Kapitalmarkt
Auftrieb für Aktienkurse
Ist die Party an den Börsen also vorbei? Nein, meint Joachim Schallmayer von der Dekabank. „Der Rücksetzer am Dienstag bedeutet noch keine Trendumkehr. Denn sowohl die Konjunkturdaten als auch die Unternehmensberichte, die wir zuletzt gesehen haben, fielen besser aus als erwartet.“ Die Deka hält es daher für möglich, dass der Deutsche Aktienindex (Dax) in den nächsten Monaten die Marke von 16.000 Zählern erreicht – daran würden auch „leicht steigende Zinsen“ nichts ändern, meint Schallmayer.
Der Börsenrutsch am Vortag hat zur Wochenmitte zahlreiche Käufer an den deutschen Aktienmarkt gelockt. Bis zum Abend baute der Dax seine frühen Gewinne aus und stieg um gut 2 Prozent auf 15.171 Punkte.
Erwägungen von Zinsanstieg in den USA schickten Börsen am Dienstag auf Talfahrt
Von einem möglichen Zinsanstieg hatte am Dienstag US-Finanzministerin Janet Yellen gesprochen – und damit die Kurse in Europa sowie an der US-Technologiebörse Nasdaq auf Talfahrt geschickt. Denn die niedrigen Zinsen beiderseits des Atlantiks gehören zu den wesentlichen Treibern der Kursrallye, die schon vor rund einem Jahr einsetzte. „Dass die Rallye ins Stocken gerät, erwarten wir erst im zweiten Halbjahr, weil dann sicher verstärkt über die Notwendigkeit diskutiert werden wird, dass die US-Notenbank ihre Geldpolitik strafft“, sagt Schallmayer. Für den Herbst erwartet die Deka einen leichten Kursrückgang. Schon im Frühjahr 2022 könnte der Dax nach ihrer Prognose aber wieder über 16.000 Punkte steigen.
Ähnlich beurteilt Markus Wallner von der Commerzbank die Lage. „Ab dem Sommer wird es nicht mehr so steil bergauf gehen“, meint er. „Die Inflationssorgen dürften zunehmen, getrieben auch durch Lieferengpässe wie bei den Halbleiter-Chips. Die Konjunktur frisst ein Stück weit sich selber.“ Für das zweite Quartal ist er aber noch optimistisch: „Die Bilanzsaison läuft hervorragend, so viele Gewinnanhebungen wie in den Berichten fürs erste Quartal hat es seit Jahren nicht gegeben. Auch für das zweite Quartal erwarten wir gute Ergebnisse, zumal einige Unternehmen von den Preissteigerungen profitieren, aber das wird dann auslaufen.“
Anleger werden bei Krisen-Gewinnern vorsichtiger
Merklich vorsichtiger werden Anleger schon jetzt bei Aktien von Unternehmen, die zu den Gewinnern der Coronakrise gehören. Die Anteilsscheine der Online-Essensbestellplattform Delivery Hero und des Softwareherstellers Teamviewer, der vom Homeoffice-Trend profitiert, notierten am Mittwoch weiter im Minus, nachdem sie bereits am Vortag kräftig Federn gelassen hatten. Die Fortschritte bei den Impfungen und die wachsende Hoffnung auf eine Lockerung der Corona-Regeln haben Zweifel geweckt, ob die Firmen ihr hohes Wachstumstempo halten können.
Bei US-Technologiewerten komme hinzu, dass ihre Attraktivität schon durch leichte Zinssteigerungen geschmälert werde, sagte Sven Lehmann von HQ Truste. „In Phasen steigender Zinsen schlagen sich auch konjunkturabhängige Unternehmen gut. Diese Zykliker sind derzeit noch günstiger als Tech-Aktien – deshalb schichten nun einige Anleger um.“
Gesellschaften ohne Geschäft streben an die Börse
Aufs Börsenparkett streben zunehmend Gesellschaften, die man als Hülle bezeichnen könnte. An der Frankfurter Börse debütierte in dieser Woche eine AG, die weder Produkte noch Dienstleistungen anbietet. Einziger Daseinszweck der Obotech Acquisitions SE ist, ein anderes Unternehmen zu kaufen – wobei das Übernahmeziel nicht feststeht. Trotz dieser Ungewissheit steckten Investoren 200 Millionen Euro in Obotech. Der Börsengang der Gesellschaft liegt voll im Trend: In den USA schafften im vergangenen Jahr über 200 solcher Unternehmen den Sprung aufs Parkett.
