Rheinpfalz Zwei linke Füße

Nach den Regeln des Deutschen Tanzsportverbandes bewegt sich hier wohl keiner. Auch dafür: Danke, Inklusionsball. Links im Bild:
Nach den Regeln des Deutschen Tanzsportverbandes bewegt sich hier wohl keiner. Auch dafür: Danke, Inklusionsball. Links im Bild: Anja und Klaas.

Beim „Inklusionsball“ in Ludwigshafen feiern Menschen mit und ohne geistige Behinderung zusammen. Wer hingeht, stellt fest: Auch Menschen

mit Handicap können Selbstironie. Und: Irgendwann verschwimmen die Unterschiede. Was durchaus gewollt ist. Von Daniel Krauser

Das wird jetzt zunächst klingen wie ein Behindertenwitz. Stehen zwei mutmaßlich geistig Behinderte vor der Türe des Heinrich-Pesch-Hauses in Ludwigshafen. Sagt der eine: „Unn: Wie heeschdn du?“ Sagt der andere: „Ah – kää Ahnung!“ Das wird jetzt kein Behindertenwitz. Was damit zusammenhängt, was jetzt passiert: Zwei geistig behinderte Menschen fangen an, sich kaputtzulachen, die umstehenden Mitraucher, Angehörige wahrscheinlich, stimmen nach kurzem Zögern leicht verunsichert mit ins Gelächter ein. Wenn man eine Erkenntnis zum Thema „Inklusion“ von diesem Abend mitnimmt, dann vielleicht diese, und die ist eigentlich ganz banal: Man traue Menschen mit Behinderung mehr zu. Selbstironie beispielsweise. Und das Spiel mit der Erwartungshaltung der sogenannten Normalen. Man streift dann eine These, die Daniela Meiser im Vorfeld des heutigen Abends so pointiert hat: „Viele können sich gar nicht vorstellen, was Menschen mit Behinderung alles mitkriegen.“ Womit dieser Samstagabend eigentlich eine gute Gelegenheit böte, die eigenen Vorstellungen zu korrigieren: Herbstball unter dem Motto „Lange Nacht der Inklusion“ im Heinrich-Pesch-Haus. Will sagen: Gemeinsame Fete von Menschen mit und ohne geistige Behinderung. Organisiert vom „Club 86 Ludwigshafen“, dessen Vorsitzende Meiser ist. Unter dem Dach der Diözese Speyer organisiert der Freizeitclub im Pesch-Haus wöchentliche Gruppentreffen von rund 40 meist älteren Menschen mit Handicap, man macht Exkursionen, bastelt – oder man bespricht aktuelle Themen, die Flüchtlingsdebatte beispielsweise. Weil heute Inklusionsball ist, tanzen Anja und Klaas, in den Behinderten-Werkstätten Schifferstadt respektive Maudach beschäftigt, gerade zu Abba, „Super Trouper“. Wird man sich gleich mit einem jungen Mann beim Rauchen über die bevorzugte Fluppenmarke unterhalten – und gar nicht mitkriegen, dass der Gesprächspartner geistig behindert ist. Und weil heute Ball ist, besteht endlich die Gelegenheit, das Thema „Inklusion“ mal abseits von medialen und ideologischen Aufgeregtheiten wahrzunehmen. In der öffentlichen Debatte ist der Begriff, seit 2009 nach UN-Vorgabe auch in Deutschland als Menschenrecht definiert (siehe Kasten), nämlich so etwas wie ein Synonym für die scheinbar galoppierende Dysfunktionalität staatlichen Handelns: Landestypisch verkopft, landestypisch unheimlich gut gemeint – und landestypisch mit unzureichenden Mitteln mehr schlecht als recht umgesetzt. „Der alltägliche Irrsinn an deutschen Schulen“ hat das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ im laufenden Jahr eine Bestandsaufnahme des inklusiven Unterrichts an deutschen Schulen betitelt, und der Titel geht wirklich fast in Richtung Behindertenwitz. Inklusion umfasst allerdings weit mehr als nur gemeinsamen Unterricht an Regelschulen: „Das Hauptproblem ist, dass behinderte Menschen in vielen Bereichen vom Alltagsleben ausgeschlossen sind“, sagt Meiser. Und sei es bloß, weil manche Leute partout nicht verstehen, dass man Gemälde eben auch mal anfassen will. Andreas Fröhlich war mal mit einer Gruppe geistig behinderter Menschen in der Pfalzgalerie in Kaiserslautern. „Die Mitarbeiterin war kurz vorm Herzinfarkt“, sagt Fröhlich, der lange am Institut für Sonderpädagogik an der Uni Landau gelehrt hat. Fröhlich arbeitet bis heute vor allem mit mehrfach Eingeschränkten – und müht sich dabei auch um das, was mit einem Modebegriff „kulturelle Teilhabe“ heißt. „Man müsste sich einfach mal fragen: Warum sollte ein geistig behinderter Mensch nicht an einem schönen Mozart-Quartett seine Freude haben“, sagt Fröhlich. Der Austausch zwischen den verschiedenen Lebenswelten auf Augenhöhe und ohne Wertung, den der Begriff „Inklusion“ eigentlich meint – der ist im Beispielfall aber eben nur möglich, wenn Konzertbesucher mit Gruppen von geistig Behinderten zurechtkommen, die ihrer Begeisterung auch lautstark Ausdruck verleihen. Weshalb Fröhlich auch von den „gewaltigen Anforderungen“ spricht, die die Inklusion stelle, die er ein „Menschheitsprojekt“ nennt – und weshalb er seitdem wohl auch nicht mehr mit einer Gruppe geistig behinderter Menschen in der Kaiserslauterer Pfalzgalerie war. „Man muss im Umgang flexibel sein – und vielleicht können das viele nicht“, sagt Lisa Bröstler, eine von zwei hauptamtlichen Mitarbeitern des „Club 86“, zuvor lange, seit ihrem 16. Lebensjahr, ehrenamtlich aktiv. „Dafür kriegt man dann auch was zurück“, sagt sie, „ehrlich und direkt.“ Kleiner Plausch mit Bröstler, Anja, David und Klaas am Rand des Inklusionsballs. Anja wollte gleich am Anfang wissen, Stichwort „direkt“, ob man Bröstlers Freund ist. Leider nein, aber gut, dass der Frontverlauf von vorneherein abgesteckt ist. Anja, die in Speyer in einer WG lebt und in den Schifferstadter Werkstätten arbeitet („immer was anneres“), hat selbst einen Freund, „einen Verlobten“, korrigiert Anja, der heißt Thomas. Die beiden sind in Speyer wohl im Stadtbild präsent, händchenhaltend beim Einkaufen. Das sieht in der Domstadt der eine oder andere durchaus mit Befremden, meint Bröstler. Der heutige Inklusionsball böte eigentlich die Möglichkeit, jene existenzielle Fremdheit im Umgang mit dem anderen, dem Ungewohnten und Verschiedenen zu überwinden – man ist aber augenscheinlich dann doch eher unter sich, Betreute, Betreuer, Angehörige. Was für die, die nicht da sind, einfach deshalb schade ist, weil sie damit eine Chance zur Wahrnehmungsverschiebung verpassen: Je länger man drinsteht in jenem Treiben zwischen Ballsaal mit Band, Bierbänken und Tanzfläche, zwischen Essensständen und Sitzecken – desto schwerer fällt es zu unterscheiden, wer hier überhaupt behindert ist und wer nicht. Weshalb man sich beim Rauchen geschlagene zehn Minuten mit dem jungen Mann mit Ziegenbart und Baseballkappe über Zigarettenmarken und Tombolagewinne unterhält, bevor einem dämmert, dass der Gesprächspartner wahrscheinlich eher Klient als Betreuer ist. „Bistn Türke?“, fragt der junge Mann, wieder Stichwort „direkt“. „Du sprichst wie’n Türke. Oder ein Franzose.“ Solche Missverständnisse waren früher natürlich eher selten – als man geistig behinderte Menschen auf dem Lande teilweise noch im Hühnerstall untergebracht hat. Und vielleicht hilft der Blick auf die Historie, den existenziellen Sinn des Begriffs „Inklusion“ wieder stärker herauszuarbeiten. Menschen mit geistiger Behinderung „gab es nicht in der Öffentlichkeit“, sagt Siegmund Crämer. „Es hieß: Ab in die Anstalt – oder zu Hause verstecken.“ Crämer darf als ein Pionier des Inklusionsgedankens gelten, mit dessen ideologischer Überfrachtung er freilich wohl wenig anfangen kann: Er hat Mitte der 1960er-Jahre die Bad Dürkheimer Lebenshilfe gegründet, war deren langjähriger Vorsitzender – und er hat den Verein zu einer weit über die Pfalz hinaus bekannten Institution gemacht, mit unter anderem Tagesbildungsstätte, Werkstatt, inklusivem Kindergarten und Wohngruppen. Er hat ein Buch über jenen Prozess geschrieben, der auch ein langsames, mühevolles Öffnen der Mehrheitsgesellschaft war („Mein Lebens-Weg mit der Lebens-Hilfe Bad Dürkheim“), und dort definiert er die Grundmaxime seiner Arbeit, eigentlich den Charakter von Inklusion, als „Gleichheit in einem gegenseitigen Angenommensein“. Von der im Übrigen beide Seiten profitieren könnten, meint Andreas Fröhlich. „Der Umgang mit geistig behinderten Menschen entlastet – vom Zwang der Selbstoptimierung“, sagt der Kaiserslauterer. Wie recht der Mann hat, zeigt sich später am Ballabend: Nachdem man eine geschlagene Viertelstunde mit sich gerungen hat, ob man jetzt tanzen geht oder nicht, fragt man den jungen Mann, der neben einem ebenfalls nur rumsteht, warum er eigentlich ebenfalls nur rumsteht. „Ich kann nicht tanzen“, sagt der junge Mann mit entwaffnender Ehrlichkeit. Die conditio humana: zwei linke Füße. Danke, Inklusionsball.

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