese Fragen literarisch ausgelotet werden.
Den Start des zweitägigen Festivals bildet am Samstagvormittag ein Creative-Writing-Workshop für Jugendliche zum Thema Freiheit(en) mit dem Autoren und Verleger Florian Arleth. Der Fokus wird dabei auf neuen Schreib- und Präsentationstechniken liegen wie performatives Schreiben, Schreibperformance sowie Kurz- und Kürzesttexte als Kommunikations- und Interaktionsprozesse. Die Ergebnisse des Workshops werden am zweiten Festivaltag vorgetragen.
Am Nachmittag werden sich in der Region etablierte Autoren, Zeitschriften und Verlage auf der Bühne vorstellen und – darunter die Herausgeberinnen der Literaturzeitschrift „PalatinArt.Magazin für Literatur und Kultur“ Ruth Ratter und Regina Reiser. Auch werden einige Autoren des aktuellen Heftes mit dem Titel „Architekturen“ ihre Texte auf der Bühne präsentieren.
Daran schließen die Autoren des Neustadter Literatennetzwerk TeXtur an. Es lesen Wolfgang Allinger, Jürgen de Bassmann, Natalia Kicheva, Pyale Kiliç-Wendel und Michael Saenger eigene Texte, die sie zum Thema „Literarische Freiheiten“ verfasst haben. Am frühen Abend werden Ingrid Samel und Elke Engelhardt die in Neustadt ansässige Zeitschrift „Wortschau“ vorstellen und eigene Texte zum Thema Freiheit präsentieren. Anschließend werden junge Autoren des Brot&Kunst Verlags aus Haßloch ihre Vorstellungen von gegenwärtiger und vergangener Freiheit zum Besten geben.
Der erste Festivaltag endet mit einer Lesung der PEN-Autorin Marion Tauschwitz unter dem Motto „Hilde Domin und die Freiheit“ und musikalischer Begleitung der Cellistin Katja Zakotnik. Anschließend wird es eine Podiumsdiskussion mit dem Publikum und einigen Autorinnen und Autoren des Festivals geben.
Der zweite Festivaltag findet einen offenen Ausklang in Form eines musikalisch-literarischen Picknicks mit dem Mark Selinger Trio und diversen Autoren der beiden Festivaltage.