Wirtschaft 350 Jobs in Wörth auf der Kippe
«Wörth». Der Stuttgarter Daimler-Konzern hat jetzt mit der Umsetzung seines Kostensenkungsprogramms Stream im Bereich Mercedes-Benz-Lkw begonnen. Nach Informationen der RHEINPFALZ läuft das im Lkw-Werk im südpfälzischen Wörth auf den Abbau von rund 350 der gut 11.100 Arbeitsplätze hinaus.
Diese Größenordnung des Stellenabbaus wollten gestern zwar weder das Unternehmen noch der Betriebsrat kommentieren. Eine Daimler-Sprecherin und der Wörther Betriebsratsvorsitzende Thomas Zwick bestätigten aber, dass mit den Betroffenen Gespräche über ein vorzeitiges Ausscheiden begonnen hätten. Das Unternehmen bietet Abfindungen, Frühpensionierungen und Altersteilzeit an. Wer ein Angebot innerhalb von drei Monaten nach dem Gespräch annimmt, erhält eine sogenannte Turboprämie extra. Aber keiner könne zur Annahme eines solchen Angebots gezwungen werden, sagte Zwick. In Deutschland sind bei Daimler betriebsbedingte Kündigungen durch eine Betriebsvereinbarung bis Ende 2020 ausgeschlossen. Die Stream-Gespräche sollen bis Juli laufen. Das Sparprogramm entstand, wie Anfang April berichtet, aus einem Vergleich der Fixkosten von Mercedes-Benz-Lkw mit den Kosten von Wettbewerbern in Bereichen außerhalb der Produktion – also in Verwaltung, Vertrieb und Entwicklung. Bei Mercedes-Lkw liegt der Anteil dieser Kosten am Umsatz bei 28 Prozent. Bei effizienteren Wettbewerbern seien es nur 21 Prozent, war aus dem Unternehmen zu hören. Diese Differenz summiere sich bei Mercedes-Lkw auf gut 800 Millionen Euro im Jahr. Mit Stream, das für Structural Excellence at MB Trucks steht, sollen die jährlichen Kosten ab 2018 um 400 Millionen Euro gesenkt werden. Daimler rechnet dafür mit einem einmaligen Aufwand von 500 Millionen Euro. Gut die Hälfte der ab 2018 jährlich angestrebten Einsparsumme von 400 Millionen Euro wird auf Personalkosten entfallen. Nach Schätzungen informierter Kreise wird das zum Abbau von rund 2000 der weltweit 26.000 Arbeitsplätze bei Mercedes-Benz-Lkw führen. Die Maßnahmen zielen ausdrücklich nicht auf die Produktion, sondern auf die sogenannten indirekten Bereiche. Dort beschäftigt Mercedes-Benz-Trucks weltweit 15.000 Mitarbeiter. Darunter sind 3600 in der weltweit größten Lkw-Fabrik in Wörth, 2000 in der Stuttgarter Konzernzentrale und 1450 am Standort Mannheim, wo vor allem Motoren für Nutzfahrzeuge gebaut werden. In Deutschland sind zudem die Fabriken Gaggenau und Kassel betroffen. Mit dem Sparprogramm will Daimler auch die Strukturen in der Verwaltung effizienter machen. Im Vergleich zu Wettbewerbern oder auch zur Daimler-Truck-Sparte in den USA gibt es nach Feststellung des Unternehmens bei Mercedes-Benz-Trucks zu viele Führungskräfte. Deshalb wird es auch Einschnitte bei den leitenden Führungskräften geben. In Wörth soll es dem Vernehmen nach demnächst zum Beispiel – ähnlich wie in Mannheim und an anderen Standorten – keinen auf Ebene E1 eingestuften Werkleiter mehr geben, sondern einen Standortverantwortlichen auf der Stufe E2. Von den 78.600 Beschäftigten bei Daimler Trucks mit den sechs Marken Mercedes-Benz in Europa und Lateinamerika, Freightliner, Western Star, Thomas Built Buses in Nordamerika, Fuso in Japan und Bharat-Benz in Indien rechnet Daimler weltweit 26.000 Mitarbeiter zu Mercedes-Lkw. Davon arbeiten 11.000 in der Produktion. Bei Stream sind die außen vor. Die Märkte für Mercedes-Lkw in Lateinamerika und der Türkei sind eingebrochen, während das Geschäft in Europa stabil läuft und in Russland eine Erholung spürbar ist. Gegenüber 2011 sei der Gewinn bei Mercedes-Lkw um gut 80 Prozent gesunken, hieß es. Wörth sei gut ausgelastet, sagte die Daimler-Sprecherin. In diesem Jahr habe es bisher acht zusätzliche Samstagsschichten gegeben. Die Verträge der rund 500 Leiharbeiter in Wörth wurden bis Ende des Jahres verlängert. Kommentar